Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der neue deutsche Mann

In Berlin-Kreuzberg treffen sich mit Männer mit Pferdeschwänzen und Ziegenbärten zum Geburtsvorbereitungskurs. Und unser Autor möchte nur eins: nichts wie weg.

Veröffentlicht am 05.01.2018
Illustration Vater mit Tragetuch

„Tragetuchwickeltechniken? Muss man als Vater draufhaben“


Es gibt eine Liste von Dingen, die ich nicht mag: Männer mit Pferdeschwänzen. Männer mit Ziegenbärten. Männer mit Pferdeschwänzen und Ziegenbärten. Menschen, die überall im Schneidersitz hocken. Einräder. Tofu. Wohnungen, in denen man die Schuhe ausziehen muss. Die Chance, mich auf einem Kirchentag zu treffen oder im Organisationskomitee eines Stadtteilfestes, liegt bei genau null.

Und jetzt sitze ich hier: Auf dem Fußboden einer Altbauwohnung in Kreuzberg. Ich trage Filz-Hüttenschuhe, die mir am Eingang aufgenötigt wurden. Mir gegenüber kauert ein Pferdeschwanz-Kinnbart-Mann. Er hält seine schwangere Frau im Arm, als sei sie vom Pferd gefallen. Beide tragen Scorpions-T-Shirts. Dann geht die Tür auf und die Frau, die mir eben die Hüttenschuhe gegeben hat, guckt in die Runde: „Also ick bin die Hebamme Corinna, ja? Und ick leite hier den Geburtsvorbereitungskurs, ja?“ Und ich wäre gern zu Hause.

650 000 Männer werden pro Jahr in Deutschland Vater - ich bin einer von ihnen. Ich habe keine Erfahrung. Ich hatte früher nicht mal ein Haustier. Ich bin unerfahren im Kümmern um Kreaturen, die ohne meine Hilfe eingehen. Dafür bin ich top darin, Interesse für die Kinder fremder Leute zu simulieren; aber dieses Interesse verwelkt nach zwei Minuten.

Das muss jetzt anders werden. Die Anspruchshaltung der Welt schwappt über einen hinweg. Bei der Geburt dabei sein? Klar. Tragetuchwickeltechniken? Sollte man draufhaben. Massagetechniken gegen Bauchschmerzen? Yes, Ma’am. Ich weiß jetzt, dass eine Manduca keine israelische Panzerfaust ist, sondern ein Tragegeschirr. Und zum Geburtsvorbereitungskurs gehen wir natürlich zusammen. Als Vater 2.0 ist jeder Satz erlaubt. Außer: Interessiert mich nicht. Man spürt den Generationssprung wie nie zuvor. Mein Vater hätte eher die Zinnbechersammlung verhökert, als an einem Geburtsvorbereitungskurs teilzunehmen. Mir fehlt daher ein Vorbild. Manchmal gucke ich „Mad Men“ und ein Teil von mir fände es super, wenn jetzt 1962 wäre. Und meine einzige Sorge darin bestünde, welche Zigarre ich nach der Geburt des Kindes rauche.

Illustration Mad Men

„Bei Mad Men gings nur darum: Welche Zigarre nach der Geburt?“ 




Wir sind zwölf Paare in dem kleinen Raum, Vorstellungsrunde: Frau vom Pferdeschwanz-Kinnbart-Mann will eine Wannengeburt und ihr Kind „nur am Körper tragen, wie in Afrika“. Wahrscheinlich baut sie auf ihrem Dach Baumwolle für die Windeln an und pfeift dazu „Wind of Change“. Pause. Partnermassage. Wir streicheln unseren Frauen den Rücken. Es wirkt wie das Warm-Up für Schüchterne in einem Swingerclub. Der Geburtsschmerz soll durch die Massage gelindert werden, sagt Hebamme Corinna. „Ist das nicht so, als würde man gegen den Schmerz bei einer Wurzelbehandlung mit den Daumen wackeln?“, sage ich. Drei Männer lachen. Und verstummen sofort, als sie merken, dass ihre Frauen es nicht tun. Hebamme Corinna guckt mich an, als wäre ich der Waffenhändler Satans. Auf die Bitte zweier Frauen soll Corinna den Geburtsschmerz vormachen. „Ditt klingt wien Orjasmus in schmerzhaft, ja?“ Sie geht auf alle viere und macht Laute, bei denen man eigentlich die Polizei rufen müsste. Ich will hier weg.

Fünf Monate später sitze ich am Kopfende eines OP-Tischs in einem Kreuzberger Krankenhaus. Die Welt fliegt auseinander. Zwei Gummihandschuhhände reichen mir ein Bündel und obwohl ich alle Bücher gelesen habe, ist alles weg. Es gibt dafür keine Vorbereitung. Und Worte auch nicht. Hallo, kleiner Mann. Hallo.