Leben: Hundewelpen

Ein großer Wurf

Keine Kinder, dafür acht Welpen — was passiert, wenn man als unabhängiges Paar aus der Komfortzone geschubst wird. Autor Harald Braun erzählt, wie Rudolfo, Resi, Bertel und Co. sein Leben verändert haben.

Veröffentlicht am 13.01.2018
Die Hundewelpen trinken von ihrer Mutter.

Acht Hundewelpen haben das Leben von Sabine und Harald Braun auf den Kopf gestellt. 


 Vergangenen Winter planten meine Frau und ich eine Aus­t­ralienreise, buchten Unterkünfte und Flüge. Was man so macht in der Vorweihnachtszeit, während der eigene Hund andere Pläne verfolgt. Wir lebten da schon drei Jahre mit der liebenswerten Magyar Vizsla-Dame Klärchen zusammen – aber so still, so anschmiegsam war sie noch nie. „Wir müssen zum Tierarzt“, meinte meine Frau irgendwann, „vielleicht hat sie ja eine Winterdepression.“ In Schleswig-Holstein ist das eine glaubwürdige Option, auch der Doktor hielt das für möglich. So lange, bis er Klärchen „schallte“. Und sagte: „Drei kann ich im Ultraschall schon sehen.“ 

Drei! Kann! Er! Schon! Sehen! WAS denn? Oh nein. Uns blieb die Luft weg. Australien konnten wir vergessen. Aber viel wichtiger war ja: Wir würden Welpen haben. Also Klärchen. Wir hatten sie während ihrer letzten Läufigkeit bei einem Freund untergebracht (der Job, die Reisen …). Der Freund hat einen Langhaar-Wischel. Eddy, ein Rüde. Ich passe auf, hieß es noch. Nun ja, jetzt konnten wir eine Schwangerschaft betreuen, eine Geburt vorbereiten und die Kleinen drei Monate lang ins Leben begleiten. Kein Spaß, den man so nebenbei erledigt. Es fühlte sich sehr ernst an. 

In den nächsten Wochen nahm unser Hund Tag für Tag zu. Wir sahen Röntgenbilder, auf denen der Tierarzt nun schon sieben (!) erkennen konnte. Der Geburtstermin müsse um Neujahr herum liegen, teilte er uns mit, außerdem: „Viel Erfolg!“ Wir wurden zunehmend nervöser und frästen uns durch Fachliteratur, schauten uns Welpengeburten auf YouTube an, sagten alle Termine zwischen Januar und März ab. Drei Tage vor Silvester legte sich Klärchen wie selbstverständlich in ihre Wurfkiste. Minuten später glitschte aus ihrem Unterleib eine transparente Blase, in der eine Mini-Ausgabe von ihr zu erkennen war. Meine Nerven! Ich rannte erst mal panisch aus dem Zimmer. Lag es daran, dass wir keine Kinder haben? Meine Frau kam mit der Situation besser klar; ruhiger, souveräner.

Die acht Hundewelpen kuscheln in einer Kiste.

Eine Kiste voll Glück: Binnen Wochen passte da nur noch ein Hund rein.


Der ansonsten so verspielte Junghund verhielt sich während der Geburt so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Kaum war der Erstgeborene da – wir nannten ihn den Agenten –, riss Klärchen die Blase auf, leckte den Kleinen trocken, massierte seinen Bauch mit der Schnauze und biss die Nabelschnur durch, alles zielstrebig und ohne Hektik. In den nächsten Stunden wiederholte sich dieses faszinierende Schauspiel noch sieben Mal. Nach dem Agenten rumpelten Rudolfo, Resi, das Bertel, der Kardinal, Pep, Green Apple und Heidi ins Leben. Damit wir sie auseinanderhalten konnten, legten wir ihnen farbige Bändchen um. Wir waren glücklich, dass alles so gut verlaufen war. Und ahnten nicht, was jetzt auf uns zukommen sollte.

Die Hundewelpen werden gewogen.

Genug zugenommen? Die Kleinen wurden regelmäßig gewogen. 


Jeden Tag wogen wir die Kleinen, um festzustellen, wer an der „Klärchen-Bar“ zu kurz kam. Die Zurückbleiber legten wir per Hand an. Doch wenn alle acht gleichzeitig tranken – ein glucksend-summendes Geräusch wie eine alte Nähmaschine mit Schluckauf –, machten wir uns Sorgen um die Mutter: Als ob eine Horde kleiner Vampire ihre Lebenssäfte aussaugte. Über der Wurfkiste hingen rote Wärmeleuchten, was unseren Wohntrakt in eine subtropische Hazienda verwandelte, in der es nach jungem Hund (süß!) und frischer Kacke (nicht so süß!) duftete. Unser Beziehungsleben blieb auf der Strecke. In den ersten zwei Wochen schliefen meine Frau und ich abwechselnd auf dem Sofa neben der Wurfkiste, was uns kurze Nächte und Rückenbeschwerden bescherte, aber auch die Gewissheit, dass Klärchen die ­Kleinen nicht versehentlich unter sich begrub.

