Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Mit Mama nach Rom

Zusammen mit seinen Brüdern lädt unser Autor York Pijahn seine Mutter zu ihrem 75. Geburtstag nach Rom ein. Der erste Familienurlaub seit 1986 - ob das gut gehen kann?

Veröffentlicht am 09.03.2018
Mama Pijahn mit ihren drei Söhnen.

York Pijahn macht einen Familientrip nach Rom. Nur blöd, dass sich seit dem letzten gemeinsamen Urlaub so einiges verändert hat.


Meine Mutter wird dieses Jahr 75. Schenkt mir bloß nichts! Was brauch ich denn noch? Ein Buch vielleicht, ruhig ein gebrauchtes, reicht vollkommen. Meine Mutter mag es nicht, wenn Aufwand um sie betrieben wird. Sie ist bescheiden bis zur Bockigkeit; meine beiden älteren Brüder und ich könnten ihr zum 75. einen Aschenbecher für ihre Mentholzigaretten töpfern, wie wir es von drei bis zehn gemacht haben.  

Ich mach es kurz: diesmal nicht, man wird nur einmal 75. Deshalb sind wir mit meiner Mutter in Rom, drei Tage Stadturlaub, das Geschenk von uns Söhnen. Es läuft überhaupt nicht gut. Seit wir angekommen sind, bekommt alles einen Kommentar verpasst, der schräg ist, aber auch den Kern der Dinge trifft. Die Italiener: „Ach, die haben so herrliches dichtes Haar und immer so akkurat geschnitten, wie Fell.“ Der Vatikan: „Stell dir vor, unsere Dorfkirche hätte überall goldene Engel, da würde ich meschugge.“ Die Pizza an der Piazza Navona: „Lecker, aber zu viele Kalorien, Vollkornbrot mit Käse ist gesünder, vor allem, wenn man die Butter weglässt.“

Unser letzter Familienurlaub war 1986. Mama hatte in Cuxhaven eine Mini-Ferienwohnung mit Blick aufs Wattenmeer gemietet, Karten spielen auf dem Balkon, Eis vorm Fernseher. Ein Spitzenurlaub, an den meine Brüder und ich anzuknüpfen versuchen. Das gelingt uns … überhaupt nicht. Befeuert von dem Gedanken, dass wir ja jetzt die Erwachsenen sind und Mama eine willenlose Oma, die von ihren Lifestyle-Fuzzi-Söhnen zu ihrem Glück gezwungen werden muss, bugsieren wir sie durch die Stadt wie ein protestierendes Gepäckstück. Drei Kirchen pro Tag, komplizierte Weine zum Essen, jeden Abend Konzert oder Ausstellung.

Einer meiner Brüder hat sogar Karten für ein Streichkonzert in der Russischen Botschaft besorgt. Als wir Mama in großer Pose eine Designer-Sonnenbrille kaufen wollen, entscheidet sie sich stattdessen für einen Aufstecksonnenschutz für sechs Euro, dessen Kunststoffgläser so groß wie Bierdeckel sind. Sie sieht aus wie ein inkognito reisender Rentner-Rockstar. Nein, zum Petersdom könne man doch zu Fuß gehen, statt mit dem Taxi zu fahren, nein, sie brauche keinen neuen Sommermantel, der alte sei noch gut und außerdem fürs Wandern im Sauerland ideal. Unser Bedürfnis nach Erlebnis-Druckbetankung und gut gemeinter Entmündigung einerseits und Mamas Weigerung andererseits führen zu einem permanenten Tauziehen quer durch Rom.

Am Samstag, unserem letzten Tag, hängen wir in den Stühlen eines Cafés. Die Atmosphäre schwankt zwischen Müdigkeit und Genervtheit. Wir wollten drei Tage Spaß und sind stattdessen so müde, als hätte ein LKW auf uns gewendet. Lustlos sitzen wir im Taxi zur Russischen Botschaft. Vor dem Gebäude schüttelt der Botschafter die Hände der Gäste. Meine Brüder und ich radebrechen eine italienische Begrüßung, dann steht meine Mutter vor ihm: „Helga Pijahn, Bielefeld“, der Botschafter nickt, als würden sich dauernd Leute so vorstellen. Mama deutet auf mich und meine Brüder und sagt nach einer eleganten Kunstpause: „Und die drei da sind meine Boys!“ Es fühlt sich an, als ob sie uns simultan in die Backe kneift. Ein Augenzwinkern, ein „Mit mir ist immer noch zu rechnen, Leute“. Es ist der lässigste Moment der Reise.

Nach dem Konzert spazieren wir durch den Garten hinter der Botschaft und gucken hinunter auf die Stadt. Es gibt kein Programm mehr zu absolvieren, zum ersten Mal fühlt es sich an wie Urlaub. Im Sommer werden wir nach Cuxhaven fahren und auf dem Balkon Karten spielen. Meine Mutter sagt, es sei nicht entscheidend, wo man hinfährt, sondern dass man zusammen etwas Zeit verbringe. Einer dieser Mama-Sätze, dem man nur schwer etwas entgegensetzen kann.