Liebe & Lust

Sexcoaching: Wenn der Höhepunkt zum Beruf wird!

Die Welt wird hektischer, die Liebe lustloser. Brauchen wir Nachhilfe? Und was macht ein Sexcoach? Wir haben zwei echte "SexPertinnen" getroffen. Was sie uns zu „Bodyworking" raten ...

Veröffentlicht am 18.02.2018
Sexcoaching: Frau dominiert den Mann

Sexcoaching: Um uns zu spüren, müssen wir zunächst mit dem Leistungsdruck aufhören!


Die Körper-Therapeutin

Ilan Stephani, 31, hat zwei Jahre in einem Berliner Bordell als Prostituierte gearbeitet.* Inzwischen ist sie Körper-Therapeutin und hilft Männern und Frauen, braven Sex hinter sich zu lassen.

Körper-Therapeutin Ilan Stephani.

Auf Umwegen zur Berufung: Ilan Stephani war Prostituierte und hilft heute ihren Klienten dabei, sexuelle Blockaden zu überwinden.


Meine Jugend

Ich war ein stilles Mädchen, das in einem liebevollen akademisch-konventionellen Elternhaus groß geworden ist – immer lächeln, nie brüllen. Aber so wurde ich, so werden Frauen, zu sexueller Angepasstheit erzogen. Und auf Dauer macht das nicht glücklich.

Der Wendepunkt

Zwischen Schule und Studium hatte ich ein riesiges Bedürfnis, mich lebendiger zu fühlen. Drogen und Partys waren nicht mein Ding, ich experimentierte lieber mit anonymem Sex. Das erste Mal mit einem Fremden war völlig unspektakulär. Es passierte in einem Swinger-Club und zeigte mir, dass ich das kann.

Warum ich Prostituierte wurde

Mit Anfang 20 wollte ich eine echte Prostituierte treffen. Sozusagen die Feindin jeder emanzipierten Frau. Ich ging zu einem Frühstück der Hurenvereinigung Hydra und war perplex: Da saßen freundliche Frauen, die von ihren Kindern, Waldorfschulen und dem letzten Urlaub erzählten. In dem Moment wurde mir bewusst, dass Prostitution nichts Verwerfliches ist – und dass ich es ausprobieren will. Einige Freunde waren völlig überfordert, andere haben’s cool genommen. Meinen Eltern und Geschwistern rechne ich hoch an, dass sie sich nie von mir abgewandt haben.

Die Zeit im Bordell

Es heißt ja: „Wer in den Puff geht, missbraucht Macht.“ Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Ich hatte normalen Sex mit normalen Männern zwischen 18 und 80. Mal Student, mal junger Vater, mal Professor, mal Handwerker. Und mit ungefähr jedem Dritten habe ich nur geredet. Wir haben verdammt enge Vorstellungen von männlicher und weiblicher, falscher und richtiger Sexualität. Ich finde, dass wir das dringend überdenken sollten.

Warum es zum Bruch kam

Ich hatte das Gefühl, alles gelernt zu haben, was mich interessierte. Es wurde zur Routine, und das wollte ich nicht. Aber über die Berührung Menschen zu begegnen – das hat mich fasziniert. So kam ich zur Körper-Therapie.

Meine Klienten heute

Viele Frauen, die in meine Praxis kommen, sind zutiefst verunsichert. Besonders durch Botschaften wie: „Was, Du kannst nur durch klitorale Stimulation kommen oder gar nicht? Dann bist Du nicht richtig.“ Kein Wunder, dass viele mit Blockaden zu kämpfen haben.

Das Sextoy-Dilemma

Ich bin nicht gegen dieses Spielzeug, aber die Motivation dahinter ist falsch. Ich habe mit hunderten Frauen gesprochen, die sich ständig vergleichen. Wir halten sogar unsere Genitalien für optimierungsbedürftig – und behandeln sie entsprechend.

Mein Coaching-Ansatz

Um sich zu spüren, muss man mit dem Leistungsdruck aufhören. Viele können keine tief gehenden Gefühle zulassen – das macht es schwer, überhaupt Erregung zu empfinden. Ich arbeite mit intensiven Gesprächen und Massagen, aber auch mit Bewegungs-, Berührungs- und Atem-Übungen. Ein prima Hilfsmittel ist das Yoni- oder Jade-Ei. Es regt die Durchblutung an und sensibilisiert.

Wofür ich bezahlt werde

Streng genommen für guten Sex. Ich biete Bodywork-Sessions an, aber auch Coachings und Seminare zu Beckenboden-Training, Meditation, Selbstmassage und Trauma-Bewältigung.

Was das kostet

Zwischen 80 Euro für ein einstündiges Coaching und 1.800 Euro für ein Jahres-Seminar.

