DIY zu Weihnachten?

Adventszeit ist Handarbeitszeit

Wer zu Weihnachten Geschenke nicht selber bastelt, wird zum Do-it-yourself-Außenseiter. Unsere Autorin hat Angst (um ihre Freizeit).

Veröffentlicht am 12.12.2016
Selbstgemachter Kranz.

DIY: Kreative Zeitverschwendung oder individuelle Erfüllung?


Ich habe Schafe gestrickt. Gefilzt habe ich auch, Frau Holle. Und ich gebe zu, dabei war ich nicht mal allein, sondern saß in einem Kreis von zehn fremden Frauen. Wir haben uns über Nähte und Maschen gebeugt und geschwiegen. Mit der Nadel in Frau Holle zu stechen hatte etwas Meditatives, und als Frau Holle schließlich aussah wie Frau Holle, war ich zufrieden und schon auch stolz. Einmal habe ich vorgeschlagen, wir könnten bei der Handarbeit doch Rotwein statt Rooibostee trinken – aber da lächelten die Frauen nur. Etwas selber zu machen, das habe ich inzwischen verstanden, ist Rausch genug.

Inzwischen produziert jeder etwas selbst, weil das nachhaltig ist oder entspannend oder fancy, mir ganz egal. Jedenfalls kann ich mich zum Beispiel nicht an den Anblick strickender Frauen in U-Bahnen oder Cafés gewöhnen. Ich starre sie an wie Unfallbeteiligte auf der Gegenspur und schäme mich fremd. Handarbeit hat eine heikle Geschichte, gendermäßig, trotzdem wollen alle wenigstens häkeln. Wie das geht, lernen sie in Kursen oder lesen sie auf Blogs, die irgendetwas mit Zauber, Seele oder Fee heißen und von resoluten Großstadtfrauen betreut werden. Dabei geht es nicht mehr um Topflappen, sondern um Premiumprodukte. Die sehen aus wie gekauft. Kleider zum Beispiel oder Jutebeutel.

Ich staune, notgedrungen. Lange musste ich das gebastelte Zeug meiner Töchter bewundern und es in geschickten Manövern entsorgen, nun ziehen meine Freundinnen nach. Advent ist Handarbeitszeit. Bis Weihnachten darf ich nichts kaufen, sonst werde ich zum Außenseiter. Ich muss selber produzieren, und zwar keine Anfängerobjekte wie Adventskalender oder Plätzchen, sondern perfektes hand made, das so aussieht, als gehöre es ins Sortiment von Manufactum. Am Ende des Jahres werden wir nicht mehr wissen, wohin mit den selbst gemischten Salzsorten, den handgefertigten Pralinen, den neuen Statussymbolen der Entschleunigten. Schaut her, sagen die Produzentinnen, wir mögen großartige Jobs haben, pflegen in unserer Freizeit aber ganz andere Begabungen und sind so was von postfeministisch: Sind die Papiervögel, Taschen und Mützchen nicht originell?

Jemand sollte gesetzlich festlegen, dass Hobbys privat sind. Ich kann nichts dafür, dass das Freizeitvergnügen meiner Freunde Produkte abwirft. Sogar mein Vater mischt mit und schickt Pakete mit selbst gemachter Nuss-Nougat-Creme, die, pardon Papa, leider überhaupt nicht wie Nutella schmeckt und glücklicherweise schnell schimmelt. Wirklich erschreckt hat mich die Wandleuchte eines Freundes, ein Geburtstagsgeschenk. Ihr Sockel ist mit Steinen und Wolle beklebt. Um die Glühbirnen ranken sich farbige Papierzuschnitte in Form von Blütenblättern. Eine Weile hing sie im Bad, wo sie regelmäßig Besucher verstörte, die fragten, was diese, ja, irre Konstruktion bedeute.

Diese Traumata schützen mich davor, seltsame Ambitionen zu entwickeln. Es hat einen Grund, warum sich die Menschen spezialisiert haben. Warum Designer Lampen entwerfen und nicht, sagen wir, Landschaftsgärtner. Ich misstraue Hobbys, die eigentlich Berufe sind. Sie verleiten zu Größenwahn und bringen Menschen dazu, einen absurden Stolz zu entwickeln auf etwas, das sie „nur aus Spaß“ machen und das dafür doch ziemlich gut sei. Das mag ihr Selbstbewusstsein polieren, spaßig ist das für uns da draußen nicht.

Arbeitsteilung galt bisher als prima Idee, vielleicht können wir uns noch einmal neu mit ihr anfreunden? Wollen wir nicht einfach kaufen, was man kaufen kann, und die gewonnene Zeit im Café verbummeln, lesen oder reden?