Kinder kriegen

Ja. Später. Vielleicht. Oder nie?

Ob man Kinder bekommen soll und wenn ja, wann, ist nicht immer eine leichte Entscheidung – gerade für Frauen zwischen 30 und 40. Sechs Frauen erzählen, welche Gedanken sie am meisten beschäftigen.

Veröffentlicht am 20.04.2018
Baby.

Ein Baby stellt das Leben auf den Kopf – für lange Zeit. 


„Ich will unabhängig bleiben“

Antonia, 36, Innenarchitektin

Dass ich keine Kinder möchte, weiß ich schon sehr lange. Als ich mit 25 meinen Freund kennenlernte – er ist drei Jahre jünger als ich –, war das nie ein Thema. Es war einfach klar, dass keiner von uns beiden heiraten und Familie will. Ich mag mein Leben so, wie es ist, mit Kindern konnte ich noch nie viel anfangen. Manchmal drücken mir Freundinnen ihr Baby in den Arm, vermutlich denken sie, das ändert was. Tut es aber nicht. Ich sehe auch, wie unglücklich viele Familien sind. Besonders wenn sich der Nachwuchs nicht wie gewünscht entwickelt. Neulich war ich bei meiner Frauenärztin, und sie sagte: „Eine kluge Entscheidung, mein Sohn ist 15 und so undankbar.“ Natürlich bin ich auch egoistisch, ich will unabhängig sein. Viele meiner Freundinnen sind abgetaucht in ihre Familienblase, vielleicht kann man in zehn Jahren wieder normal mit ihnen reden. Sie sagen: „Du weißt gar nicht, was es heißt, richtig erschöpft zu sein.“ Als hätte ich kein Recht mehr darauf, müde zu sein. Ab und zu werde ich gefragt, ob ich eine Familie plane – viele halten das für ein gutes Small Talk-Thema. Ich sage ihnen dann ganz direkt, dass mir das zu privat ist.

„Endlich den richtigen Mann getroffen“

Henrike, 31, Gründerin 

Vor ein paar Jahren hätte ich auf die Babyfrage geantwortet: Vielleicht, aber eher nein. Ich war immer an Männer geraten, die sich nicht festlegen wollten und mir das Gefühl gaben, es könnte noch was Besseres kommen. Das hat sich jetzt komplett geändert. Seit einem Jahr habe ich einen Partner, der mit mir eine Familie gründen möchte. Wir sind schnell zusammengezogen, es war, als sei bei mirinnerlich ein Knoten geplatzt. Früher hatte ich ständig Zweifel, ob ich bereit wäre, mich einzuschränken für ein Kind, ob die Partnerschaft das trägt. Das ist vorbei. Wir wollen beide. Ich kann mir überhaupt keinen anderen Vater für meine Kinder vorstellen. Wegen meiner Migräne soll ich nicht hormonell verhüten, wir lassen es jetzt einfach darauf ankommen. Dabei wäre es schön, wenn wir noch Zeit hätten für ein paar Reisen zu zweit, mal sehen. Ich habe eine eigene Firma und bin da ziemlich eingespannt, als Mutter könnte ich auf zwei, drei Tage die Woche reduzieren, wenn ein Mitarbeiter einen Teil meiner Arbeit übernimmt. Mein Partner würde zumindest ein paar Monate in Elternzeit gehen. Diese Aufteilung wäre für mich absolut okay.

„IVF kommt nicht in Frage“

Vanessa, 38, Ingenieurin 

Seit acht Jahren bin ich verheiratet, wir wollten immer Kinder, aber nicht sofort. Auch weil es beruflich gut lief, seit vier Jahren bin ich Teamleiterin. Wäre ich in die Babypause verschwunden, hätte ich den Job nie bekommen. Seit zwei Jahren verhüte ich nicht mehr, wir dachten, jetzt passt es. Aber ich wurde nicht schwanger. Im ersten Jahr haben wir das noch locker gesehen. Aber je mehr Zeit verging, umso krampfhafter haben wir es versucht – Sex nach Kalender. Wir stritten immer öfter. Kürzlich ließen wir uns gründlich untersuchen. Dabei kam raus, dass es bei mir hormonelle Probleme gibt. Meine Ärztin riet mir, mich an ein IVF-Zentrum zu wenden. Die Vorstellung, durch eine Medizin-Maschinerie gedreht zu werden, weil aus einem Kinderwunsch ein Zwang wird, finde ich total abschreckend. Ich bin ziemlich traurig, mein Lebenstraum scheint unerreichbar. Ich hoffe, dass es trotzdem klappt. Solche Fälle gibt es ja. Das Schicksal soll entscheiden.

