Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Bereit für den Bauch-Express

Neuer Job, neue Firma. Und dort gibt es für York Pijahn ein neues Lieblingswort: agiles Arbeiten. Heißt soviel wie: der Betriebssport ist zurück. Beim Bauch-Express ist unser Kolumnist natürlich dabei.

Veröffentlicht am 01.12.2017

Tschu-Tschu! Bereit für den Bauch-Express, York?


Meine neue Lieblingskollegin Mila steht in meiner Bürotür und macht Lokomotiv-Geräusche. „Tschu-Tschu! Bereit, York?“ Mila sieht aus wie eine Mischung aus Wonder Woman und Lisbeth Salander. T-Shirt, aus dem Tattoos rausgucken, Piercing, blasse Haut, ultrasportlich. Mila hat unendliche Energie und ist immer nur eine Red Bull-Dose von der Explosion entfernt. Und jetzt ist Mila hier, um mich zum Bauch-Express abzuholen.

Ich habe einen neuen Job – in einer neuen Firma. Und dort gibt es ein neues Lieblingswort: agiles Arbeiten. Agiles Arbeiten ist für coole Firmen das, was Rucola in den Nullerjahren für die Salat-Theke war. Und bedeutet, keinen festen Büroplatz mehr haben, sondern sich mit dem Laptop hinsetzen, wo Platz ist. Mehr Start-up-Euphorie, weniger Teeküchen-Melancholie. Abteilungen heißen jetzt Teams, weil es einfach dynamischer klingt. Konferenzen finden beim Spaziergang nach dem Mittagessen statt, heißen aber nicht Spaziergang, sondern Walk and Talk, Mittagessen heißt Quick Lunch. Ich bin vom Typ her zwar eher Slow Lunch und auch eher „Sitz and Unterhalt“ als Walk and Talk gewesen. Aber ich habe mir vorgenommen, das zu ändern. Um zwischen meinen Kollegen, die im agilen High-Five-Rausch sind, nicht doof, verpupt und alt rüberzukommen, gebe ich jetzt richtig Gas. Ich habe mich beim Bauch-Express angemeldet, das ist die Betriebssportgruppe: zweimal pro Woche statt Mittagspause, wodurch aus dem Quick Lunch ein Zero Lunch wird, was mein neues, agiles Büro-Ich super findet. Vorhang auf, im Sinne von power on:

Phase 1: Da Mila mir auf die Frage, was man zum Bauch-Express anzieht, ein „Ganz normal“ gemailt hat, habe ich „ganz normale“ Büroklamotten an. Mistake. Alle anderen tragen „ganz normal“ Sportklamotten, die allerdings alle aus dem Themenfeld Drei-Sterne-Yoga- Retreat, „Kill Bill“-Kung-Fu-Klamotte oder Stuntwoman-Ausbilderin stammen. Und auf beiläufige Weise perfekt aussehen. Jeder hat eine durchsichtige Trinkflasche dabei, in der Ingwer-Stückchen schwimmen. Ich improvisiere und stehe barfuß in hochgekrempelten Jeans und Oberhemd vor dem großen Turnhallenspiegel. Ich sehe aus wie jemand, der an einem heißen Tag eine spontane Wattwanderung macht. Ich gebe mir trotzdem selbst ein paar Agil-Points für Improvisationskompetenz.

Phase 2: Auch wenn der Betriebssport eine Team-Veranstaltung ist und die Tarnjacke der Spaßveranstaltung trägt, hat der Schleimer in mir sofort erkannt, dass man hier auch was für die Karriere tun kann. Um von meiner Chefin beachtet zu werden, lege ich mich neben ihre Yoga-Matte und schaffe es, bei den Sit-ups ein Lächeln in ihre Richtung zu grimassieren und einmal kurz ein Victory-Zeichen mit den Fingern anzudeuten. Neu-Kollegin Mila verdreht die Augen, vermutlich vor Neid.

Phase 3: Nach einer halben Stunde ist das Training vorbei, und ich bekomme vom Instructor eine Art Ghetto-Handschlag, wie man ihn von Popstars kennt, die sich auf Preisverleihungsbühnen begrüßen. Ich bin auf agile Art glücklich, allerdings nur kurz, da leider alle anderen auch vom Trainer umarmt werden. Mist. Weil der Bauch-Express nur eine halbe Stunde dauert und keiner Team-Zeit mit Duschen verplempern will, gehe ich mit meinem sportlich riechenden Team zurück ins Büro. Ich rieche immerhin am allersportlichsten.

Zwei Tage später habe ich keinen Muskelkater, das Wort ist dafür viel zu klein. Es fühlt sich an, als würde ich mich von einer schludrig durchgeführten Blinddarmoperation erholen. Ich liege zu Hause und tippe „Bin krank“ in eine Mail ans Team, was sich aber nach Niederlage und zu oldschool anfühlt. Ich ersetze den Text schließlich durch: „Ich mache heute offline Homeoffice.“ Senden.