Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Halbe Sachen

York Pijahn teilt nicht gerne, er mag einfach keine halben Sachen. Sieht seine Freundin ganz anders.

Veröffentlicht am 29.03.2018
York Pijahn in einem Auto.

York Pijahn teilt sein Auto ungerne.


Unser Sohn steht in der Küche und hält sich in dramatischer Pose die Ohren zu: Das ist sein neuester Trick. Denn er hasst das Lied, das meine Freundin gerade singt. Sie hat den Song im Kreuzberger Kindergarten aufgeschnappt. Da singen ihn die Erzieher, wenn die Kinder nix von ihrer Bio-Schokolade oder Holzschwerter-Sammlung abgeben wollen. Das Lied klingt wie etwas, das auf einer Demo skandiert wird, bevor die gewalttätige Phase beginnt. Es besteht vor allem aus dem krakeelten Drei-Wort-Refrain „TEILEN MACHT SPASS!“. Klingt nervig? Sie machen sich keine Vorstellung. 

Seit wir neben unserem Sohn noch eine Tochter haben, ist Teilen das große Thema bei uns zu Hause. Unser Sohn soll lernen, Sachen abzugeben. Meine Freundin hat es mit dem Kita-Lied probiert – klappt nicht, surprise! Er hält sich die Ohren zu. Oder er kontert mit dem Satz: „Teilen ist Kacke – da hat man am Ende weniger.“ Ich habe meinem Sohn im Geiste zu seinem lebensklugen Scharfsinn gratuliert. Ich glaube, das liegt daran, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die an der Armuts­grenze entlanglebte wie an einem windigen Abgrund. Teilen macht keinen Spaß. Das ist wie „Steuerbescheide abheften macht Spaß“ oder „Backenzahnkaries rausbohren macht Spaß“. Es ist eine dicke, alte Lüge. 

„Und genau das ist die falsche Einstellung“, sagt meine Freundin, wie immer ganz Kreuzberger Lichterketten-Schunklerin, die gerne prahlt, dass sie in noch klammeren Verhältnissen aufgewachsen sei. Wir haben so ein bisschen eine Armuts-Competition, sie und ich. Zu Hause bei meiner Freundin gab es eine immer etwas zu kalte Kohlenheizung und Wintermorgen, bei denen meine Freundin eine Pudelmütze aufhatte. Auf jeden Fall wurde alles geteilt. Und das müsse man jetzt unserem Sohn vorleben. Vorleben macht Spaß! Das wäre auch so ein Lügen-Song.

Um unserem Sohn zu zeigen, wie viel Spaß Teilen macht, teilen wir jetzt unser Auto. War die Idee meiner Freundin, und ich habe Ja dazu gesagt, um nicht der besitzstandswahrende Dummbeutel aus Ostwestfalen zu sein. Ein befreundetes Paar, Katja und Johannes, darf jetzt ungefragt unser Auto benutzen. Das hat den Vorteil, dass … Also, es hat eigentlich gar keinen Vorteil. Außer dass es TOTAL SPASS macht. Ich klinge sauer, denn ich bin es.

Meine Freundin hat außerdem einen Aushang im Hausflur gemacht mit all den Dingen, die wir zum Teilen und Verleihen anbieten: Bohrmaschine, Staubsauger, Bücher, Kinderwagen, Liegestühle. Ich habe, um das Projekt zu sabotieren, ein paar Dinge auf die Liste gesetzt, die ich nicht vermissen würde, wenn sie auch langfristig, man könnte sogar sagen für immer, ausgeliehen würden: unseren alten Kühlschrank, meine Sammlung 90er-Jahre-Dance-CDs und den Anrufbeantworter, der noch mit Mini-Kassetten funktioniert. 

Man kann sagen, ich hatte die Lacher auf meiner Seite, als ich die CDs auf die Liste gesetzt habe. Eigentlich nur meine eigenen. Meine Freundin hingegen kennt jetzt Hartmut und Tina aus dem Hinterhaus. Die haben unsere Bohrmaschine geliehen; beide pensionierte Lehrer, er malt ziemlich gute Ölbilder. Meine Freundin kennt jetzt auch die alleinerziehende Mutter aus dem zweiten Stock. Sie hat sich den Kinderwagen geliehen, in dem unser Sohn früher gelegen hat. 

Ich weiß, es ist die seifige Sonntagspredigt-Biederkeit, die aus all dem zu dampfen scheint. Aber es ändert nichts daran, dass man plötzlich seine Nachbarn kennt. Dass man in ein Bitte-danke-gern-geschehen-Pingpong kommt, das allen gutzutun scheint. Dass eine nicht messbare Temperatur hochgedreht wird. Und dass seit Neuestem ein zweiter Zettel im Hausflur hängt, auf dem ein mir bisher unbekannter Nachbar ein Planschbecken für den Sommer anbietet. Zu verschenken.