Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Felix bleibt zuhause

Von heute auf morgen liegt die Kündigung auf dem Schreibtisch: Das kann jedem passieren. Offensichtlich auch York Pijahns bestem Freund.

Veröffentlicht am 25.01.2018
Illustration: Arbeitslos

Wie ein Kind, das aus der Sandkiste gefischt wird: „So, Kleiner, du darfst jetzt nicht mehr mitspielen, danke für den tollen Einsatz am Buddeleimer."


Die Worte kommen aus Felix’ Mund, begleitet von einer kleinen Atemwolke, die weiß in der kalten Winterluft steht. Wir sitzen oberhalb des Hamburger Hafens vor einem Café. Die Kellnerin hat Wolldecken gebracht, wir sehen aus wie Kreuzfahrtrentner auf Eis­meer-Tour. „Verdammt, Alter, was für ein Mist.“

Ich kenne diesen Tonfall eigentlich von Freunden, die gerade verlassen worden sind: traurig, pampig, wütend, wackelig und irgendwie müde. Einen Monat ist es her, dass Felix einen Anruf von seinem Chef bekommen hat. Ein kurzes Gespräch in dessen Büro, Schulterzucken, Händeschütteln, tut uns echt leid. Nach zehn Jahren in einer Hamburger Werbeagentur wurde Felix, dem klügsten und erfolgreichsten Freund, den ich habe, betriebsbedingt gekündigt. Felix? Ist jetzt arbeitslos. Und durch meinen Freundeskreis rauscht wie eine Welle ein Satz, vor dem man sich die Ohren zuhalten will: „Wenn ihm das passieren kann, kann das jedem passieren.“

Wenn es in meinem Freundeskreis eine Hitliste der Kündigungen gäbe, wäre ich zurzeit noch auf Platz 1. Dreimal gekündigt, einmal mit Ende 20, einmal mit Anfang, einmal mit Mitte 30. Ich habe mich jedes Mal gefühlt wie ein Kind, das von einem Erwachsenen an der Anorakkapuze aus der Sandkiste gefischt wird: „So, Kleiner, du darfst jetzt nicht mehr mitspielen, danke für den tollen Einsatz am Buddeleimer. Na, na, nicht heulen.“ Auch so ein Klassiker: „Ach ja, wir sollten unbedingt mal bald zusammen essen gehen.“ Pfff. „Wir sollten unbedingt mal bald zusammen essen gehen“ ist das „Hau ab!“ des 21.  Jahrhunderts. Ich hätte damals sehr gern die Büros meiner Chefs brandschatzen lassen. Und hegte außerdem nach jeder Kündigung die groteske Hoffnung, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln konnte. „Herr Pijahn, da ist was schiefgelaufen, Sie werden befördert, nicht gefeuert, sorry.“ Wenn es um das Leugnen von Niederlagen geht, bin ich unschlagbar.

Psychologen sagen, dass Menschen nach einer Kündigung Phasen durchlaufen, die jenen von frisch Getrennten gleichen: Leugnen, Wut, Kummer, und wenn alles gut läuft – Akzeptanz und Neustart. Felix hat nach einem Kummer-Intermezzo (und einer „Ich kann nix und endlich haben es die anderen auch gemerkt“-Phase) den Neustart-Bereich erreicht. Und der steht unter dem Motto „Von allem weniger“. Felix und seine Freundin, die halbtags als Grafikerin arbeitet, haben ihre Fünf-Zimmer-Altbauwohnung gekündigt und sind in ein 75-Quadratmeter-Apartment umgezogen. Er hat den ziemlich teuren La-Gomera-Urlaub abgesagt. Wenn das Wetter gut ist, sei vielleicht mal wieder Camping in Holland angesagt, wie zu Abi-Zeiten.

All das ist jetzt zwei Monate her. Felix boxt sich mit freien Aufträgen durch. Er habe jetzt weniger Geld, ein bisschen sei das Studentenleben zurückgekehrt. Und bei allen, die fest angestellt sind in meinem Freundeskreis, kann man es spüren: so eine klamme Angsthand im Nacken, dass einem das ebenfalls bevorstehen könnte. Aber auch so ein Hauch von Neid auf ein Leben mit weniger Besitz, weniger Ballast, auf ein Leben, das sich nicht wie ein permanenter Sprint anfühlt. Neid auf den Sternenstaub, der jedes Mal mit einem Neuanfang hereinweht.

Letzte Woche haben ein paar Freunde aus Bielefeld und ich die letzten Kisten in Felix’ neue Wohnung getragen. Er habe ein knappes Dutzend Bewerbungen rausgeschickt, es könne bekanntlich dauern, bis man was hört. Es gehe jetzt erst mal darum, weiterzumachen, hat Felix gesagt, auf der Waschmaschine sitzend: mit weniger Geld, mit mehr Zeit. Den Camping-Urlaub in Holland machen wir zusammen. Sternenstaub. Alles auf Anfang.