Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Leben mit Scheidungsfreund

Nachdem in York Pijahns Freundeskreis jahrelang immer nur geheiratet wurde – lässt sich jetzt das erste Paar scheiden. Alles auf Anfang?

Veröffentlicht am 15.03.2018
Illustration: Teufel sprengt Hochzeitstorte

„Ich schäme mich, aber hinter dem Vorhang meines 'Es tut mir so leid' gibt es eine Stimme. Und diese Stimme sagt: Cooool, ich habe wieder einen Single-Freund."


Ich war in den letzten drei Jahren auf acht Hochzeiten. Ich habe gefühlt eine Tonne Reis auf Brautpaare geworfen, die in gespielter Ahnungslosigkeit aus Kirchen kamen. Ich habe zusammen mit anderen Hochzeitsgästen Seidenpapier-Ballons mit meinen Wünschen fürs Paar in den Sommer-Nachthimmel von Berlin, Bielefeld, Hamburg steigen lassen. Ich schreibe mittlerweile immer „Ich wünsche Euch ewige Liebe“ auf das Ballon-Etikett – routiniert wie ein Fußballer, der Autogrammkarten signiert. „Ewige Liebe“, das passt ja irgendwie immer. Acht Hochzeiten. Ich glaube, es gibt niemanden außerhalb des professionellen Showbusiness, der so perfekt wie ich auf der Hochzeits-Tanzfläche den Moment trifft, um bei „Love is in the Air“, genau dann Konfetti in die Luft zu werfen, wenn der Refrain einsetzt. L-l-love is in the Air! Ich liebe Hochzeiten. Und jetzt? Lässt sich mein Freund Stulli scheiden.

Stulli und Frau waren das Vorzeigepaar in unserem Freundeskreis – die ersten, die vor acht Jahren geheiratet haben. Klinkerhaus, zwei Kinder, zwei Jobs, zwei Autos. Cappuccinotassen auf dem Küchenregal, Rollrasen vor der Terrasse und eine Menge Lifestyle-Fuzzi-Utensilien aus der Welt der Sandwich-Maker. Große Liebe, wenig Zeit, eine Affäre. Paartherapie bei einem Hamburger Psychologen, der laut Stulli aussah, wie Martina Navratilova mit Drei-Tage-Bart. Und dann vor drei Monaten Stullis Stimme am Telefon: „Wir lassen uns scheiden.“

Über Wochen hat Stulli seitdem bei meiner Freundin und mir zu abend gegessen, ich habe ihm geholfen, die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung zu finden, in der er jetzt lebt und in die am Wochenende seine Kinder kommen, die mit ihren neuen Rollköfferchen aussehen wie zwergwüchsige Flugbegleiter. Es ist schrecklich. Und darf ich ehrlich sein? Es ist großartig. Denn Stulli ist zurück. Nach Jahren des Abgetauchtseins in Hausbau, Spargelessen bei dicken Neubaugebietsnachbarn und  Wochenendfahrten mit seinen Schwiegereltern als Tribut dafür, dass sie auf seine Kinder aufpassen. Stulli ist zurück. Wir telefonieren täglich und trinken morgens auf dem Weg zur Arbeit oberhalb des Hamburger Hafens einen Espresso, wie wir es früher oft gemacht haben. Er ist mies drauf, ich darf trösten. Ich schäme mich, aber hinter dem Vorhang meines „Es tut mir so leid“ gibt es eine Stimme. Und diese Stimme sagt: Cooool, ich habe wieder einen Single-Freund. Und da ich mich mit diesem Bekenntnis sowieso schon im Hotel Hölle eingemietet habe, kann ich das hier auch ruhig noch zugeben: Ich fand es immer schon grausam, wenn all meine Freunde in Beziehungen leben, und die Frage „Wie geht es Dir?“ in ein lauwarmes „Wie geht es Euch?“ verwässerte. Mein ältester Bruder, seit Jahren verheiratet, sagte dazu am Telefon: „Du willst selber in einer Beziehung leben und Deine Freunde sollen Single sein, damit ein bisschen Stimmung in der Bude ist? Du hast ein Rad ab.“

Da die Götter Egomanie und wie die meine in der Regel mit dem ganz großen Baseballschläger bestrafen, hat Stulli vor vielleicht drei Wochen seine Ich-bin-geschieden-mein-Leben-ist-vorbei-Phase beendet. Stulli ist jetzt einigermaßen drüber hinweg. Und hat wieder Energie. Pärchen-verachtende-Single-Energie. „York, Du Schlappsack, wann waren wir das letzte Mal tanzen? Früher fing ein Abend mit Kino an, heute hört er damit auf, was ist mit Dir los, Mann?“

Stulli geht jetzt an fünf Tagen die Woche aus, ist in einem Fitness-Studio, hat neue Klamotten und sieht unheimlich gut aus. Und will nicht mehr bei meiner Freundin und mir abends Trostpasta mit Parmesan-Käse mampfen und Jenseits von Afrika gucken. Er will Feiern in der Champagnersupernova des Singletums. Während Sie das hier lesen ist es vier Uhr früh und ich bin ein Wrack. Ich war seit zwei Jahren nicht mehr so spät im Bett, Stulli und ich waren in einen neuem Club, der laut Stulli „der ganz heiße Scheiß“ ist und in den ich auch schon am Abend vorher mitgekommen bin. Um Stulli zu beweisen, dass ich es noch voll drauf habe. Ich hatte Babybrei unseres Sohnes an der Jeans, einen langsam warm werdenden Gin Tonic in der Hand und hätte vor Müdigkeit gern geweint. Wofür mich Stulli mit einer Mischung aus Verachtung und aggressivem Hohn eingedeckt hat.

Kommendes Wochenende gehe ich mit meiner Freundin auf Hochzeit Nummer neun. Und Stulli wird uns begleiten. Meine Freundin und ich werden mit Reis schmeißen, Stulli wird über die Pärchen lästern, die traurigen Liebeslieder auf der Tanzfläche vermeiden. Und wenn es gut läuft, werden wir am Ende zusammen ein paar Ballons steigen lassen. Alles auf Anfang. Love is in the Air.