Job-Pionierinnen

Hallo, Neuland!

Wie werden wir in Zukunft arbeiten, und worauf kommt es an? Diese vier Pionierinnen wissen es und gestalten die Job-Entwicklung aktiv mit.

Veröffentlicht am 14.03.2018

„Vergesst Lehrbücher“

Angelika Kambeck, 46, ist Personalchefin und Expertin für digitale Transformation – bei einem Metallkonzern.

Angelika Kambeck.

Frau aus Stahl? Im Gegenteil. Angelika Kambeck setzt auf Werte wie Kommunikationsfähigkeit. 


Frau Kambeck, wie macht man ein über 100 Jahre altes Traditionsunternehmen fit für das digitale Zeitalter?
Der Schlüssel ist, die Kommunikation und gemeinsamen Lernprozesse in Gang zu bringen. Ich erkläre Mitarbeitern immer wieder, warum dieser Prozess wichtig ist und wo Chancen und Risiken liegen. Dabei stelle ich viele Fragen: Wie geht es Ihnen dabei? Wie können wir Sie da mitnehmen? Man sieht sehr schnell, wer Lust auf Veränderung hat. Außerdem biete ich Mitarbeitern an, sich zu digitalen Themen fortbilden zu können.

Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?
Heute geht grundsätzlich nichts mehr nach Lehrbuch. Stattdessen muss man auch mal ungewohnte Wege einschlagen, um die beste Idee zu entwickeln und dann umzusetzen. Wenn am Ende etwas ganz anderes dabei herauskommt als anfangs gedacht: umso besser.

Welche Eigenschaften braucht es, um in einem Konzern etwas zu bewegen?
Fachkompetenz. Aber vor allem muss man sich durchbeißen, darf sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, sondern sollte sie sich verzeihen. Außerdem: Man muss dazulernen wollen. Sich immer wieder neu anzupassen, ohne sich selbst aufzugeben, gehört zum Anforderungsprofil unserer Zeit. Kann man das lernen? Man kann fast alles trainieren. Wer erfolgreich sein will, muss bereit sein, die Komfortzone zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen. Das liegt nicht jedem, was okay ist, jeder hat andere Stärken, und man braucht gute Leute auf allen Ebenen.

Wer tut sich leichter: Männer oder Frauen?
Frauen sind oft eher der Sache verpflichtet, sie bewerben sich erst, wenn sie meinen, dass sie es 100-prozentig können. Weibliche Führungsnachwuchskräfte brauchen manchmal etwas mehr Ermutigung. Übrigens bewegt sich der Trend vom Einzelkämpfer zum Teamplayer: In der modernen Arbeitswelt ist zunehmend die Fähigkeit gefragt, gemeinsam Dinge voranzutreiben – das können Frauen gut. Mit einem großen Ego allein macht in Zukunft niemand mehr Karriere. 

Ihre Prognose: Unternehmen werden in Zukunft heterogener sein – und zwar in jeder Hinsicht: Geschlecht, Kompetenzen, Verhalten und Herkunft. Die Chance: sich beruflich weiterzuentwickeln oder sich noch einmal ganz neu zu erfinden – alles ist möglich. 

„Das Thema ,Kinder und Job' neu denken"

Katja Thiede, 35, und Silvia Steude, 45, haben ein neuartiges Coworking-Konzept erfunden.

Katja Thiede und Silvia Steude.

Kinder sind kein Problem, sondern eine Chance. Daraus haben Katja Thiede (r.) und Silvia Steude ein Geschäftsmodell entwickelt. 


Als Katja Thiede und Silvia Steude sich vor drei Jahren über das Netwerk Mompreneurs kennenlernten, hatten sie ähnliche Erfahrungen gemacht: Beide wollten nach der Geburt ihrer Kinder schnell wieder arbeiten, bekamen aber erst mal keinen Betreuungsplatz. Die PR-Expertin Katja Thiede konnte mit ihrer wenige Monate alten Tochter zu Hause nur davon träumen, sich als Texterin selbstständig zu machen. Und die Architektin Silvia Steude suchte nach ihrem Umzug von New York nach Berlin vergeblich einen Vollzeitjob plus passender Kita für ihren einjährigen Sohn. 

