Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Offene Beziehung

Immer mehr Paare führen eine offene Beziehung. Jetzt interessiert sich auch myself-Kolumnist York Pijahn für Polyamorie.

Veröffentlicht am 20.04.2018
York Pijahn tanzt mit seiner Freundin in der Küche.

York Pijahn hat ein polyamores Paar im Freundeskreis und stellt sich plötzlich die Frage, ob seine Beziehung denn glücklich ist. 


Mein Kumpel Stulli war der Erste in meinem Freundeskreis, der geheiratet hat – und der Erste, der sich wieder scheiden ließ. Drei Jahre ist das jetzt her. Ich erinnere mich an die Fahrt im gemieteten Umzugswagen mit eilig gepackten Klamotten quer durch Hamburg kurz nach seiner Trennung. Jetzt hat Stulli seit anderthalb Jahren eine neue Beziehung. Die sich laut Stulli aber nach kurzer Zeit anfühlte wie ein Remake seiner Ehe, „als stünde man wieder in einer zu kleinen, zu dunklen Wohnung“. Seiner neuen Freundin ging es ähnlich. Doch das ist jetzt vorbei. „Wir haben unsere Beziehung geöffnet, Elisa und ich. Wir sind jetzt polyamor.“

„Polyamor, die neue Haartönung von L’Oréal. Oder die Möbelpflege, die auch als Sextoy-Einreibe funktioniert.“ Unangemessen, ich weiß. „Wahnsinnig witzig, York. Aber wir führen jetzt eine offene Beziehung.“ Stulli und Elisa sind ein Paar – aber haben jeweils eine weitere Beziehung. Mit Sex und allem? „Mit Sex und allem.“ Wobei laut Stulli gerade das „und allem“ bemerkenswert ist. Denn Stulli liebt die zweite Freundin wie die erste, sagt er. Man kann die Denkblase („Wie soll das denn gehen?“) anscheinend lesen. „Du liebst ja auch deine beiden Kinder, York, oder?“ Das klang zwar wie ein Satz aus dem Ratgeber „Polyamorie: Wie sag ich es dem Dummbeutel aus Bielefeld“. Aber verfehlte nicht seine Wirkung. „Aber das ist schon was anderes, oder?“, schob ich lahm hinterher. Ist es was anderes?

Ein polyamores Paar im Freundeskreis zu haben ist, als sei man auf einer Stehparty. Auf der man das einzige Paar beobachtet, das ausgelassen tanzt und den Refrain von „Just Can’t Get Enough“ mitgrölt. Es ist nervig, es torpediert den Stehpartykonsens der intimen, kultivierten Langeweile. Ganz hinten im Kopf glimmt die Frage auf: Was, wenn wir dieses Paar wären, das tanzt? Genau diese Frage wabert abends über dem Küchentisch. Als wollten wir uns einander versichern, dass wir das niemals machen werden, hacken wir auf Stulli herum. Freundin: „Das geht auch echt nur ohne Kinder.“ York: „Ich würde das neben der Arbeit auch gar nicht organisiert bekommen.“ Nur ich lache, was nicht so gut ankommt. Freundin: „Das erste Verliebtsein ist natürlich super, klar, und das wieder zu fühlen ...“ Wir gucken uns an, etwas ratlos, unsere Beziehung im Rückspiegel sehend.

In der Küche hängt so etwas wie Angst. Etwas wackelt kurz. Leben wir, wie wir leben, weil es alle so machen? Oder weil wir es so wollen? Um die seltsame Enge des Moments aufzubiegen, klappen wir den Laptop auf und lesen eine Reportage im New Yorker Online-Magazin The Cut über Polyamorie. Eines von fünf Paaren in den USA soll sie ausprobiert haben. 31 Prozent aller Frauen stellen sich Polyamorie als eine verlockende Beziehungsform vor, 38 Prozent der Männer. Allen Paaren, die polyamor leben, ist gemein, dass sie durch die offene Beziehung gezwungen sind, sich permanent zu hinterfragen: Was will ich? Wie geht es mir mit der Liebe? Es klingt anstrengend – und auf schmerzhafte, aber eben auch auf beflügelnde Art lebendig. N.R.E. nennt eine Autorin der New York Times das. New Relationship Energy. Laptop zu.

Wir einigen uns darauf, die Fragen öfter zuzulassen, die sich polyamore Paare permanent stellen: Was sind wir als Paar? Sind wir noch glücklich? Und was müssen wir tun, um es zu bleiben? All das klingt richtig – aber auch nach Pragmatismus und Wartungsarbeiten, nach kleinen Schritten statt nach einem großen Sprung. Aber braucht es den, um die Liebe festzuhalten? Meine Freundin sucht auf dem Laptop den Song, den sie mir vor zehn Jahren aufgenommen hat, als wir uns kennengelernt haben. Zeitreisemusik. Eine unaufgeräumte Küche an einem Freitagabend. Wir machen kleine Schritte. Und dann fangen wir langsam an zu tanzen.