Krankheit: Panikstörung

Die Angst vor der Angst

Fünf Jahre hat es gedauert, bis ein Arzt bei Janett Menzel die richtige Diagnose stellte: Panikstörung. Das Protokoll einer unglaublichen Odyssee.

Veröffentlicht am 27.05.2018
Angst.


Meine eine erste Panikattacke hatte ich im Sommer 2008. Es war legendär heiß in Berlin, und die Straßen kochten. Ich erinnere mich, wie ich nach der Arbeit aus dem Büro auf die vierspurige Torstraße trat und auf einmal alles zu schwanken begann. Ich hatte Herzrasen, konnte nicht mehr schlucken und kroch mit wackligen Knien zum nächsten Hauseingang. Ein Tsunami aus Angst brach über mir zusammen. Ich blieb dort eine Weile sitzen, während in meinem Kopf die Gedanken kreisten: 1. Bleib ruhig! 2. Wie bleibe ich ruhig? 3. Bloß nicht auffallen! Auf die Idee, jemanden um Hilfe zu bitten, kam ich nicht. Irgendwie schaffte ich es über die Straße zu einem Drogeriemarkt und kaufte mir Schokolade. Ich dachte, ich wäre dehydriert und unterzuckert, aber das war es nicht allein.

Ich arbeitete sehr erfolgreich als Trainerin für einen bundesweiten Bildungsträger und war wegen meiner Fernbeziehung viel unterwegs. Mein damaliger Freund lotste mich übers Handy die gesamte S-Bahn-Fahrt nach Hause. Der Arzt, zu dem ich am nächsten Tag ging, gab mir nur eine Beruhigungsspritze und verschrieb mir – ohne weitere Erklärungen – ein Antidepressivum. Heute weiß ich: Antidepressiva werden tatsächlich manchmal bei Panikattacken eingesetzt. Völlig verunsichert rief ich eine Freundin an, die sich vermeintlich mit Medikamenten auskannte: „Nimm das Zeug nicht.“ Ich folgte ihrem Rat.

Doch ich traute mich nicht mehr aus meiner Wohnung, aus Angst vor einer nächsten Attacke. Mein Freund musste mich aus Berlin abholen und brachte mich nach Hause, nach Mecklenburg-Vorpommern. Dort landete ich bei einer Ärztin, die sich viel Zeit für mich nahm und jede Menge Tests machte. Sie erklärte mir, dass mein Ruhepuls mit 90 grundsätzlich zu hoch sei und mein Blutdruck zu niedrig, von einer Panikattacke sagte sie nichts. Ihre Diagnose lautete: „Sie sind nicht depressiv. Sie haben bloß zu viel Stress.“ Was für andere eine Erleichterung bedeutet hätte, löste bei mir Schuldgefühle aus. Ich hatte viel Verantwortung im Job und musste Geld verdienen. Also ruhte ich mich brav aus, aber was mit mir los war, wusste ich nach wie vor nicht. 

Weitere Attacken folgten. Aus­löser war jedes Mal Stress im Beruf. Und doch veränderte ich nichts an meiner Lebenssituation – außer dass ich irgendwann Single war, was mich jetzt auch nicht unbedingt glücklicher machte. Immer noch spielte ich die Weltenretterin an allen Fronten, erledigte auch die Arbeit der Kollegen und hatte Freundinnen, mit denen eben­ falls nur Probleme gewälzt wurden. Tags­ über half ich Frauen mit geringem Selbstwertgefühl und schlechten Erfolgs­chancen, wieder ins Berufsleben einzu­steigen. Abends saß ich mit meinen neuen Single­-Freundinnen in der Küche und trank zu viel Wein.

Einmal bekam ich eine Attacke im Solarium. Ich erinnere mich noch, dass ich zum Schutz die Arme über den Kopf hielt – es war, als würde mir jemand die Seele aus dem Leib saugen. Dieses Gefühl kehrte mit jeder folgenden Attacke wieder. Rückblickend weiß ich, dass es immer dann auftauchte, wenn ich versucht hatte, eine andere zu sein, als ich war – jemand, der um jeden Preis als wertvoll wahrgenommen wer­den wollte.

So verging die Zeit mit regelmäßig wiederkehrenden Panikattacken und Besuchen bei Ärzten, die mir keine konkreten Erklärungen geben konnten. Erst fünf Jahre nach dem ersten Anfall erhielt ich die korrekte Diagnose. Es war der 19. Mai 2013. Ich arbeitete damals in leiten­der Funktion und war noch gestresster als in den Jahren zuvor. Ich stieg an die­sem Vormittag in die U­-Bahn. Es war zu voll, laut, grell, heiß, und ich kollabierte. Zwei Tage später ging ich zum Arzt.

