Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Garten eben

Eine Kuh hat er zuletzt vor zwei Jahren gesehen, aus dem ICE-Fenster. Jetzt mietet sich unser Kolumnist York Pijahn eine Datscha – und hadert mit dem Landleben.

Veröffentlicht am 27.04.2018
Illustartion Schneekugel

„Ich hatte mich auf rustikale Wellness im Grünen gefreut. Und war in einem Stasi-Hexenhaus für Leute gelandet, die gern mal draußen pullern."


Ich führe seit zwei Jahren ein Doppelleben. Die erste Wochenhälfte lebe ich in Hamburg: Büro mit Elbblick, weiß möblierte Altbauwohnung, alles duftet nach Yuppie-Großstadt und „Acqua di Parma“. Die zweite Wochenhälfte lebe ich in Berlin: Freundin, Sohn, Kreuzberg, Kopfsteinpflaster, Hinterhof. Die Straßen voller Wollmützen-Ökos, die in Designer-Gummistiefeln, Hornbrillen und teuren Regenjacken über Bio-Wochenmärkte flanieren, ganz berauscht von der eigenen Bodenständigkeit und dem mit viel Präzision zusammengestellten Secondhand-Look. Und die am Ende jedes Satzes „Vastehste?“ sagen - was in meinen Ohren klingt, als spreche ein Erwachsener mit einem begriffsstutzigen Pudel.

Meine Freundin sagt, ich täte mich etwas schwer mit Berlin. Eine freundliche Untertreibung. Und worauf ich nix erwidere, meine dunkelblauen Hamburg-Polohemden bügle und in der Wohnung „Acqua di Parma“ versprühe, bis sie wie ein Bordell in Monte Carlo riecht. Doch ob Hamburg oder Berlin: Ich lebe permanent in Großstädten. Ich komme auf betonierten Bahnhofsvorplätzen an, fahre mit der U-Bahn, Kopfhörer auf, Mails im Taxi beantwortend. Ich weiß, wie jämmerlich das klingt, aber das letzte Mal, dass ich eine Kuh gesehen habe, war vor zwei Jahren beim Blick aus dem ICE-Fenster. Das soll jetzt anders werden.

Meine Freundin hat eine Datscha gemietet im Berliner Umland. Samstagvormittag waren wir zum ersten Mal dort. Stellen Sie sich eine Mischung aus Plattenbau-Ruine und maroder Holzhütte vor, die man aus alten „Aktenzeichen XY“-Folgen kennt. Die Sorte abgelegene Hütte am Waldrand, in der wahnsinnige Kidnapper ihre geknebelten Opfer wochenlang per Strohhalm mit Apfelmus füttern. In der Datscha roch es nach Bademantel, Badekappe und Kosmonautenunterhose. „Guck mal! Wir haben ein echtes Plumpsklo“, hörte ich die Stimme meiner Freundin. In der Tonlage, die man von Lehrern kennt, denen eine Klassenfahrt entgleitet und die mit falscher Begeisterung versuchen, das Ruder rumzureißen. Ich hatte mich auf rustikale Wellness im Grünen gefreut. Und war in einem Stasi-Hexenhaus für Leute gelandet, die gern mal draußen pullern.

Auf der Nachbarparzelle war ein dicker Rentner mit Walter-Matthau-Gesicht dabei, Gehwegplatten zwischen Hütte und Geräteschuppen zu verlegen. „Koschinsky, anjenehm! Die neuen Nachbarn, na herzlich willkommen, wa!?“ Er gab uns beiden die Hand und bot an, uns jederzeit sein Gartenwerkzeug zu leihen. Um nicht wie ein verzärtelter Tourist zu wirken, begann ich mit Herrn Koschinskys Spaten den Garten umzugraben. Meine Freundin machte mit einer Schere an den Büschen rum, bis uns beiden die Lust verging. Wir setzten uns vor die Datscha und kickten unsere Schuhe von den Füßen. Man konnte nichts einkaufen, kein Handy klingelte, niemand postete ein Foto. Das Gras fühlte sich feucht, kalt und angenehm an. Ich musste kurz an das Dorf denken, aus dem ich stamme.

Herr Koschinsky, der – obwohl er berlinert wie Gregor Gysi und Harald Juhnke auf Sauftour – überraschend nett ist, will mir nächstes Wochenende zeigen, wie man mit einem benzingetriebenen Rasenmäher umgeht. „Iss janz einfach.“ Ich habe vor meiner Freundin reflexhaft Witze darüber gerissen. Aber es ist klar, dass ich mich eigentlich darauf freue. Und wir sind zum Frühlingsumtrunk der Datschenbesitzer eingeladen. Es ist uncool, miefig, es will nicht hip sein und niemand wird Einladungen via Facebook verschicken. Ich glaube, das wird ein super Frühling.