Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Kaufen statt laufen

Statt den Hintern hochzukriegen und joggen zu gehen, kauft unser Kolumnist York Pijahn lieber Sportklamotten. Eine Disziplin, bei der viele Männer ganz vorn mit dabei sind.

Veröffentlicht am 02.03.2018
Illustration Sportler auf Siegertreppchen

„Im Sportgeschäft fühlt sich ein Mann ernst genommen, ja sogar verstanden!"


Ich stehe in der Umkleide meines Lieblings-Sportgeschäfts, habe die schwarzen Shorts an, die mir der Verkäufer eben in die Hand gedrückt hat. Dazu rote Kniestrümpfe aus einem Material namens Coolmax. „Die straffen Ihre Waden und lassen sie atmen“, hat der Verkäufer gesagt. Atmende Waden. Klingt vielversprechend.

Die schwarzen Shorts haben an den Seiten silberne Linien und bestehen laut Etikett aus einer Faser, die auch für Astronautenhandschuhe verwendet wird. Ich schaue in den Spiegel. Wenn mein Verstand noch klar wäre, würde ich jetzt erkennen: Ich sehe nicht aus wie ein griechischer Hightech-Gott, für den ich mich im Moment halte. Sondern wie ein toy boy von Wolfgang Joop. Oder wie Batman bei seiner Einschulung. Oder wie ein in einen Sexskandal verwickelter Schiedsrichter in einem Fassbinder-Film. Aber mein Verstand ist nicht klar. Ich finde mich super. Der Verkäufer zieht den Vorhang mit Schwung auf und ruft: „Na? Sind die Sachen nicht ge-ni-al?“ Ich nicke und schiebe die Unterlippe grimmig nach vorn. „Genial, die nehm ich.“

Ich gebe es ungern zu - aber ich habe in Abständen Motivationsprobleme beim Sport. Oder, um es in den Worten meiner Freundin Silke zu sagen: „Du bist im Kern eine faule Qualle, die ihren Quallenhintern nicht hochbekommt und nur dank ihrer Eitelkeit nicht komplett vergammelt.“ Ich erkläre mir mein Motivationstief an den meisten Tagen damit, dass einfach die falsche Sportbekleidung im Haus ist. Es fehlt die richtige Hose. Ich brauche eine bessere Pulsuhr. Außerdem habe ich keine atmungsaktive Mütze. Bevor ich schlecht vorbereitet laufe, laufe ich lieber gar nicht. Sondern gehe einkaufen.

Sportgeschäfte gehören zu den Orten, an denen man sich als Mann wirklich ernst genommen, nein, verstanden fühlt. Und das hat mit der Männerseele zu tun. Jeder Mann hat irgendwo tief in seinem Inneren den Gedanken, dass eigentlich eine Profikarriere drin gewesen wäre. Als Fußballer, als Läufer, als Boxer, als Feldhockey-Linksaußen, bevor dann irgendwas dazwischenkam und man die Sporttasche zu einer Reisetasche verkommen ließ. Man hat im Traum schon oft Sätze wie diesen gehört: „Ja, und jetzt wechselt der Trainer Pijahn ein, den sprintstarken Ostwestfalen, und die Fans rasten aus, hier auf Schalke, sie lieben diesen gut gebauten Titan einfach. Hoppla! Da ziehen sich die ersten weiblichen Fans aus!“ So ungefähr. Sportgeschäfte-Besitzer wissen das genau. Und behandeln uns deshalb so, als sei der Profisportler-Traum eigentlich noch in Reichweite. Und man sei nun endlich nach verletzungsbedingter Pause wieder zurück, wenn auch mit Plauze. Jetzt braucht man nur noch die richtigen Klamotten für das Comeback als Marathonläufer, also die Bodybuilder für den Erfolg, der mir verwehrt wurde.

Kein Wunder also, dass das Kaufen von Sportbekleidung sich für Männer sportlich anfühlt, eigentlich sogar viel sportlicher als der Sport selbst. Mein Puls geht hoch, die Schultern straffen sich, ein Nebel zieht durch meinen Verstand, der vermutlich der Ekstase beim Marathon-Zieleinlauf ähnelt. Ich bin glücklich, im Rausch, und ich will alles haben: Da! Energie-Gel! Na, was denn sonst? Ein Trinkflaschen-Gürtel! Will ich, nein, brauch ich. Wenn ich mich morgen für ein Triathlon-Höhentraining oberhalb der Schneegrenze entscheide, soll ich dann eine Butterbrotdose mitnehmen, oder was?

Während Sie das hier lesen, sitze ich zu Hause auf meinem Sofa. Ich trage seltsame rote Strümpfe, die Waden atmen und vor dem Fenster fängt es an zu nieseln. Bald fange ich wieder mit dem Training an. Vorher brauche ich aber eine Regen-Laufjacke. Kauf ich mir morgen.