„Angst, als Single den Zeitpunkt zu verpassen“

Rosa, 32, Juristin 

Eine Freundin hat in fünf Jahren vier Söhne bekommen. Sie ist die geborene Mama, und es ist schön, das zu sehen. Doch ich glaube, das ist nicht meine Welt. Seit ich 17 bin, habe ich feste Beziehungen, und auch wenn die Männer gewollt hätten: Das Bedürfnis, schwanger zu werden, spürte ich nie. Es ist nicht so, dass ich Kinder nicht mag, aber mir wird bei Babyfotos einfach nicht warm ums Herz. Seit einem Jahr bin ich nun Single – und plötzlich hab ich Angst. Davor, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, unvollständig zu bleiben. Dieses gönnerhafte „Du hast doch noch so viel Zeit“ empfinde ich dabei als am unverschämtesten. Als hätten Frauen jenseits der 40 das Recht, mir zu erklären, wie es um meine Reproduktionsfähigkeit steht. Meine Mutter sagt: „Dann machst du halt Karriere.“ Auch das tut weh. So ein dumpfer Phantomschmerz. Weil es klingt, als hätte sie die Hoffnung längst aufgegeben. Ja, ich weiß, es ist schizophren: Dass ich (noch immer) die Wahl habe, sollte mir ein Gefühl von Freiheit geben – doch das Nicht-wissen-was- kommt macht diese Freiheit manchmal unerträglich. Freiheit muss man aushalten können. Ob ich es kann und vor allem, wie lange noch – keine Ahnung.

„Da tickt nichts“

Britta, 39, Apothekerin 

Es gefällt mir, die Kinder meiner Freundinnen aufwachsen zu sehen. Lauter Töchter, jede ist auf ihre Art witzig und liebenswert. Aber ich selbst wollte nie Mutter werden. Als Teenager habe ich angefangen, mich für Tier- und Umweltschutz zu interessieren, und ich fragte mich: Ist es verantwortungsvoll, in diese Welt Kinder zu setzen? Nein. Dabei ist es geblieben. Ich dachte noch, vielleicht tickt irgendwann die berühmte biologische Uhr, aber da tickt nichts. Mit meinem Freund bin ich seit 15 Jahren zusammen, ihm geht’s genauso. Unbewusst spielt bei mir vielleicht eine Rolle, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme. Manchmal war das Geld knapp, und meine Eltern sagen, sie hätten mir gern mehr ermöglicht. Sie haben sich Enkelkinder gewünscht, aber sie können meine Haltung akzeptieren. Ich komme vom Land, da finden es viele Leute seltsam, dass ich keine Familie gründe. Für mein direktes Umfeld spielt es überhaupt keine Rolle, ich stehe dazu.

„Verpasst – na und?"

Marie, 45, Fotografin 

Mir ging es nie um klassische Gesellschaftsnormen. Tanzkurs? Führerschein? Heiraten? Ich habe so ziemlich alles verpasst. Auch das Kinderkriegen. Ich versuche, im Moment zu leben, gelassen zu sein und darauf zu vertrauen, dass alles richtig ist, so, wie es ist. Bekannte haben immer wieder gefragt, ob ich keine Kinder will. Das ist übergriffig, aber es belastet mich nicht. Meine Ärztin – sie ist Chinesin – hat mir geraten, wichtige Entscheidungen bewusst zu fällen. Ob ich das beim Thema Kind gemacht habe, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass ich Entscheidungen nicht hinterfrage. Die Künstlerin Kiki Smith sagt: „Man kann nur das tun, was für den Moment Klarheit bringt.“ Ich war mit meinem Partner 14 Jahre zusammen, er hat mir nie Druck gemacht, und es hat nie etwas gefehlt. Er ist Musiker, vor zwei Jahren geriet er in eine Sinnkrise. Er verließ mich für eine Frau mit einem kleinen Sohn. Das hat mir schon einen kleinen Stich versetzt. Aber es ändert nichts an meiner Lebensphilosophie: Immer tun, was glücklich macht, dann ist alles gut.