Livingtrend: Healing Architecture

Weinst du noch, oder wohnst du schon?

Wer sich in seinen vier Wänden nicht mehr wohlfühlt, sollte sich über „Healing Architecture“ informieren. Eine Architektin und Bauhistorikerin verrät, worauf es dabei ankommt.

Veröffentlicht am 17.04.2018
Eine Frau sitzt auf dem Sofa und hält sich ein Kissen vor ihr Gesicht.

Frustriert in den eigenen vier Wänden? „Healing Architecture“ hilft (und heilt). 


„Healing Architecture“ – unter diesem Namen untersuchen weltweit Bau­experten, Designer und Mediziner, wie Räume beschaffen sein müssen, damit man in ihnen gesund (und glücklich!) wird. Dr. Katharina Brichetti, Architektin und Bauhistorikerin in Berlin, sagt, worauf es ankommt.

Frau Dr. Brichetti, kann einem bei ersten Anzeichen einer Erkältung die richtige Wohnung helfen?
Ja, wenn sie so gestaltet ist, dass man dort zur Ruhe kommt. Räume müssen so sein, dass wir darin ungestört den Dingen nachgehen können, für die sie bestimmt sind. In einem Büro sollte man konzentriert arbeiten, in den eige­nen vier Wänden entspannt liegen können. Geht das nicht, schlägt das auf die Stimmung.

Und das macht krank?
Ja, weil ständiges Unbehagen Dauer­stress erzeugt.

Wie merkt man, ob einem Räume wirklich guttun?
In einer angenehmen Umgebung sinken der Blutdruck und die Herz­frequenz. Fühlt man sich unwohl, pas­siert das Gegenteil. Natürlich ist es schwierig, solche Körpersignale wahr­zunehmen. Aber man sollte auf das erste Gefühl beim Betreten eines Rau­mes vertrauen: Will ich bleiben? Oder so schnell wie möglich wieder raus? Ausgerechnet Krankenhäuser lösen Fluchtinstinkte aus. Warum? Herkömmliche Kliniken sind oft die reinste Reizüberflutung: unübersicht­lich, grell, viele Menschen und piep­sende Technik. Dabei gibt es mittler­weile zig Studien, die beweisen, wie ungünstig das ist.

Inwiefern?
Seit 1984 wissen wir, dass die richtige Atmosphäre Schmerzmittel ersetzen kann. Man hatte für eine Studie mehrere Patienten nach einer OP in verschiedenen Zimmern unterge­bracht: Die einen blickten ins Grüne, die anderen auf eine Wand. Die mit dem Weitblick verlangten weniger Medikamente und wurden durch­schnittlich einen Tag früher gesund. Der Blick in die Natur heilt aber nicht nur – er macht auch produktiver, das ist bewiesen.

Nicht jeder schaut auf Wälder und Wiesen, da kann ein Architekt nachträglich wenig ändern.
Aber er hat andere Möglichkeiten. In der Berliner Charité entsteht gerade eine neue Intensivstation mit sanftem, regulierbarem Licht, das an das Licht­spiel in Baumkronen erinnert. Laute Apparate verschwinden möglichst aus dem Blickfeld der Patienten. 

Abgesehen vom Gesundheitssektor: Wo greifen die Gesetze der „Healing Architecture“ noch?
Überall, in Innenstädten, Museen, Restaurants und in Wohnungen, etwa Ein-Zimmer-Apartments. Ob uns diese Orte krank machen, hängt von den sensorischen Reizen ab. Sind sie überfüllt, laut und womöglich übel riechend, packt uns der Fluchtinstinkt. Mittlerweile weiß man auch, dass monotone Gebäude und Räume, etwa Plattenbauten, aggressiv machen können. Wir fühlen uns dort wohl, wo wir uns nicht langweilen – aber auch nicht überfordert sind.

