Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Hygge für alle

Als Westfale ist York Pijahn ja fast Skandinavier. Hygge? Beherrscht er mit links.

Veröffentlicht am 08.06.2018
York Pijahn mit seiner Familie und einem Elch auf dem Sofa.

York Pijahn hat den skandinavischen Trend „Hygge" für sich entdeckt und will ab jetzt maximal gemütlich leben. Ob das klappt? 


Meine Freundin hat einen portugiesischen Ex-Freund: José. Die Eifersucht nagt seit Jahren an mir, ich habe hier schon einmal von ihm erzählt. José ist ein Mann aus Lissabon mit Zopf und Zorro-Sexyness. Ich hingegen stamme aus einem Dorf bei Bielefeld und wirke neben José wie Christian Wulff beim Rasenmähen. Wenn meine Freundin Zorro geliebt hat – wie kann sie mit jemandem wie mir zusammen sein, das Biest? Seit ein paar Monaten ist sich mein Berliner Freundeskreis einig: Alles aus Skandinavien ist super. Ich habe das gleich als Chance begriffen. Denn der Skandinavien-Trend setzt auf die Sorte blonder, protestantischer, im Kern öder und vom Landregen eingenieselter Provinz-Verpuptheit, von der ich in meiner westfälischen Kindheit permanent umgeben war. Und die ich mir jahrelang versucht habe abzutrainieren, um bei meiner hippen Kreuzberger Großstadtfreundin zu punkten. Doch das ist jetzt vorbei.

José mag der Latino-Tarantino sein, ich setze bei meiner Selbstvermarktung ganz auf die Bullerbü-Karte. Bei der neuen Skandinavien-Liebe dreht sich alles um Hygge. „Hygge“ ist dänisch und bedeutet „Gemütlichkeit“ – im Sinne von Mittsommernachts-Sause mit viel Zimt, Blaubeersuppe kochen und Schneeflocken mit den Fäustlingen erhaschen. Hygge kann alles sein. Crazy Pudelmütze daheim tragen, lecker Kuchen vorm Fernseher, einfach mal ein Elchmuster in die Leberwurst malen. Man bleibt in jedem Fall zu Hause – was mir recht ist, denn ich bin abends eh oft platt. Um nichts falsch zu machen und unhyggelig rüberzukommen, habe ich mir sogar ein Buch zum Thema gekauft. Darin wird smörgåsbord empfohlen. Ein Wort wie Smörgåsbord ist schwedisch und bedeutet „Brot-Büfett“. Früher hätte man Schnittchen gesagt.

Zum smörgåsbord gibt es Aal oder Leberpastete, Speisen mit der kulinarischen Flughöhe einer DDR-Kantine, die bereits im Kühlschrank Essig-Aroma ausdampfen. Egal. Ich habe zum smörgåsbord ein Langarm-Ringelshirt an und bin barfuß und unrasiert, um männliche Krabbenpul-Hemdsärmeligkeit zu verbreiten. Meine Freundin ist unbeeindruckt. Findet aber das Shirt „niedlich“. Es ist vor allem hyggelig, korrigiere ich. Die Kinder wollen Pasta statt Aal. 

Um noch mehr skandinavisches Flair und Nordic Lifestyle in mein Leben zu holen, habe ich mir das Thema Möbel vorgenommen. Und beschlossen, Stühle von Arne Jacobsen zu kaufen. Jacobsens Möbel sehen alle nach dem Empfangsbereich einer 90er-Jahre-Werbeagentur aus und als kämen sie grade von der Zahnreinigung. Ich entscheide mich, die billigen Kopien bei Ikea zu kaufen, gemeinsam mit beiden Kindern an einem Samstag. Denn Teil des Skandinavien-Trends ist auch: mehr Familiensinn, warum nicht auch mehr zusammen shoppen? Es ist 9 Uhr, als wir losfahren. Ikea ist für den Skandinavien-Fan wie der Besuch der Reeperbahn für einen Sexsüchtigen. Ich bin total im Rausch. Alles ist so geil hyggelig. Bis ich auf dem Parkplatz zwei bärtige Väter sehe, die mit ihren original dänischen Lastenrädern da sind, aus denen die Ikea-Pakete wie Lauchstangen herausgucken. Maximal hyggelig. Mir fällt fast die Salzlakritz-Tüte runter vor Neid. So eine Kagge.

Zu Hause baue ich die neuen Beinahe-Arne-Jacobsen-Stühle auf, ich habe vorher extra im Wohnzimmer Platz geschaffen, damit alles karg, konzentriert, kopenhagenmäßig rüberkommt. Die Sonne scheint auf die Holzdielen. Die Stühle sehen am Ende nur so halb gut aus, zwei der Metallbeine wackeln. Meine Freundin blättert derweil im Ikea-Katalog, in dem der neueste Skandinavien-Trend erklärt wird. Er heißt Lagom. Das ist schwedisch und bedeutet: genau die richtige Menge, nix übertreiben, es lebe das Mittelmaß. Aber vor allem: Entspann dich. Heute Abend gibt es Nudeln.