Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Eine Hommage an Kurzhaar-Frisuren

Frauen, die sich ihre Haare abschneiden. Sie sind die schönsten, besten, tollsten. Und unser Kolumnist York Pijahn ist ihr größter Fan. Ein Bekennerschreiben zur Kurzhaar-Frisur.

Veröffentlicht am 13.10.2017

Warum kurze Haare manchmal einfach besser sind.


Ich habe meine Freundin auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer kennengelernt. Unsere Kabinen lagen einander gegenüber. Als ich sie das erste Mal aus ihrem Zimmer gehen sah, habe ich folgenden romantischen Supersatz (streichquartetthaft, vor Originalität Funken schlagend) gesagt: „Hallo, Du hast aber schöne Haare.“ Genial. So reden eigentlich nur zurückgebliebene 3-Jährige. Oder Leute, die nach langer Bewusstlosigkeit in das Gesicht einer Krankenschwester blicken. Deren Intellekt auf den einer Zahnbürste zusammengeschrumpft ist. „Hallo, Du hast aber schöne Haare.“ Ich bin im Nachhinein froh, dass ich nicht „Darf ich mal anfassen?“ hinterhergesetzt habe. Gedacht habe ich es nämlich.

Das Phänomen: Kurzhaar-Frisur

Was meine Freundin damals nicht wusste: Seit ich denken kann, bin ich ein Fan von Frauen mit kurzen Haaren. Ich liebe ausrasierte Nacken. Ich liebe die kleine Geste, wenn Frauen mit einer Hand über den Flaum am Haar-Ansatz fahren. Ich liebe Ponys, die so kurz sind, dass man sie nicht mehr hochpusten muss. Frauen mit Kurzhaar-Frisuren senden ein eindeutiges Signal: „Ich habe keine Zeit, jeden Morgen föhnend, sprayend, bürstend vor dem Spiegel zu stehen. Nur um mich in etwas Toupiertes oder Pastellfarbenes aus dem „Denver-Clan“ zu verwandeln. Ich will nicht niedlich sein. Denn ich muss los. Banken ausrauben. Berge hochklettern. Als Teil einer Spezialeinheit in Cat Suits Geiseln befreien. Mein Flugzeug geht in einer halben Stunde. Du kannst mitkommen, Kleiner. Aber Du musst Dich jetzt entscheiden.“ Mich haut das jedes Mal um. Und ich weiß, dass das vielen Männern so geht. Als mein Bruder seine spätere Frau kennenlernte, erzählte er mir als Erstes am Telefon, dass sie kurze Haare habe.

Weiblich aber tough!

Aber Frauen mit kurzen Haaren sind nicht einfach nur schön. Sie bringen Männer aus der Balance. Sie stehlen uns die Show. Denn hier tritt ein Wesen auf die Bühne, geschwungen und eckig, das alles kann. Wie Halle Berry, die 2002 als Bond-Girl in „Stirb an einem anderen Tag“ aus den Wellen stieg - mit raspelkurzen Haaren und orangefarbenem Bikini. Da sah Pierce Brosnan mit Seidenhemd und Zigarre plötzlich nicht mehr aus wie 007. Sondern wie ein alternder Campingplatz-Besitzer, der seine Lesebrille verbummelt hat. Halle Berry gewann übrigens mit dieser Frisur ihren ersten Oscar. Als sie aus dem Publikum aufstand, um die Ehrung entgegenzunehmen, flogen ihr alle Blicke zu. Und zwar zu der coolen kurzhaarigen Frau inmitten künstlich aussehenden blondierten Langhaarigen. Berry war so gerührt, dass sie kaum gehen konnte. Alles an ihr in diesem Moment war echt.

Kurze Haare fetzen.

Man kann sich dem nur schwer entziehen. Vor allem, wenn eine Frau, die man nur langhaarig kennt, ihre Haare abschneidet. Und plötzlich eine andere vor einem steht. Und es diesen ungefilterten Augenblick gibt, als sähe man jemanden das erste Mal ohne Make-up oder in sehr hellem Licht. Ich stehe meiner späteren Freundin gegenüber im Kreuzfahrtschiff-Flur. „Danke, ich mag meine Haare auch“, sagt sie. „Ich wollte früher eigentlich Friseur werden“, sage ich. Wieder so ein Satz, mit dem man nicht unbedingt Punkte sammelt und den man schnell wieder zurückholen möchte. Meine Zukünftige tanzte an diesem Abend allein in der Bordbar zu AC/DC. Bis alle mittanzten. Sie warf angeschickert ein Champagner-Glas über die Reling in einen aufkommenden Sturm. Sie ließ die Sau raus, ohne sich darum zu kümmern, wie das wohl aussieht. Frauen mit Kurzhaar-Frisuren machen so was.