Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Digital-Botox

Weg mit den dunklen Augenringen, her mit dem frischen Teint. York Pijahn hat die digitale Bildbearbeitung für sich entdeckt - und wird jetzt noch schöner.

Veröffentlicht am 23.02.2018
Illustration: Mann vor PC

Nachts, wenn keiner hinsieht, optimiert York Pijahn sein Äußeres per Photoshop. Doch ist das wirklich notwendig?


Meine Mutter ist ein sprudelnder Quell von Ratschlägen, sie blubbern aus ihr heraus wie Blasen aus einem Vulkansee. Sie gibt ihre Tipps ungefragt. Per Telefon. Mamas Stimme aus dem Handylautsprecher, jeden Tag. „Hallo? Ja, hier ist die Mama!“

Wenn ich mich über ihre Vorschläge beschwere, entschuldigt sie sich mit einem „Ich sach ja nur“. Was so viel bedeutet wie: „Eines Tages wirst du erkennen, dass ich recht habe, und bis dahin mach die Fehler, die junge Leute machen.“ Ein Beispiel: Mittags nie in teure Restaurants gehen! Sondern Eintopf in der Thermoskanne ins Büro mitnehmen. Manchmal denke ich, dass meine Mutter eine Markenbotschafterin des Jahres 1955 ist. Es würde mich nicht wundern, wenn sie in Bielefeld Straßenecken kennt, wo man Nylonstrümpfe gegen Lucky Strikes tauschen kann.

Ihr aktueller Lieblingstipp: Fotos wegschmeißen, auf denen man mies, also „alt“, aussieht. „York, du wirst nicht jünger, und wenn du dir auf einem Bild nicht gefällst, weg damit, man muss sich nicht quälen.“ „Aber ich sehe nicht alt aus!“ „Ich sach ja nur.“ Meine Mutter hat im Kern natürlich immer recht.

Nachts, wenn meine Freundin schläft, sitze ich deshalb jetzt im dunklen Wohnzimmer. Der Computerbildschirm strahlt mich mit kaltem Licht an - und ich bearbeite Fotos, die ich laut meiner Mutter wegschmeißen müsste. Bilder vom Strandurlaub auf Lesbos, Picknick an der Alster mit Stulli und Silke. Ich verändere meinen Teint, ich lasse ein paar Farbpixel in die Geheimratsecken regnen, ich bin der Zauberer von Oz im Schlafanzug. Als mich meine Freundin das erste Mal beim Bildbearbeiten erwischte, kam ich mir vor, als hätte sie mich beim Pornogucken ertappt. Sie (verschlafen): „Wassmachsnduda?“ Ich: „Die Urlaubsfotos hübsch machen.“ Sie: „Die sind doch hübsch.“ Ich: „Ich mach sie noch ein bisschen hübscher.“

Endlich weiß ich, wie sich Cher gefühlt hat, als sie die erste ihrer bislang 25 Schönheits-OPs hinter sich gebracht hat. Man wird süchtig danach und geht in Verteidigungsstellung. „Nö, ich wollte doch nur das Blau des Wassers optimieren.“ Sätze wie dieser gehören seit Neuestem zu meinem Repertoire, wenn meine Freundin nachts auf dem Weg zum Klo durchs Wohnzimmer schlurft. Sie: „Na? Wieder an der digitalen Botoxspritze?“

Ich habe nicht das Gefühl, mein Gesicht zu verändern, es ist eher so, dass ich meine zeitlose Schönheit, die unter der etwas abgewohnten Oberfläche ruht, hervorhole. Es gibt ein Foto, das meine Freundin morgens gemacht hat, ich habe darauf Augenringe, die man als Murmelbahn an Kitas vermieten könnte. Nachdem ich es ein bisschen bearbeitet habe, ist das Bild eine Mischung aus TV Spielfilm-Cover und Nivea-Reklame. Endlich kann ich optisch zu den Facebook-Fotos meiner Freunde aufschließen, auf denen alle aussehen, als seien sie kitesurfende MTV-Moderatoren, die gerade einen frisch gepressten Saft getrunken haben.

Ich habe deshalb ein paar Abzüge gemacht und nach Bielefeld geschickt. Vor zwei Stunden klingelte das Telefon. „Danke für die Fotos, die sind ja wie aus dem Katalog, die hast du schön angemalt.“ - „Angemalt? Ich habe ein paar Farbeffekte akzentuiert …“ - „Macht nix, York. Dein Vater war auch immer ein eitler Kerl und hat mit seinem Alter geschummelt.“ - „Mama, ich schummle nicht mit meinem Alter!“ Kurze Pause. Ich kann förmlich hören, wie meine Mutter auf ihrer Couch sitzend die Beine übereinanderschlägt und sie sich noch eine Weinbrandbohne in den Mund steckt. „Ich sach ja nur, York. Ich sach ja nur.“