Wenn jemand wissen will, was ich beruflich mache ...

... sage ich, ich bin Körper-Therapeutin und Liebhaberin von körperlichem Potenzial. Na gut, im Zug oder an der Supermarktkasse bin ich nur Körper-Therapeutin. Nicht jeder ist mit meiner Biografie einverstanden – bis klar ist, dass auch ich ein Sexleben mit Höhen und Tiefen habe.

Mein Liebesleben

Mein Freund und ich sind seit sieben Jahren zusammen, wir haben elastisch-ekstatischen Sex: Heute fühlt sich etwas gut an, morgen nicht. Mal will man zu zweit, mal allein oder gar nicht kommen. Keiner schuldet dem anderen irgendwas. Sexualität muss sich wandeln dürfen. Wer das verinnerlicht, wird frei.

*Unverblümt und spannend: Ilan Stephanis Buch „Lieb und Teuer" (Ecowin).

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Der Körper-Coach

Mara Stadick, 46, war Managerin in einer Werbe-Agentur, bevor sie in Zürich „Certified Sexological Bodyworker“ wurde.

Körper-Coach Mara Stadick.

Ehefrau, Mutter von drei Kindern – und Sex-Therapeutin: Mara Stadick bringt ihren Kunden bei, genau in sich hineinzuspüren.


Warum es zum Jobwechsel kam

Ich steckte in einer sexuellen Krise: Alles drehte sich um Job und Familie, ich konnte nicht mehr abschalten, und der Sex war langweilig. Mit diesem „War’s das jetzt?“-Gefühl sah ich mich nach neuen Ansätzen um und entdeckte Sexological Bodywork. Nach der ersten Session wusste ich: Das ist es!

Was daran faszinierend ist

Wofür gesprächsorientierte Psychotherapie oft Jahre braucht, das kann Körperarbeit innerhalb weniger Sessions erreichen.

Worum es geht

Man erforscht seine eigenen Bedürfnisse. Keiner urteilt oder macht Druck. Eine Session kann locker 2-3 Stunden dauern. Sie beginnt immer mit einem ausführlichen Gespräch. Erst wenn wir wissen, wo’s hakt, beginnt das eigentliche Bodyworking.

Das Prinzip „Loslassen“

Viele Männer bauen mit Sex Stress ab. Bei Frauen läuft ohne Entspannung nichts. Deshalb arbeite ich mit lockernden Atem-, Stimm- und Beckenboden-Übungen, etwa mit der Beckenschaukel. Dabei liegt man mit aufgestellten Füßen auf dem Rücken, kippt das Becken abwechselnd in Richtung Oberkörper und Füße und atmet tief in den Bauch hinein. Je mehr Sauerstoff in die Zellen gelangt, desto intensiver spüren wir unseren Körper. Und desto einfacher wird Ekstase.

Wem es hilft

Zu mir kommen 20- bis 70-Jährige, Männer und Frauen. Viele haben Orgasmusprobleme. Einige Klientinnen klagen über Lustlosigkeit oder körperliche Blockaden, zum Beispiel Vaginismus, eine Verkrampfung des Beckenbodens und der Scheidenmuskulatur.

Vom Berühren und Spüren

Herauszufinden, was gut tut – das klingt leichter, als es ist. Mit Massagen und Körperreisen entdeckt man sich Zentimeter für Zentimeter. Meine Klienten entscheiden, wo und wie ich sie anfasse. Auch, ob sie dabei nackt oder mit einem Tuch bedeckt sind. Ich berühre, sie spüren – und sagen mir, was sie empfinden. Ist genug Vertrauen da, setze ich die Körperreise fort: Wir nennen das „Vaginal- oder Anal-Mapping“. Dass jemand dabei einen Orgasmus hat, kommt selten vor. Es geht darum, ein feineres Gespür für den ganzen Körper zu entwickeln.

Der Rat an Langzeitpaare

Ich würde einen Mix empfehlen aus Zeit nehmen, Intimität zulassen, Neugier erhalten. Das fällt Paaren, die nicht alles miteinander teilen, übrigens leichter.

Meine eigene Lust ...

... spielt keine Rolle. Ich bin Therapeutin, keine Liebhaberin.

Wie viel das kostet

Je nach Dauer 90 bis 250 Euro. Für eine Beratung per Skype oder Telefon zwischen 50 und 135 Euro.

Was die Kinder sagen

Mit meinen drei Kindern spreche ich unbefangen über Sexualität, jedes hatte schon mal die Stoffvulva, mein Vorführmodell, in der Hand. Mit zwölf ist meine Älteste auf dem Weg in die Pubertät. Logisch, dass sie gerade nicht viel von Sexualberatung wissen will.