Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Neid-Rider

Unser Autor kämpft gegen ein mieses Gefühl: Neid. Deshalb macht er seinem Bruder das neue Auto madig und seinem besten Freund die gekaufte Dachterrassenwohnung. Jetzt versucht er es mit: gönnen. Wirklich.

Veröffentlicht am 02.02.2018
Illustration: Porsche

Beim Anblick des neuen Porsches seines Bruders wird unser Autor: grün vor Neid.


„Ta-ta-ta-taa!“ Mein großer Bruder zieht den Stoffüberwurf wie ein Torero zur Seite. „Das isser!“ Wir stehen in einer Garage in Bielefeld. Die Strahlen der Septembersonne fallen auf einen dunkelblauen Porsche Baujahr 1979 mit beigen Ledersitzen. Der Wagen sieht aus, als habe er mal Roger Moore oder Hugh Hefner gehört. Vor mir steht die reine Coolness auf vier Rädern.

„York, wir freuen uns so derbe. Die Aussicht ist der Scheißwahnsinn. Ich kann jetzt von der Dachterrasse aus am Laptop arbeiten!“, sagt mein Freund Felix am Telefon. Felix’ Eltern haben ihm und seiner Freundin eine Wohnung am Westufer der Hamburger Alster gekauft. Gekauft. Gekauftgekauftgekauft. Zehn Minuten von meiner Mietwohnung entfernt.

Mein Freundes- und Familienkreis hat gerade einen run. Nachdem letztes Jahr für alle ein Mistjahr war, läuft es jetzt wieder. Der Porsche, die Wohnung. Stulli wird Teilhaber in einer Werbeagentur, Silke unterrichtet für sechs Monate an einer Designschule in Brooklyn. „Willste mal fahren?“, fragt mein Bruder und lässt den Autoschlüssel klimpern wie der Weihnachtsmann das Bescherungs-Glöckchen. „Nee, passt schon“, antworte ich. Es ist grauenvoll. Ich bin neidisch.

Mein Freundes- und Familienkreis war bisher eine Gruppe im langsamen Dauerlauf: beieinander, plaudernd, ein Pulk von Leuten mit Durchschnittsjobs, -wohnungen, -beziehungen. Jetzt ziehen einige davon. Auf Freunde neidisch zu sein ist ein Drecksgefühl. Für das ich mich schäme und das ich versuche zu leugnen, als würde ich Atommüll in einer Seehund-Aufzuchtstation verklappen. Denn man ist ja neidisch auf die Menschen, denen man es gönnen sollte. Und denen man über Jahre die Daumen gedrückt hat. Hat man doch. Oder? Ja. Also. Meistens. Ich fand es in Ordnung, als mein Bruder das Haus gebaut hat. Und ich fand es noch mehr in Ordnung, dass es am Ende kein Designbungalow wurde, sondern eine Klinkerkiste. Und ich mich mit dem Gedanken trösten konnte: Klar, er hat ein Haus. Aber es sieht eben auch aus, als ob man darin Bierschinkenbrote von achteckigen schwarzen Glastellern isst.

Womit wir bei meiner Lieblingsstrategie angelangt wären: Ich mache all die Häuser, Jobs und Sportwagen madig. Als mein Bruder mich nötigt, mal im Fahrersitz des Porsche Platz zu nehmen, stelle ich mich extra doof an, damit er merkt, dass der Wagen unpraktisch ist. „Da fühlt man sich ja wie Dirk Nowitzki im Kinderkarussell“, sage ich und hüpfe auf den Sitzen auf und ab, damit mein Kopf effektvoll gegen das Autodach knallt. Ein bisschen charakterliche Größe wäre toll. Krieg ich aber nicht hin.

Der amerikanische Psychologe Richard Smith, der seit Jahren Neid untersucht, sagt, dass Neid vor allem in Freundeskreisen wuchere. Weil wir Menschen beneiden, die uns ähnlich sind. Davor geschützt seien nur zwei Gruppen: Menschen mit starkem Selbstbewusstsein. Und Leute mit hohem Gerechtigkeitssinn. Beides ist tendenziell in mir angelegt, mit starken Schwankungen nach Tagesform. Am Samstag sitze ich voller Selbstbewusstsein und klassenkämpferischen Gerechtigkeitssinns bei Felix. „Die Terrasse ist super …“ In Felix’ Gesicht geht die Sonne auf. Genial wäre es, jetzt den Mund zu halten, aber ich kann nicht anders. „Echt spendabel von deiner Mutter, euch all das einfach so zu schenken.“ Ich will es ihm versauen, aus ihm ein Muttersöhnchen machen, ich weiß es, er weiß es.

Felix guckt über seine Bierflasche auf meine schrumpelige Neidhammelseele. „Toll, dass du es mir gönnst, dazu gehört echte Größe.“ Er hat mich im moralischen Schwitzkasten. Und er muss natürlich noch eins draufpacken. „Ich in deinem Fall”, sagt er mit einem Grinsen, so breit wie die Dachterasse, „wäre vermutlich tiereisch neidisch."