Lippenunterspritzungen

Voll daneben

Von Schlauchbootlippen bis zum Entenschnabel: Sogenannte "Lip Jobs" gehen häufig schief, trotzdem riskieren Frauen immer noch eine dicke Lippe. Warum eigentlich?

Veröffentlicht am 03.04.2018
Lippen.

Nach Schlauchboot-Lippen nun Entenschnabel? Schöner werden wir so nicht!


„Alles echt, liegt nur an der Haarfarbe.“ Rund 15 Jahre ist es her, dass Society-Figur Chiara Ohoven Stein und Bein schwor, Opfer einer optischen Täuschung zu sein. Und später schmallippig zugeben musste, doch zu oft nach der Hyaluron-Spritze verlangt zu haben. Bis heute witzelt die Welt über Ohovens Schlauchboot-Mund, feiert aber gleichzeitig so was wie dessen Neuauflage: den Entenschnabel. Etwas graziler im Gesamtergebnis zwar, aber nicht weniger offensichtlich fake. Glaubt man der American Society of Plastic Surgeons, hat sich die Zahl der Lippenvergrößerungen in den Staaten seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Wer Instagram nach dem Hashtag #lipfiller durchsucht, erhält zum Beweis 123 000 Bildchen von Frauen, die ihre gemachten Münder spitzen. Natürlich? Wirken die wenigsten. 

Sonderbar. Während sich unser Schönheitsideal angeblich emanzipiert hat, Brüste wieder normal groß, Brauen buschig und Haarfarben rausgewachsen sein dürfen, hat sich im unteren Gesichtsdrittel kaum was getan: Der Püppchen-Mund hält sich hartnäckig. Uralte Sehnsüchte stecken wohl hinter dem Wettkampf um die prallsten Münder. Bereits seit Jahrtausenden steht Lippenvolumen für Jugendlichkeit. Je voller, desto doller – diese Maxime galt wahrscheinlich schon im alten Mesopota­mien. Heute wird der Hype zusätzlich befeuert durch die sozialen Medien und deren Königinnen. Kurz nachdem sich Kylie Jenner, damals gerade mal 17, im Mai 2015 mit unterspritzten Lippen zeigte, erreichte die weltweite Google-Suche nach Lip Filler einen historischen Höchstwert.

Die Frage, welche Hollywood-Größe „gemachte“ Lippen hat, stellt sich bald gar nicht mehr. Eher die, welche (noch) keine hat. Kate Bosworth, Jennifer Garner, Blake Lively, Michelle Pfeiffer – die Liste der Hauptverdäch­tigen ist endlos. Und wird von unüber­sehbaren Indizien gespeist: Selbst unter denen, die sich die fähigsten Ärzte der Welt leisten können, sehen nicht wenige geradezu lachhaft aus. Meg Ryan und Charlène von Monaco sind da unrühmliche Beispiele. Der Puppen-Look nimmt Heerscharen von Frauen das, was sie sich andererseits so vehement erstritten haben: ihre Ernsthaftigkeit. Denn offensichtlich Aufgepolstertes wirkt nun mal lächerlich. Und: Nur die allerwenigsten Lip Jobs erzielen gute Ergebnisse. 

Warum das so ist? „Weil häufig zu viel an der falschen Stelle gespritzt wird“, sagt die Münchner Dermatologin Dr. Juliane Habig. „Gerade bei älteren Patientinnen wäre weniger oft mehr.“ Sonst stimme das Verhältnis zwischen dem Alter der Haut und dem Lippenvolumen einfach nicht. Habig verschönert monatlich 30 bis 50 Münder mit Hyaluronsäure. Gerade unter jungen Frauen, sagt sie, herrsche ein regelrechter Run auf Filler-­Injektionen.

Der kalifornische Schönheitschirurg Brian J. F. Wong glaubt, dass viele Frauen auf dem Irrweg sind. Weil sich die Anfragen nach exorbitantem Lippen­volumen auch in seiner Praxis häuften, suchte er nach überzeugenden Gegenargumenten: Laut einer Studie, die er letztes Jahr veröffentlichte, wirken jene Lippen am attraktivsten, die nur 9,6 Prozent im unteren Drittel des Gesichts bedecken – und zwar im Verhältnis 1:2, heißt: Die Oberlippe sollte im Idealfall nur halb so dick wie die Unterlippe sein.

Dass sich nicht jeder von Wongs Kollegen an diesen Rat hält, ist offensichtlich. Der Entenschnabel, bei dem beide Lippen quasi gleich groß sind oder, schlimmer noch, die Oberlippe wulstiger als die Unterlippe ist, verunstaltet sogar die souveränsten Frauen. Laut der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chi­rurgen wurden hierzulande bereits 2014 143 040 Unterspritzungen mit Botox, Kollagen, Eigenfett und Hyaluronsäure durchgeführt. Dagegen wirken 23 880 Brustvergrößerungen geradezu läppisch. 

Filler-Injektionen gelten inzwischen als unkomplizierte Alternative zur OP und werden so unbedarft vermarktet wie Zahnaufhellungen. Dabei ist das nicht ungefährlich. Auf vorübergehende Schwellungen und Blutergüsse, so Juliane Habig, müsse man sich bei Lippenunterspritzungen einstellen. Aber auch länger anhaltende „Schieflagen“ kämen bei unsachgemäßer Behandlung vor. Sie rät daher zur Zurückhaltung. „Zu wenig ist schnell nachgespritzt, zu viel lässt sich nur schwer korrigieren.“ Kleiner Trost: Nach etwa sechs bis zwölf Monaten baut der Körper Hyaluronsäure wieder ab. 

Bleibt die Frage, ob wir auch in ­Zukunft unverdrossen eine dicke Lippe riskieren werden. Trendforscherin Li Edelkoort glaubt, dass die Renaturierung unserer Schönheitsideale in vollem Gange ist. „Unsere Einstellung zu Makeln und Alter verändert sich. Die Zeiten, in denen aus Frauen perfekte Barbiepuppen gemacht werden sollten, sind bald endgültig vorbei.“ Im Zweifel? Es empfiehlt sich das beste Internet-Meme zum Thema: eine Mona Lisa, die die Lippen zum Duckface spitzt. Sorry, macht einfach nicht schöner.

Die sanfte Variante 

Weil sinnliche Lippen so ­gefragt sind, setzt auch die Kosmetikindustrie auf mehr Volumen.

Lippenprodukte.


  1. Sorgt für glatte Konturen: „Lip Perfection Plumper“ von Reviderm, 39 Euro.
  2. „L’Absolu Gloss Rôsy Plump“ wirkt mit Hyaluronsäure und Menthol. Von Lancôme, 28 Euro.
  3. „Vita Ampoule Lip Patch“ pusht mit Feuchtigkeit. Von G9 Skin, 4 Euro.
  4. Prickelnd mit Minze: „Plumprageous Matte Lip Treatment“ von Glamglow, 27 Euro.
  5.  „Lip Injection“ mit Mini-Needling-Roller von ­Walberg, 170 Euro.
  6.  Pumpt Lippen für vier Stunden auf: „Kiss Lip Plumping System“ von PMD, 140 Euro.