Moderne Männer

Smart statt hart

Der moderne Mann ist ein Glücksfall für uns. Soziologe Klaus Hurrelmann über das neue Rollenverständnis.

Veröffentlicht am 16.02.2018
Ashton Kutcher mit seiner Familie.

Auch Schauspieler Ashton Kutcher gehört zu einer neuen Generation an Männern.


Herr Hurrelmann*, verkörpert der französische Präsident Emmanuel Macron einen neuen Typ Mann?
Ja, denn er hat das Selbstbewusstsein, seine Rolle neu zu interpretieren. Dafür braucht man Mut, weil unter Männern noch immer die stille Übereinkunft herrscht, wie ein „echter“ Kerl zu sein hat.

Macron ist das egal – er heiratete eine 25 Jahre ältere Frau.
Damit ist er ein echter Pionier. Zum ersten Mal in der Geschichte haben Männer nicht mehr den Druck, immer stark sein zu müssen und sich wie Machos zu verhalten. Sie merken, dass sie sich mit dem traditionellen Rollenmodell selbst blockieren und dass ihnen das neue Männerbild spannende Facetten bietet.

Zum Beispiel, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen?
Tatsächlich stecken immer mehr im Job zurück, um sich mit ihrer Partnerin Kindererziehung und Haushalt zu teilen. Noch ist das eine Minderheit, aber in wenigen Jahren werden sie den Ton angeben.

Wird sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau verändern?
Es gibt kein „typisch“ weibliches oder männliches Verhalten mehr. Momentan kommen die Frauen noch besser mit den veränderten Lebensbedingungen zurecht. Sie sind aktiver, für die meisten ist es selbstverständlich, Kinder und Karriere miteinander zu verbinden. Aber die Männer ziehen nach.

Sie nennen die ab 1980 Geborenen heimliche Revolutionäre*. Was prägt diese Generation?
Sie sind mit dem Internet aufgewachsen, das beeinflusst sie enorm. Dazu kommen Wirtschaftskrisen, Terroranschläge, Umweltkatastrophen und politische Umbrüche. Sie haben daraus gelernt, dass nichts mehr sicher ist – und dass es trotzdem irgendwie weitergeht.

Was unterscheidet sie von Älteren?
Dass sie sich ihren individuellen Wertecocktail mixen. Man will sich selbst verwirklichen, kreativ sein und das Leben genießen, ist zugleich aber leistungsorientiert und diszipliniert. Weil es um die Frage geht, ob man den Lebensstandard der Eltern halten kann. Deshalb gibt es eine große Sehnsucht nach Sicherheit, Ordnung, Fleiß und Verlässlichkeit.

Hedonismus und Disziplin – geht das zusammen?
Klingt widersprüchlich, ist aber eine pragmatische Entscheidung. Schließlich ist der Preis der Freiheit, dass einem heute alle Optionen offenstehen, dass es keine verbindlichen Regeln für die Lebensplanung mehr gibt.

Früher hieß es: mein Auto, mein Haus, meine Rolex. Und heute?
Materieller Besitz ist nicht mehr so wichtig. Was zählt, ist, gut informiert zu sein, das beste digitale Gadget zu haben. Fitness, besondere Erlebnisse und Reisen haben einen hohen Stellenwert. Alles soll Instagram-tauglich sein, damit man sich in den sozialen Netzwerken als unverwechselbare Persönlichkeit präsentieren kann.

Ehrlich gesagt, das klingt ziemlich ichbezogen.
Diese Generation hat gelernt zu taktieren. Jeder analysiert nüchtern, was das Beste für ihn ist, und geht davon aus, dass das, was ihm hilft, auch für die Gemeinschaft gut ist.

Ist diese Generation wirklich so unpolitisch, wie behauptet wird?
Sie ist unideologisch und hat eine realistische Weltsicht, allerdings kommt sie eher selten auf die Idee, sich in der herkömmlichen Politik zu engagieren. Sie wird stattdessen in sozialen und anderen Netzwerken aktiv.

Der Bankierssohn David de Rothschild engagiert sich für die Umwelt, statt Karriere in der Finanzwelt zu machen. Ist er ein „role model“?
Ja, weil ein Job heutzutage sinnvoll sein muss. Vieles wird hinterfragt, man will Spuren hinterlassen. Ständiges Feedback ist wichtig, ebenso ein gutes Betriebsklima, flache Hierarchien und die Balance von Job und Privatleben.

Was ist mit dem Thema Familie?
Viele wollen Kinder, allerdings wird die Familiengründung hinausgeschoben – weil die Bedingungen kritisch geprüft werden: Die Partnerschaft, das Einkommen und der Karrierelevel müssen passen. Und die Kinderbetreuung muss garantiert sein.

Einige moderne Männer sind schon in wichtigen Positionen angekommen, was wird sich auf Dauer verändern?
Es wird neu definiert, was ein gutes Leben ist. Nämlich eine Kombination aus Wohlstand, Zeit für Familie und Freunde, Bildung, guten Arbeitsbedingungen und einer intakten Umwelt. Noch ist das Pionierarbeit, aber sobald mehr Menschen dieser Generation das Sagen haben, werden sie die Welt nach ihren Vorstellungen gestalten – mit immensen Folgen für uns alle.

*„Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert" (Beltz).

*Klaus Hurrelmann, 74: Der Professor an der Hertie School of Governance ist ein gefragter Berater – weil Konzerne „die Jungen“ verstehen wollen.