Die beiden hätten sich mit der Situation arrangieren können, nach dem Motto: Ist halt so. Doch Katja Thiede und Silvia Steude ticken anders. Sie fassten einen Plan: Es gibt keinen Ort, an dem Eltern arbeiten und ihre Kinder mitbringen können? Dann schaffen wir ihn eben! Im Juni 2016 war es so weit: In einer geräumigen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg eröffneten sie Juggle Hub, einen Coworking-Space mit Kaffeemaschine, Büro- und Veranstaltungsräumen sowie angeschlossener Kleinkinder-Betreuung. Das Besondere: Die beiden vermieten nicht einfach nur Arbeitsplätze und Babysitter, sie bauen zugleich eine Community auf – inklusive Events, Workshops und Coachings. Katja Thiedes Fazit nach beinahe zwei Jahren: „Klar war es ein Risiko, unsere bisherigen Jobs an den Nagel zu hängen, aber es hat sich gelohnt. Unser Konzept funktioniert.“

Und tatsächlich, schon beim Betreten der lässig-funktional eingerichteten Büros fällt auf, wie ruhig es ist. Eine Handvoll Männer und eine Frau sitzen konzentriert an ihren Schreibtischen, ein kleines Mädchen schaut kurz bei seinem Vater vorbei, dann verschwindet es in Richtung Spieleraum. „Uns ist es wichtig, nicht als Muttiladen abgestempelt zu werden“, sagt Katja Thiede, „die Leute, die zu uns kommen, wollen effizient arbeiten, und weil sie wissen, dass ihr Kind in guten Händen ist, können sie das bei uns stressfrei tun.“ Willkommen ist ohnehin jeder, ob mit oder ohne Kind.

Bis 16 Uhr kann man seinen Betreuungsbedarf für den nächsten Tag anmelden. Im Schnitt sind die Kinder zwischen eins und drei Jahre alt. Eine vollwertige Alternative zur Kita bietet Juggle Hub aber nicht, eher einen Ort, um Engpässe zu überbrücken. 18 Euro kostet ein Tagespass, außerdem gibt es gestaffelte Mitgliedschaften ab 79 Euro im Monat. Dazu kommen, bei Bedarf, 10 Euro pro Betreuungsstunde. Kein Pappenstiel, dafür aber zu zwei Dritteln steuerlich absetzbar. „Wir raten unseren Kunden, diese Kosten in ihre Honorarkalkulation einfließen zu lassen“, sagt Katja Thiede. Vor allem Männer – gut die Hälfte ihrer Kunden – hätten damit meist kein Problem. „Die sind pragmatischer.“ Frauen täten sich da noch schwerer: „Für ihre Arbeit selbstbewusste Forderungen zu stellen fällt vielen nicht leicht, da muss ein Umdenken stattfinden“, sagt Silvia Steude.

Inzwischen interessieren sich auch größere Firmen wie Coca-Cola für Juggle Hub, sie wollen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, Karriere und Kind leichter unter einen Hut zu bekommen, indem sie die Kosten für den Coworking-Space übernehmen. Sie haben erkannt: Entspannte Eltern liefern bessere Arbeit. Klassische Win-win-Situation.  

Zukunftswunsch: Mehr Lockerheit bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In vielen Unternehmen gelten Kinder immer noch als Stressfaktor. Menschen bekommen Nachwuchs, es wäre wünschenswert, wenn sich diese Tatsache selbstverständlich in den Arbeitsstrukturen widerspiegelt. 

„Ich weiß, was ich kann"

Dilek Gürsoy, 41, hat als erste Frau in Europa ein Kunstherz verpflanzt. 

Dilek Gürsoy.