Das größte Problem bei Panikattacken ist die Angst vor der Angst

Eine Panikattacke dauert nie länger als 20 bis 30 Minuten. Die Symptome: Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern, ein trockener Mund, Schluck­ und Atembeschwerden, Schwindel, Beklem­mungsgefühle in der Brust, Benommen­heit, Hitzewallungen, Kälteschauer, Taubheit, Gefühllosigkeit. Mein Arzt schrieb mir eine Adresse am Rand von Berlin auf und meinte, dort würde man schnell einen Therapieplatz bekommen. Ich wunderte mich: Weiß der denn nicht, dass ich keine Stunde Bahn fahren kann? Dem Arzt fehlte jede Empathie. Er zeigte sogar Verachtung. Als ich Jahre später meinen Blog ich-habe-auch-angst.de ge­startet hatte, schrieben mir viele Pati­enten von solchen Erlebnissen. Von Ärzten, die sagten: „Sie haben Angst? Dann hören Sie doch einfach auf, Angst zu haben.“

Langsam scheint sich das zu ändern, aber damals war es fast unmög­lich, schnelle, angemessene Hilfe zu bekommen. Von all den Psychologen, die ich anrief, meldete sich nur eine zurück – im Mai, mit einem Platz für Dezember. Ich zahlte dann aus eigener Tasche eine Psychologin. Von da an ging es bergauf. Ich kaufte ein Fahrrad, um zu den The­rapiestunden zu radeln, und stellte fest, wie gut mir die Bewegung an der Luft tat und wie wohltuend es war, in der Nähe von Wasser zu sein. Langsam be­griff ich Zusammenhänge. 

Das Problem bei Panikattacken ist nicht so sehr die Angst selbst, sondern die Angst vor der Angst. Du überlegst dir, wie du einkaufen gehst, wie du ans andere Ende der Stadt kommst. Meine Panikattacken waren zudem gepaart mit Formen der Agora­phobie (Platzangst). Es fühlt sich an, als ob man in einem schmalen Flur fest­ steckt, der von allen Seiten immer enger wird und dich zerquetscht.

So merkwürdig das klingt, aber Panik­attacken haben ein unglaubliches Poten­zial. Sie ähneln einem Selbsterfahrungs­trip. Eigentlich hätte ich mir nur die Frauen in meiner Familie anschauen müssen. Alle waren äußerst angepasst und darauf bedacht, niemandem zur Last zu fallen. Nur meine Mutter wollte ein anderes Leben, und ich habe bereits im Alter von fünf Jahren intuitiv begriffen, dass ich auf keinen Fall zur Belastung für sie werden durfte. Ich stürzte mich in Berlin in meinen Job als Coach, hatte immer Termindruck. Seit dem Bestseller „Darm mit Charme“ von Giulia Enders wissen wir, dass die Ursachen für Panik­attacken auch die Folgen schlechter Er­nährung sein können. Damals aß ich oft im Gehen, nichts Frisches, viel Zucker, leere Kohlenhydrate.

Natürlich können Panikattacken auch organische Ursachen haben, oft sind sie aber gepaart mit see­lischen Problemen. Panikattacken sind auf den ersten Blick irrational, die zu­ grunde liegenden Ängste sind dafür sehr real. Angst ist ein Symptom dafür, dass man nicht sagt, was man will, und nicht lebt, wer man ist. Anstatt Menschen zu suchen, bei denen ich mich wohlfühlte, suchte ich welche, die mich wegen ihrer Probleme brauchten. Und ich habe mich nicht gewehrt. Nicht gegen meine cho­lerische Chefin, nicht gegen meinen Partner, der mich ausgenutzt hat. Wenn man sich nicht schützt, übernimmt der Körper eben den Kampf.

Panikattacken sind Implosionen mit erstaunlichem Ergebnis: Sind sie vorbei, erlebt man ungeahnte Glücksgefühle. Heute weiß ich, dass mir ständiges Sitzen und Arbeiten nicht guttun. Ich brauche Sonnenlicht, Bewegung, Natur und Was­ser. Zeit für mich. Meinen Wert bestim­me ich allein. Vor allem habe ich gelernt, dass ich großartige Überlebensinstinkte habe und mir mein Körper und Geist nur helfen möchten, die nächsten nötigen Entwicklungsschritte zu gehen. 

Interview mit Prof. Peter Zwanzger

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn

Was unterscheidet eine Panik­attacke von einer Panikstörung?
Eine Panikattacke kann eine ge­sunde Reaktion auf eine reale Be­drohung sein. Von Panikstörung spricht man, wenn die Attacken gehäuft, scheinbar grundlos, wie aus heiterem Himmel kommen.

Wo setzt die Therapie an?
Der Patient wird angeleitet, in die­ser Extremsituation zu verharren und wahrzunehmen, wie die Angst abflaut. Mit jeder Session wird sie weniger stark auftreten, so lan­ge, bis nichts mehr passiert.

Sind Panikstörungen heilbar?
Auf jeden Fall. Die Chancen für eine vollständige Heilung sind groß. Je früher eine Panikstörung erkannt wird, desto besser. Je nach Schwere der Störung behandelt man mit Beratung, Coaching oder Psychotherapie, eventuell auch mit Medikamenten.

Leiden heute mehr Menschen als früher unter Panikattacken?
Nein, aber die Dunkelziffer nimmt ab. Studien belegen: Von 100 Leu­ten leiden 20 einmal im Leben über einen längeren Zeitraum un­ter pathologischer Angst.

Gibt es auffällige Häufigkeiten?
Ja, Frauen sind doppelt so häufig betroffen. Das hat wahrscheinlich genetische Ursachen. Langsam scheint sich das zu ändern, aber damals war es fast unmög­lich, schnelle, angemessene Hilfe zu bekommen.