Komiker Wigald Boning

„Radfahrer haben eindeutig ein schöneres Leben"

33-Minuten-Urlaub: Komiker Wigald Boning über das Glück, die Welt per Fahrrad zu erkunden.

Veröffentlicht am 08.05.2018
Wigald Boning.

Komiker Wigald Boning ist echt Fahrrad-Liebhaber. 


Früher bin ich geschwommen. Eine durchaus sportliche Karriere war das damals. Extrem langweilig war es auch. Man verfällt im Becken in das berühmte Kachelzählen, und bei 100 Bahnen ordnete ich irgendwann jeder Bahn ein Jahr aus dem 20. Jahrhundert zu: 1903 wird das Flugzeug erfunden, 1963 Kennedy erschossen ... Auf dem Fahrrad besteht dieses Problem nicht. Da habe ich mich noch nie gelangweilt. Wenn ich morgens am Münchner Viktualienmarkt auf mein blaues Klapprad steige, über die Zweibrückenstraße am Deutschen Museum vorbei und dann elf Kilometer immer südwärts dem Isarverlauf folgend bis nach Grünwald zu den Bavaria Studios fahre, sind das 33 Minuten Erholungsurlaub. Ein gutes Konzept.

Ich gondele dann gemütlich mit 25 km/h durch die landschaftlich reizvolle Gegend, rieche die Luft, alles ist so unmittelbar, kein Stau. (Bloß nicht hetzen, das wäre geschäftsschädigend, wenn sich herumspräche, dass ich mit leeren Energiespeichern bei der Arbeit aufkreuze!) Ganz nebenbei kommt man in Form, es ist günstig, und am Ende muss man nicht mal einen Parkplatz suchen. Man kann seinen Gedanken nachhängen, vor sich hinbrüten, das hat etwas Meditatives. Man könnte sogar gleichzeitig Italienisch lernen oder geniale Ideen haben – das ist also Arbeitsweg, Fitness und Freizeitgestaltung in einem. Für Autofahrer empfinde ich deshalb eher Mitleid, weil ihnen so viel Schönes entgeht in ihrer schallgedämpften Kapsel. Außerdem werden sie dick und hässlich.

Fahrradfahren.


Radfahrer haben eindeutig ein schöneres Leben. Ich finde, mehr braucht man nicht zum Glück. Fahrradfahren ist Einstellungssache: Man muss radikal sein, dann wird es ein großartiges Vergnügen. Auf dem Weg von Füssen nach Rom saß ich einmal 58 Stunden lang auf dem Sattel. Eigentlich wollte ich die Strecke nonstop fah­ren, musste aber doch ein paarmal absteigen und schlief eine Nacht im Straßengraben. Aber selbst das machte überhaupt nichts aus, so angenehm müde wird man vom gleichmäßigen Treten. In der Rückschau redet man sich das na­türlich schön, aber ich habe nach wie vor den Eindruck, dass das ein wunderbarer Urlaub war. Die Kri­sen, die menschlichen Grenzen blendet die Psyche einfach aus. Hinter Siena habe ich mich fürch­terlich verfahren und kam in ein kleines Gebirge. Andererseits: Das hätte ich doch sonst nie kennengelernt! Auch das Verfahren sollte einem also sehr willkommen sein.

Das ist überhaupt das Wichtigste: Die vermeintlichen Nachteile des Radfah­rens zum Vorteil erklären und Begründungen dafür suchen, warum das jetzt gerade viel schöner ist, als beispielsweise morgens in einer überfüllten Tram zu sitzen. Wer sich verfährt, sieht mehr von der Welt. Hupende Autos machen wach, man kommt viel aufgeweckter ins Büro. Graupelschauer stellen einen vor krea­tive Herausforderungen, was die Garderobe angeht. Und selbst ein platter Reifen hat was für sich. Was, das weiß ich noch nicht. Finde ich aber heraus.