Kinderwunsch

Jetzt, später, nie?

Warum die Entscheidung für ein Baby heute so schwierig geworden ist: Analyse eines Phänomens. Drei Frauen erzählen, wie sie ihr Leben stattdessen aktiv gestaltet haben.

Veröffentlicht am 08.02.2018
Schwangerschaftstests.

Ein Schwangerschaftstest schafft Klarheit – zu viel Klarheit, angesichts von diffusen Lebensplänen?


Es wirkt alles so easy: Halle Berry bekam ihre Kinder mit 4 und 47. Gianna Nannini wurde mit 54 Mutter, Monica Bellucci ein zweites Mal mit 45. Sie sind glücklich, attraktiv und beruflich erfolgreich. Dank Methoden wie künstlicher Befruchtung oder „Social Freezing“, also dem Einfrieren der Eizellen auf unbestimmte Zeit, ist die späte Mutterschaft eine Option für alle geworden. Heute sind auf Großstadtspielplätzen Mütter über 40 so normal wie Kindergeschrei und tropfende Eistüten.

Immer mehr Frauen schieben die Babyfrage auf, solange es geht. Genau genommen entscheiden sie sich also dafür, sich nicht zu entscheiden. Wieso auch? Es gibt keinen verbindlichen Lebensplan mehr und alles scheint möglich. Jede Option ist okay, jede hat Vor- und Nachteile. Aber der endlose Ozean an Möglichkeiten ist gleichzeitig die Hölle. Er macht unzufrieden und ungeduldig, setzt Optimierungsspiralen in Gang. Was tun? Es wird gegrübelt, geredet, diskutiert, aber entschieden? Wird meistens – nichts.

Wir leben im Zeitalter der Unentschlossenheit. Alle wollen alles, trauen sich aber fast nichts zu. Bloß kein Risiko eingehen, das Lieblingswort lautet „vielleicht“. Die Facebook-Formulierung „Es ist kompliziert“ für den persönlichen Beziehungsstatus ist längst mehr als das. Es ist ein Lebensgefühl.

Theresa Lange* ist typisch für die „Generation Maybe“, wie Soziologen die Unentschlossenen getauft haben. Eigentlich ist sie zupackend, eine Frau, die es liebt, Dinge voranzutreiben. Im Job hat es die Psychologin weit gebracht, vor Kurzem wurde sie zur Marketingchefin eines Konzerns befördert. Doch im Privatleben tut sich Theresa schwer, Entscheidungen zu treffen. Seit neun Jahren hat sie einen Partner, erst nach sieben Jahren und einer sechsmonatigen Trennung konnte sie sich dazu durchringen, mit ihm zusammenzuziehen. Und Kinder? „Wenn ich mir meine Zukunft vorstelle, dann sehe ich mich mit mehreren Kindern“, sagt sie, „aber wenn es konkret wird, scheue ich mich davor, Nägel mit Köpfen zu machen.“ Warum? Theresa Lange zuckt mit den Schultern: „Theoretisch ist alles in bester Ordnung, ich hatte eine schöne Kindheit, ich mag Babys und ich liebe meinen Freund. Aber ich fühle mich noch nicht bereit dazu.“

Also macht sie (wie Hunderttausende andere Frauen auch) einfach weiter und schiebt die Entscheidung auf. Es ist ja noch Zeit und das Leben bietet so viel: arbeiten, ausgehen, Freunde treffen, Reisen, mal mit, mal ohne Partner. Für den Job ein Jahr nach Dubai? Tolle Herausforderung. Spontan nach Mailand? Klar! Maximale Freiheit, minimale Limits. Es könnte ewig so weitergehen. Wäre da nicht die große Frage, die spätestens mit 40 eine klare Entscheidung verlangt: Will ich ein Kind oder nicht?

Generation maybe: Alle wollen alles, trauen sich aber nichts zu

Theresa Lange weiß, dass sie nicht mehr ewig Zeit hat. Sie ist jetzt 38, sollte sie schwanger werden, wäre sie schon jetzt eine „Spätgebärende“. Doch sie will sich nicht unter Druck setzen lassen: „Ständig fragen mich Kollegen, Freundinnen, Eltern, ja sogar die Nachbarn, ob ich schwanger sei.“ Dazu kämen die hysterischen Diskussionen im Freundeskreis. „Es geht nur noch um Vereinbarkeit von Job und Familie, Elternfrust, Kinderstress. Ich kann es nicht mehr hören,“ stöhnt sie.

Marlies Erné* dagegen hat sich (um-)entschieden – auf den letzten Drücker. Die erfolgreiche Malerin dachte lange, sie wolle keine Kinder. An der Uni sei es geradezu verpönt gewesen, sich ein Baby zu wünschen. Kunst und Kinder, hieß es, passen nicht zusammen. Und es sei ja auch was dran: „Kreativsein ist kein Nine-to-five-Job“, sagt die 42-Jährige, „manchmal stehe ich mitten in der Nacht auf, weil mir eingefallen ist, wie ich ein Bild zu Ende malen kann.“ Außerdem sehe sie sich als emanzipierte Frau, die sich von nichts und niemandem abhängig macht. Inzwischen ist sie im achten Monat schwanger. Wie das kam? „Es klingt vielleicht kitschig, aber ich habe realisiert, dass neben meiner Arbeit Platz für etwas anderes ist. Etwas, dass meinem Leben noch mehr Sinn gibt."

Glück geht, natürlich, auch anders. Annette Rückert* wusste schon mit 20, dass sie keine Kinder will. „Alle haben gesagt: ‚Warte mal ab, das ändert sich schon noch’. Aber es ist so geblieben.“ Heute ist sie 50, seit zwölf Jahren verheiratet und kinderlos happy. „Wir kennen viele Familien, wir fahren sogar in den Urlaub mit ihnen. Aber wenn ich sehe, wie gestresst die Eltern oft sind, bin ich froh, nicht an deren Stelle zu sein“, sagt sie. Als Werbefilmproduzentin ist sie sehr eingespannt, sie reist viel, muss ständig verfügbar sein. Und zu Hause genießt sie die Ruhe und die Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was ihr in den Sinn kommt. „Da ist kein Platz für Kinder.“

In einem erfüllten Leben, wird heutzutage suggeriert, müsse alles im XL-Format gelingen: Top-Karriere, Top-Beziehung, Top-Kinder, Top-Körper. Das erzeugt Druck und verdeckt den Blick auf das, worauf es wirklich ankommt. Und das ist viel unscheinbarer, als viele annehmen. Es geht darum, sein Leben aktiv zu gestalten. Wichtige Entscheidung zu treffen. Auch wenn sie unangenehm oder – wenn es um Kinder geht – nicht absehbar sind. Den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen ist eine trügerische Freiheit. Denn dann entscheiden die Umstände. Wie lautete der Slogan dieser erfolgreichen Werbekampagne nochmal? Don’t be a maybe! „Vielleicht“ ist keine Option.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.