Warum bestimmt die skandinavische Einfachheit eigentlich seit Jahren den Wohntrend? 
Je undurchsichtiger die Welt ist, desto schlichter wollen wir wohnen. Solche Trends sind eine Reaktion auf die Flut von Informationen, der wir ausgesetzt sind. Wir haben nie Zeit, sind immer erreichbar. Räume sollen uns den Stress nehmen.

Wie müssen sie aussehen?
Sie sollten das Gefühl von Kontrolle vermitteln, Überblick und Rückendeckung bieten. Schreibtisch, Sofa oder Bett stehen so, dass sie nicht von allen Seiten zugänglich sind, große Fenster sind so platziert, dass wir uns nicht beobachtet fühlen. Wer schon mal in einer hallenartigen Mensa gegessen oder im Großraumbüro gearbeitet hat, kennt das. Ohne Schutzräume fühlen wir uns ausgeliefert.

Wie wichtig ist eine bestimmte Anordnung der Räume?
Sehr wichtig, dabei geht es um Intimitätshierarchien. Je mehr ein Raum für den privaten Rückzug gedacht ist, desto weiter hinten sollte er liegen. Küche also ruhig in der Nähe der Haustür, Schlafzimmer ans Ende des Flurs.

Sind Eins-a-Lagen der Makler auch aus „Healing Architecture“-Sicht perfekt?
Ja, die teuersten Ecken sind die gesündesten: urban, aber nicht chaotisch, viel öffentliches Grün, wenig Lärm, gute Luft. Soziale Umweltgerechtigkeit wird in Zukunft viele deutsche Großstädte beschäftigen. Man versucht ja schon jetzt, den Verkehr auf ein erträgliches Maß runterzuschrauben.

Was ist das Entscheidende, wenn man sich eine Wohnung in der Stadt sucht?
Fenster, aus denen man in die Ferne schauen und entspannen kann. Das nimmt kleinen Räumen die Enge, klein muss aber nicht immer schlecht sein. In Zeiten, in denen wir uns verloren fühlen, tut uns die Behaglichkeit kleiner Zimmer auch mal gut. 

Was bringen Pflanzen?
Sie absorbieren Schadstoffe und stellen Bezüge zur Natur her, das reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen. Wer Zimmerpflanzen nicht mag, kann stattdessen natürliche Materialien wie Lehm, Holz, Rattan oder Leinen einsetzen. Alle Oberflächen, die in Würde altern, beruhigen. Das hat viel mit ihrer Haptik zu tun.

Also ist Laminat nicht gerade der Baldrian unter den Bodenbelägen ...
Nein, weil es sich weder natürlich anfühlt noch so riecht. Und es produziert viel Lärm, wenn man drüberläuft.

Was ist mit Gerüchen?
Heilsam sind Aromen, die an die Natur erinnern: der Geruch eines Kamins oder eines kleinen Stapels Holz, der Duft frischer Blumen oder, im Notfall, auch der eines Aroma-Öls.

Was ist bei natürlichem und künstlichem Licht zu beachten?
Mittlerweile ist es bewiesen, dass es depressiven Menschen in Räumen mit viel Tageslicht besser geht als in dunklen. Natürliches Licht greift nicht in unseren Tag-Nacht-Rhythmus ein. Menschen, die bis spät in hellen Büros arbeiten, fällt das Ein- und Durchschlafen schwer. Deshalb sollte es ab 17 Uhr, wenn unser System langsam runterfährt, drinnen dunkler werden.

Bei Wandfarben haben sich viele auf Weiß geeinigt. Ist das gesund?
Helle Farben lassen kleine Räume luftiger aussehen. Dennoch: Viele würden sich zu Hause besser erholen, wenn sie mehr Mut zur Farbe hätten. Dunkle Wände können riesige Räume optisch zusammenziehen, Sandgelb wirkt stimmungsaufhellend, Hellblau lenkt von modrigen Gerüchen ab. Mein Wohnzimmer ist rot gestrichen, meine Bibliothek grün. Ich fühle mich sehr wohl.