Mindfulness-Trend: Achtsamkeit

Scheiß auf den Moment!

Ärzte, Gurus und Ratgeber predigen gerade mit Vorliebe: Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Glück. Der Mindfulness-Trend nervt unsere Autorin gewaltig, denn mit dem wahren Leben hat das wenig zu tun.

Veröffentlicht am 05.12.2017

Karina Lübkes Motto: Schluss mit Achtsamkeit! 


 Heute geht es nicht um Sein oder Nichtsein, sondern ums Achtsamsein. Das predigen Gurus und Ärzte, außerdem Volkshochschulen, Coachings, Bücher und Teebeutel. Deren Kauf scheint bereits einen Entspannungseffekt zu haben, so, wie man sich beim Erwerb von Diätbüchern sofort schlanker fühlt. Es gibt einen „hochwertig laminierten Gefühlsnavigator für Achtsamkeitstraining“ und Achtsamkeits-Übungskarten. Du bist wütend oder traurig? Spür in dich rein und distanziere dich von diesem Gefühl wie von einem besoffenen Verwandten auf einer Familienfeier. Innerer Friede sei mit dir! 

Eigentlich ist Mindfulness eine alte Form östlicher Meditation. Bei uns ist sie bekannt, seit der amerikanische Mediziner Jon Kabat-Zinn 1979 die „Mindfulness-Based Stress Reduction“ etablierte, um den eiligen Geist der Gesellschaft zu bannen – dabei war das Internet noch nicht mal erfunden! Ja, Meditation ist gesund, aber eine halbe Stunde täglich reicht dann auch. Achtsamkeit dagegen soll der sanft erleuchtete Dauerzustand eines ­offenen Geistes sein: Nervige Leute, Situationen und Emotionen möge man erleben, ohne sie zu bewerten. Die Empfindungen dazu lässt man ziehen, statt sich daran abzukämpfen. Allerdings weiß keiner, wann die Biester gehen.

Ich habe es satt, dass buddhistische Mönche meine Vorbilder sein sollen – die sind hauptberuflich achtsam und müssen nicht nach Job und Einkauf um Punkt 16 Uhr an der Kita stehen. Ich habe weder Zeit noch Lust, bei jeder Emotion Auszeit vom Auslöser zu nehmen. Ich will auf meine Gefühle hören, statt sie auf Abstand zu halten, als würde ich einen Film schauen und ihn dabei gleichzeitig kommentieren. Zudem muss man auf der Hut sein, denn „jeder Augenblick kann dein Lehrer sein!“. Hey, haltet mich für spirituell minderbemittelt, aber ich möchte lieber, dass jeder Augenblick mein Liebhaber oder meine beste Freundin wäre. 

Die Entwicklung der Menschheit beruht auf Routine und Leidenschaft. Übung macht den Meister, nicht Achtsamkeit. Wenn ein Kind laufen lernt und 100 Mal hinfällt, bleibt es nicht liegen und spürt achtsam seinen Empfindungen nach, sondern steht auf und läuft weiter. Können erlaubt sogar Unachtsamkeit. Ich fahre lieber konzentriert und aufmerksam Auto als achtsam. Ich erledige Pflichten lieber schnell und nebenbei. Wenn sie nervig und scheiße sind, will ich nicht auch noch hineinspüren, wie scheiße sie sind – oder ob das nur meine Bewertung ist. 

Ehrlich: Stresst mich nicht mit Achtsamkeit! Wenn Unachtsamkeit das neue Rauchen ist, dann geh ich schon mal vor die Tür. Lasse meinen Gedanken und Gefühlen unzensiert freien Lauf und mache schlampig drei Sachen auf einmal. Ich will mal nur ein belegtes Brot hinunterschlingen, statt slowfoodig der Krossheit der Kruste nachzuspüren und 30 Mal zu kauen. Wir im Westen praktizieren unsere eigene Form von Achtsamkeit: Wir gehen ins Stammlokal, stieren ins Nichts und trinken genussvoll ein Bier. Oder stehen mit Kaffee morgens am Fenster und starren einen Moment lang hinaus. Oder haben Sex, der Stress und Angst einfach im Volldabeisein auflöst. 

Einsamkeit oder Zweisamkeit entspannt mich eben deutlich mehr als Achtsamkeit.