Nicht alle gönnen Dilek Gürsoy ihren Erfolg. Sie macht trotzdem weiter – als Ansporn für die Jüngeren. 


Wenn Dr. Dilek Gürsoy Leben rettet, tut sie das in aller Ruhe. Mit routinierten Bewegungen arbeitet sie sich so lange durch den offenen Brustkorb ihrer Patienten, bis sie es schließlich in den Händen hält: das Herz. Es ist nicht mehr in der Lage, seine Funktion zu erfüllen, deshalb ersetzt die Chirurgin es durch eine künstliche Version.

Die Deutschtürkin ist die erste Frau in Europa, die diese Implantationstechnik beherrscht. Weil die Wartelisten für menschliche Spenderherzen lang sind, sind immer mehr Patienten mit schwerer Insuffizienz auf ein künstliches Organ angewiesen. Man muss kein Mediziner sein, um sich vorzustellen, wie viele Risiken so eine Opera­tion birgt. „Ein Kunstherz ist etwas Besonderes“, sagt Dilek Gürsoy, „die meisten Chirurgen sind damit nicht vertraut.“ 

So ist das auch an ihrem neuen Arbeitsplatz. Seit Herbst 2016 ist die 41-Jährige Oberärztin am Klinikum Links der Weser in Bremen. Obwohl sie dort als Einzige Kunstherzen implantieren kann, musste sie Chef und Kollegen erst einmal von ihren Fähigkeiten überzeugen. Ihr Fachgebiet werde von Männern dominiert, erzählt sie. „Da wird man erst mal skeptisch beäugt, schon weil jeder von sich glaubt, er sei der Beste.“ Dilek Gürsoy lacht, als sie hinzufügt: „Aber ich denke das ja von mir auch, deshalb lasse ich mich nicht einschüchtern.“

Die Tochter türkischer Gastarbeiter, die 1969 nach Neuss gekommen waren, musste ihren Weg allein gehen. Ihr Vater starb Ende der 80er, ihre Mutter, die nie eine Schule besuchen durfte und seit 45 Jahren am Fließband arbeitet, zog ihre drei Kinder ­allein groß. Sie selbst sei nicht die beste Schülerin gewesen, erzählt Dilek Gürsoy, aber sie habe schon früh gewusst, dass sie Chi­rurgin werden wollte: „Für mich hat so eine Herz­operation etwas Ästhetisches. Es ist Kunsthandwerk.“

Dilek Gürsoy wirkt alles andere als verbissen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist warmherzig und lebenslustig. Und sie verfolgt unbeirrt ihr Ziel. Mit Deutschlands Herzkoryphäe Professor Reiner Körfer arbeitet sie zurzeit an einem Kunstherz, das ohne Kabel und externes Antriebssystem auskommt. Wenn alles gut geht, soll die Weltneuheit 2020 erstmals implantiert werden. Kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Ausnahmemedizinerin aufmerksam wurde und sie vergangenes Jahr zum Gedankenaustausch traf.

Dilek Gürsoy ist ein Star ihrer Zunft – einerseits. Andererseits wird sie immer wieder unterschätzt. Erst neulich stand sie mit Kollegen in der Krankenhauskantine, alle in Arztkitteln. „Und jetzt raten Sie mal, wer von uns für die Küchenkraft gehalten wurde!“ Sie erzählt das flapsig, als würde das alles von ihr abperlen. Aber man hört den Trotz in ihrer Stimme, wenn sie sagt: „Ich habe hart für meinen Erfolg gearbeitet, und ich will für jüngere Kolleginnen und Kollegen ein Ansporn sein, deswegen erzähle ich meine Geschichte.“

Ihre Prognose: Der Arztberuf wird weiblicher, bisher aber vor allem in Fachrichtungen wie Innere Medizin, Gynäkologie oder Radiologie. Mehr Chirurginnen ­bekommen wir nur, wenn sich die Männer­cliquen in den Führungsebenen öffnen.