Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Kerzen und Servietten

Als Paar zu Ikea fahren – das ist ein Test für jede Beziehung, vor allem wenn die eigene Freundin einen Einrichtungsgeschmack hat wie Indiana Jones. Eine Shoppingtour mit York Pijahn.

Veröffentlicht am 29.12.2017

„In meiner Wohnung stehen jetzt pink-, orange- und lilafarbene Kerzen“


„UND das ist Püppi!“ Ich kann mich an den Satz meiner Freundin genau erinnern. Ich war das erste Mal in ihrer Wohnung in Berlin, mein Blick streifte über Holztruhen, afrikanische Masken, Vulkanstein-Aschenbecher aus Bali. Dinge, die aussahen, als seien sie aus einem asiatischen Tempel geklaut worden. Hier könnte man neue Folgen von „Fluch der Karibik“ drehen, ging es mir durch den Kopf. Und dann zeigte sie mir Püppi. Püppi ist eine rot-weiß lackierte Holzfigur, die von Ohr zu Ohr grinst, bullig wie ein Sumo-Ringer. Meine Freundin hat sie beim Ausverkauf eines American Diner erstanden und in ihren Flur gestellt. Nachts auf dem Weg ins Bad halbschlafend in Püppi reinzulaufen ist wie Aufwachen in der Geisterbahn.

Meine Freundin hat einen gruseligen Einrichtungsstil. Sie sagt das Gleiche über meinen. „Du bist einfach ein Yuppie, dessen Wohnung so zwanghaft weiß ist wie ein Krankenhauslabor.“ „Ich habe eben ein Faible für weiße Möbel, Glasvasen und Lichterketten“, sage ich. „Vielleicht ziehen ja Siegfried und Roy bei dir ein, dann könnt ihr zusammen ein bisschen auf weißen Tigern reitend weiterdekorieren“, kontert sie.

Da wir in zwei Städten leben, war jeder bislang sein Chef in Sachen Einrichtung. Doch das ist jetzt vorbei. Wir wollen mehr Zeit gemeinsam verbringen; jeder soll sich beim anderen wohler fühlen - und ein bisschen bei ihm einziehen. Deshalb waren wir jetzt das erste Mal zusammen bei Ikea. Als Paar bei Ikea nimmt man sich automatisch an den Händen wie Hänsel und Gretel. Und geht die Treppe hoch, auf den Parcours des Nestbaus. Man schiebt den Einkaufswagen, als sei er ein Kinderwagen. Und man weiß, dass man sich in einer Prüfungssituation befindet. Wenn man das hier schafft, hat man als Paar eine Zukunft: voller Sitzwürfel, hochfloriger Teppiche und geschwungener Liegelandschaften. Wir einigten uns darauf, dass jeder drei Dinge für die Wohnung des anderen kaufen dürfe.

Meine Freundin suchte für mich apfelgrüne Kissen aus. Die wirklich mies aussahen. Eine lächelnde Elchpuppe und einen Raumteiler namens „Plank“ aus Kokosfasern und Bananenblättern. „Wenn Tarzan mal einen neuen Gartenzaun braucht, muss er nur zu Ikea“, sagte ich. Manchmal wünschte ich, mein Mund hätte einen Rückwärtsgang. Ich wählte für die Berliner Wohnung meiner Freundin ein weißes Badschränkchen, einen weißen Teppich und einen Berg Lichterketten. Meine Freundin guckte das Knäuel aus Kabeln und Glühbirnen an, als hätte sie etwas Ekliges im Müll gefunden. In Woody-Allen-Filmen rufen die Leute in solchen Momenten ihren Therapeuten an.

Und dann landeten wir in der Kinderabteilung. Ich habe eine Theorie, warum sie fast am Schluss kommt: Paare haben sich bis dahin müde gestritten. In diesem Zustand hat man die seelische Deckung verloren. Und dann bricht die ganze Niedlichkeit der Kinderabteilung über einen herein wie eine pastellfarbene Welle. Wir setzten uns gemeinsam an einen Kindertisch: „Du musst die Lichterketten nicht aufhängen, wenn du sie doof findest“, sagte ich. „Wenn dir die grünen Kissen …“ - „… zu grün sind!“, ergänzte ich hilfsbereit - „… dann musst du sie natürlich nicht auf dein Sofa in Hamburg legen.“ Wir drückten uns die Hände wie zwei alte Präsidenten, die gerade einen Abrüstungsvertrag unterschrieben haben.

Kurz vor der Kasse kommt eine Grabbelkiste mit Kerzen und Servietten. Ich stelle mir vor, wie ein alter schwedischer Ikea-Psychologe sich das genau überlegt hat: Kerzen und Servietten, der kleinste gemeinsame Nenner. Es ist zwar nur der Trostpreis. Man hat kein Ehebett gefunden, aber niemand muss mit leeren Händen nach Hause gehen. Wir kauften Kerzen und Servietten und schoben den Einkaufswagen Richtung Auto.

In meiner Wohnung gibt es jetzt pink-, orange- und lilafarbene Kerzen, die mir meine Freundin bei Ikea gekauft hat und die – ich muss es leider zugeben – gut aussehen. In Berlin stehen die gleichen Kerzen in weiß, ein Geschenk von mir. Ich kann sie von der Straße aus im Fenster stehen sehen, wenn ich mit dem Taxi von Bahnhof kommend vorfahre. Keine Ahnung, ob meine Freundin die Kerzen wirklich mag, oder ob sie sie nur meinetwegen behält. Aber jedes Mal wenn ich komme, zündet sie sie an.