Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Von Männern und Motoren

So gern würde York Pijahn bei dem typschen Männer-Spielchen „Wir reparieren das jetzt“ mitmachen. Leider geht das nicht, denn er ist handwerklich völlig unbegabt ...

Veröffentlicht am 23.03.2018
Illustration Werkzeug-Koffer

York Pijahn will bei „Wir Männer reparieren das jetzt“ mitmachen. Nur blöd, dass er handwerklich total unbegabt ist.


Vor meiner Wohnung steht mein Motorroller, die Schwalbe. Eigentlich ist die Schwalbe nur ein schnelles Mofa im Look eines Motorrollers. Sie stammt aus der DDR, ihr Lack blättert ab wie die Rinde einer Platane. Eine gehässige Exfreundin hat mal gesagt, die Schwalbe sehe aus, als hätte sich das Batmobil mit einem leprakranken Rollstuhl gepaart.

„Die Schwalbe ist wartungsarm wie eine Bratpfanne“, meinte der Bauer, von dem ich sie kurz nach der Wende mit meinem Freund Stulli gekauft habe. Für 50 Mark. Der Bauer hatte „Schwoibe“ und „Brotpfonne“ gesagt. Auf der Rückfahrt hatten Stulli und ich Fantasiesächsisch gesprochen, wie man das Anfang der 90er eben machte. Aus Rache für unseren Hochmut verreckt die Schwalbe seitdem einmal pro Jahr und ich muss zu Motorrad Tölke, der in Hamburg eine Werkstatt hat. Hinterhof, Schlagerradio, Mechanikerchaos. Tölke und ich haben ein Ritual, die Akademiker-Schlachtung. Er steht am Hackbrett, ich bin das Opfer. Auf mein „Hallo, Herr Tölke“ reagiert er nie, sondern schaut mich mit diesem Blick an, den Daniel Küblböck zu spüren bekäme, wenn er „Candle in the Wind“-pfeifend durch eine Gefängniscafeteria tanzen würde. Verachtung aus Raubtieraugen.

Nachdem ich Tölke geschildert habe, was an der Schwalbe nicht funktioniert, pampt er mir jedes Mal den Satz entgegen: „Na, Freundchen? Hasse ma wieder kaputt gekricht, wa?“ Was sagt man auf so einen Satz? „Nein, sie läuft spitze, ich bin hier, um mit meinem neuen Polohemd zu prahlen!“ Ich sage nix. Dann der nächste Satz: „Wann hasse denn das letzte Mal den Vergaser sauber gemacht, hä?“ Ich habe ihn noch nie sauber gemacht. Ich weiß das. Tölke weiß das.

Meine handwerklichen Fähigkeiten enden beim Wechseln des Drehkopfs meiner Zahnbürste. Tölke tritt vom Motorroller zurück und sagt: „Freundchen! Und dreckig isse auch.“ Er lässt den Satz klingen, als sei das sein Roller. Kennen Sie den Klempner, der in der Werbung der Hausfrau einen löchrigen Waschmaschinenschlauch hinhält und entsetzt sagt: „Nehmen Sie denn kein Calgon?“ Die Lightversion von Tölke. Und ich? Bin in dieser Szene die Hausfrau.

Es gehört zu unserem Ritual, dass ich nicht einfach abziehe, sondern versuche, mich bei Tölke lieb Kind zu machen. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man Handwerker mit Kaffee umgarnen muss, dann vergessen sie, dass sie vorhatten, die unter der Tapete laufenden Kabel irre lachend hervorzureißen. Aber ich bin nicht meine Mutter; ich bin ein Mann, will den Ritterschlag des Handwerker-Mechaniker-Malochers. Ich will bei „Wir Männer reparieren das jetzt“ mitmachen. Ich will ein paar kantige Sätze über die Bundesliga abfeuern. Ich will meine Männlichkeit zurück.

Tölke spürt das und lässt einem wie mir, der in Werkstätten Angst um seine Wildlederschuhe hat, keine Chance. Es läuft immer auf dasselbe hinaus: Ich schaue ihm beim Reparieren über die Schulter. Tue so, als ob wir das Problem gemeinsam lösten. Manchmal reiche ich ihm einen Schraubenzieher. Wenn er den Vergaser festfummelt, traue ich mich „Nach fest kommt ab“ zu sagen. Alter Handwerkerspruch, soll heißen: „Die Schrauben nicht zu fest anziehen, sonst gehen sie kaputt.“ Das kommt bei Tölke so gut an, als würde ich 50 Cent mit „What’s up, brother“ begrüßen und einen Ghetto-Handschlag aufnötigen.

Die Schwalbe läuft wieder. Von Stulli auf den schnurrenden Motorroller angesprochen, borge ich mir ein paar Tölke-Sätze: „Osttechnik, läuft immer.“ Wenn er nachfragt, ob die Schwalbe eigentlich reparaturanfällig sei, schüttle ich den Kopf. „Man muss ein Händchen für Technik haben und mit den Schrauben aufpassen." Ich hänge meinen Daumen lässig in die Hosentasche. „Dran denken: Nach fest kommt ab.”