Aus unserem Haus im Grünen wurde ein Begegnungszentrum der Hundefreunde. So viele Kontakte hatten wir vorher nie. Nachbarn und Freunde, Bekannte und deren Bekannte meldeten sich: „Dürfen wir die Welpen mal sehen?“ Dann die ersten Interessenten. Während Klärchens Säugeleiste sich entzündete und die Wurfkiste langsam zu klein wurde, erhielten wir Hunderte Mails, Anrufe und SMS, ich fühlte mich wie der Chef des Besetzungsbüros für den neuen Bond-Thriller. Bald standen gefühlt 100 Leute in unserer Küche. Ist im Prinzip ja okay, aber es stellte sich heraus, dass sich viele „Bewerber“ keine fünf Minuten mit Hundehaltung im Allgemeinen und der Rasse Wischel im Besonderen beschäftigt hatten. Andere hatten Ahnung, waren aber aus unserer Sicht trotzdem nicht geeignet. In unserem Haus flossen Tränen, mehr als einmal. Das waren schwierige Momente, für die Bewerber – und für uns. 

Die Tiere passen als Welpen in eine Hand.

Eine Handvoll Hund: Klar, dass die Tiere plötzlich viele Fans hatten. 


Die Hunde genossen den vielen Besuch, nur wir waren im Lauf der Zeit immer genervter davon, zehnmal am Tag unausgeschlafen Welpen-Anekdoten zu erzählen und dabei gleichzeitig Häufchen und Seenlandschaften wegzuwischen. Nach vier Wochen fiel die letzte Bastion bürgerlicher Zivilisation in unserem Haus: Wir bauten die Wurfkiste ab und statteten die Küche mit einem Mix aus Holz- und Maschendrahtzaun aus, um die „Zimtnasen-Armee“ in Schach zu halten. Unsere Küche sah nun aus wie etwas, in dem die Bundeswehr eine Katastrophen-Übung abhält. Aus Maulwürfchen waren freche Kläffer geworden, die uns – empört aufrecht am Zimmerzaun stehend – alle zehn Minuten an unsere verdammten Pflichten erinnerten. Futter. Und auf den Arm! Es war schrecklich-schön, zum Heulen wunderbar. Aber ehrlich gesagt wuchs uns das Ganze ein bisschen über den Kopf.

Jeder bildete einen eigenen Charakter aus. Die bollerige Berta, das zarte Äppelchen, der Poser Rudi, der immer dann, wenn Besucheraugen auf ihm ruhten, die tollsten Kunststücke vollführte. Und mit jedem Tag, den die Viecher bei uns verbrachten, wurden wir unsicherer. Noch heute fragen wir uns manchmal: Hätten wir nicht wenigstens einen behalten sollen? Rational betrachtet war uns klar, dass ein Zweithund nicht infrage kam. Aber auch nur einen der Kleinen in fremde Hände abgeben? Tagsüber diskutierten wir stundenlang, und nachts lagen wir wach.

Die Hundewelpen rennen nach draußen.

Der Bewegungsdrang der Welpen ist groß. Sehr groß.


An einem Wochenende im März kam dann der schlimme Tag. Die Hunde­kinder verließen das Elternhaus. Der Tierarzt hatte zu diesem Zeitpunkt geraten. Wir wollten, dass sie alle gleich­zeitig ausziehen. Jeden Bye-bye-Kandidaten nahmen wir auf den Arm, für einen letzten Moment im Garten auf einer Bank. Wir wünschten ihnen ein schönes Leben, küssten und knufften sie, bis die Hunde schon merkwürdig guckten, und dann brachten wir sie ans Gartentor, wo ihre neuen Familien mit laufendem Motor warteten. Wir gingen Arm in Arm zurück ins Haus und heulten ein paar Minuten. Hinter uns lagen drei Monate, so intensiv und so auf­wühlend, wie sich das Leben nur selten ­anfühlt.

Sabine Braun hält lächelnd einen Hundewelpen im Arm.

Sabine Braun mit einem der Welpen.


Meine Frau hat nach dem Auszug sofort eine WhatsApp-Gruppe mit allen Familien eingerichtet, in der sie fast täglich so aktiv ist, dass ich manchmal eifersüchtig bin. Fotos werden geschickt, Ratschläge ausgetauscht, und nach acht Monaten haben wir das erste Welpentreffen absolviert. Klärchen geht jetzt nicht mehr zu Eddy, wenn wir unterwegs sind, sondern zu Vincenzo, ihrem Sohn, der in der Nähe lebt. Ein Glücksfall für uns, aber auch für Klärchen und Vincenzo – die beiden lieben sich wie, nun ja, Mutter und Sohn. Und wir? Denken manchmal, nur manchmal, darüber nach, es irgendwann noch einmal zu versuchen. Nach Australien zu reisen? Fast. 

Harald Braun trägt seine Hündin Klärchen.

Autor und Hundebesitzer Harald Braun.