Kolumne: 100 Zeilen Liebe

In der Elternhölle

Als junger Vater unter all den Supereltern und Superkindern kommt es vor allem auf eins an: perfekt zu lügen. York Pijahn hat deshalb einen Vier-Stufen-Plan entwickelt.

Veröffentlicht am 08.02.2018
Illustration Teddybär

„Wenn man schon wochenlang übermüdet herumwankt, möchte man wenigstens das Gefühl haben, es für das tollste Kind der Welt zu tun."


Die ersten Päckchen kamen per Post. Alle weiteren drückten mir meine Freunde direkt in die Hand. Schmelzender Blick. „ALLES Gute. Jetzt wird ja ALLES anders.“ In Klammern: „Wirst schon sehen, jetzt ist das Yuppie-Leben vorbei.“ Ich mache das Paket auf und halte einen Väter-Ratgeber in der Hand. Davon habe ich ja erst acht -  jetzt sind es neun - geschenkt bekommen. Sieben Monate ist es her, dass ich Vater geworden bin. Ich krieg nur noch Babykram geschenkt.

Früher haben mir meine Freunde CDs gebrannt, jetzt gibt es gebrauchte Beißringe. Das sind Gummischeiben, die aussehen wie etwas Schmerzhaftes aus einem Ostberliner Sexshop. Beißringe sind dazu da …, ach egal. Ein Freund hat mir einen „Baby an Bord“-Aufkleber geschenkt. Ich dachte, so was haben nur Leute, die bei Peter-Maffay-Konzerten ihr Feuerzeug hochhalten. Wird wohl jemand wegen dieses Aufklebers nicht in unser Auto rasen? Im Sinne von: „Hey, ich fahr doch nicht in den blauen Honda rein, die haben ein Baby an Bord. Ich krach mal in den Opel da drüben, da sitzen nur Rentner drin.“

Außerdem neu für mich: das Belügen und verbale Niederringen anderer Paare. Eine Disziplin, in der ich schwer zu toppen bin. Der Grund für dieses schäbige Verhalten: Nachdem man wochenlang übermüdet durch die Wohnung gewankt ist, den Windeleimer unterm Arm wie eine Astronautenhandtasche, will man das Gefühl haben, dass es sich gelohnt hat. Das was Tolles dabei rausgekommen ist. Nicht ein Kind. Sondern das beste Kind. Bloß: Das denken alle. Und hier beginnt der härteste Wettbewerb aller Zeiten. Als junge Eltern gondelt man am Wochenende müde mit dem Kinderwagen durch die Gegend, trifft andere müde Paare und sitzt gemeinsam in Müde-Eltern-Cafés.

Regel 1: Sagen Sie, dass das Kind des anderen Paares süß ist. Wenn das Kind eher robust aussieht, loben Sie ein Körperteil. „Der hat aber süße Hände/Ohren/Mundwinkel.“ Der Trostpreis. Bekannte haben gerade ein Kind bekommen, das meine Freundin und ich „Kanisterkopp“ nennen, ich habe den Eltern versichert, dass es niedliche Ohren hat. Regel 2: Zeigen Sie, dass ihr Kind vorn liegt. Vorn? Im Rennen des Lebens. Unser Sohn hat schon früh zwei winzige scharfe Zähne bekommen, ein Beleg, dass unser Kind schnell in allem ist. Er wird im Kindergarten Lateinkurse geben und Harfe spielen, während alle anderen noch so doof sind, sich dauernd die Triangel auf die Füße fallen zu lassen.

Wichtig: Den Satz „Unserer hat ja schon Zähne - und eurer?“ immer mit der Bereitschaft sagen, das andere Paar, welches offensichtlich ein für immer zahnloses Balg bei sich wohnen hat, mit falschem Mitleid einzureiben. Regel 3: Leugnen Sie, dass es nur deshalb so gut läuft mit dem Kind, weil Sie sich 24 Stunden am Tag kümmern und ihr Privatleben durch den Schredder gejagt haben. Sagen Sie: „Wir haben einfach Glück!“ Bedeutet im Umkehrschluss, dass das andere Paar im Kinderlotto eine betreuungsintensive Niete gezogen hat.

Wenn das andere Paar dann noch nicht am Boden ist, ziehen Sie den Vornamenjoker, und zwar Regel 4: Die anderen müden Eltern sagen, ihr Kind heiße Ramon/Momme/Hilko, oder es hat einen anderen übermotorisierten Mistnamen? Lächeln Sie und antworten: „An den Namen haben wir am Anfang auch gedacht.“ Heißt: Bevor uns klar wurde, dass das ein Name für dauererkältete Schnottennasen-Kinder ist, die nie so tolle Zähne haben werden wie unser golden boy an der Harfe. Mein Kumpel Markus wird übrigens bald Vater, er kann sich jetzt schon auf einen Regalmeter Väter-Literatur von mir freuen. Und ich werde ihm einen alten Beißring schenken. Malträtiert von den zwei besten Zähnen der Welt. Denn jetzt wird für ihn alles anders.