Mutter-Tochter-Beziehung

Lebe ich das Leben meiner Mutter?

Wir wollen auf keinen Fall werden wie sie — und tun es doch. Es wird Zeit, seinen Frieden zu machen. Weshalb wir oft erst spät lernen, unsere Mütter zu verstehen und warum Versöhnung gut tut.

Veröffentlicht am 18.05.2018
Alte Bilder von Früher.

Von der Mutter lernt man, wie es ist, eine Frau zu sein. Und zwar die Frau, die man nicht sein will … 


Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine Mutter. Ihre Augen, ihre Augenbrauen, ihre Nase, ihre dunklen, leider sehr feinen Haare. Aber auch eine Frau, deren halbes Leben hinter ihr liegt, die Kinder sind aus dem Haus, und sie ist allein. Meine Mutter wurde früh Witwe. Sie und mein Vater waren zu der Zeit seit Kurzem kein Paar mehr, aber sie wurden ein gutes Ex-Paar. Und als mein Vater plötzlich und ganz und gar unerwartet starb, trauerte meine Mutter um ihn wie eine liebende Ehefrau. Der Mann, mit dem ich zwar nicht verheiratet, der aber mein Lebensgefährte war, starb unerwartet. Auch wir waren da seit Kurzem kein Paar mehr gewesen, wurden aber ein gutes Ex-Paar. Ich trauerte um ihn wie eine liebende Ehefrau.

Es war seltsam. Da hatte ich mir solche Mühe gegeben, nicht zu werden wie meine Mutter, und nun befand ich mich im gleichen Alter wie sie in einer vergleichbaren Situation. „Vor allem in den Momenten, in denen sich Töchter in ihrer Mutter wiedererkennen, ist die erste Reaktion oft: reine Ablehnung“, schreibt Nicole Zepter in ihrem Ende April erscheinenden Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“. „Töchter, die die eigene Mutter im Gesicht sehen, erschrecken sich“, so Zepter. Ihre Grundthese: Wir möchten zwar nicht so werden wie unsere Mütter, aber wir tun es. Mehr oder weniger unfreiwillig.

Ich erinnere mich, wie kritisch ich meine Mutter sah, damals, in ihrer Rolle als trauernde Witwe. Ich fragte mich, ob sie überhaupt das Recht hatte, so um meinen Vater zu trauern, wenn sie doch kein Paar mehr gewesen waren. Und nun trauerte ich um einen Mann, mit dem ich nicht mehr zusammen gewesen war. Ich fragte mich, hatte ich das Recht dazu? Aber er fehlte mir. Wir hatten es geschafft, Freunde zu werden. Und wurden natürlich mehr als Freunde, weil uns etwas über Freundschaft hinaus verband: das Wissen um uns als Paar. Niemand hatte mich gesehen, wie er mich gesehen hatte. Und ich hatte nie einen Mann aus solcher Nähe erlebt wie ihn. Wir hatten Leben geteilt. 

Als er starb, nahm er seinen Teil unseres gemeinsamen Lebens mit. Ich blieb allein mit meinen Erinnerungen. So musste es meiner Mutter auch gegangen sein, das wurde mir klar, als ich es fühlte. Und es tat mir fast leid, dass ich das damals nicht ermessen konnte. Ich habe mich immer sehr abgegrenzt gegen meine Mutter. Habe mich bewusst entschieden, mich ganz anders zu kleiden als sie. Eine andere politische Haltung zu haben. Niemals Golf zu spielen. Weniger Wert auf Statussymbole zu legen. Blau und Schwarz zu kombinieren, Gold und Silber, einen Automechaniker attraktiv zu finden, das Nachtleben auszukosten – alles Dinge, die gegen die Regeln meiner Mutter verstießen.

Bis heute missbilligt meine Mutter vieles an meiner Art zu leben, vor allem meinen Kleidungsstil. Ich reagiere mit einer Mischung aus Wut und Zufriedenheit. Wut, weil ich natürlich von ihr akzeptiert werden möchte. Und Zufriedenheit, weil in mir immer noch die Rebellin steckt, die sich gegen die Mutter auflehnt. Und weil ich tief in mir drin weiß, wie ähnlich ich ihr doch in vielen Dingen bin, auch wenn ich Turnschuhe trage und sie Slipper von Bally.

Das beste Beispiel ist dies: Wenn meine Mutter in Gedanken versunken ist, fährt ihre rechte Hand nach hinten an ihren Nacken und betastet ihre Haare da, wo sie sich leicht nach innen wellen sollen. Ich habe sie das oft machen sehen und bin überzeugt, dass sie meistens nicht wusste, dass sie es tat. Und ich? Ich habe selbst Jahre gebraucht, um meiner Hand auszutreiben, genau dasselbe zu tun. Dabei hatte ich nie nach innen gerollte Haare. Immer wenn meine Hand zum Nacken hinzuckte, dachte ich: Wie kann es sein, dass mein Körper diese Bewegung automatisch ausführen möchte, als wäre sie angeboren? Das ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie wichtig es mir war, mich von meiner Mutter zu unterscheiden. Es ist, das kann man so sagen, eines meiner Lebensthemen. 

Ich erinnere mich, wie meine Mutter als junge Frau eine Platte auflegte und durchs Wohnzimmer twistete, Bleistiftrock, Pumps, kurzärmeliger Pulli, die Haare aufgetürmt zu einer topmodischen 60er-Jahre-Frisur. Ich fühlte ganz intensiv nur einen Wunsch: so zu werden wie sie. Wahrscheinlich kam noch ein unbewusster Wunsch dazu: von ihr so geliebt zu werden, wie sie von mir geliebt wurde. In der Pubertät veränderte sich unsere Beziehung dramatisch. Ich wollte anders sein als sie. Und sie wollte, dass ich werde wie sie. Also franste ich meine Jeans aus, zog die Pullis meines Vaters an und sparte auf einen grünen Parka. „Das Allerletzte“, fand sie. Wir hatten ständig Streit. Meine Mutter war jetzt für mich nicht mehr schön und cool, sondern spießig und kontrollierend. „Was so nah war, braucht großen Abstand“, sagt die Psychotherapeutin Claudia Haarmann. „Das geht nur über wirklich harte Auseinandersetzungen.“

Zugleich lernt man von seiner Mutter, wie es ist, eine Frau zu sein. Von der Mutter lernt man, wie man liebt. Mit ihrer Art zu lieben beeinflusst die Mutter alle weiteren Beziehungen unseres Lebens, sie prägt die grundsätzliche Beziehungsfähigkeit. „Schaut man sich das Leben von Mutter und Tochter an, ihre Beziehungen zu Männern, Scheidungen oder glückliche Ehen, sieht man häufig Parallelen“, erklärt Claudia Haarmann. 

Genau davon erzählt Nicole Zepter in ihrem Buch. Von Parallelen in ihrem Leben und dem ihrer Mutter, die sich ihr erst erschlossen haben, als sie, wie ihre Mutter, allein mit Kind dasaß und auf eine zerbrochene, sehr große Liebe zurückblickte. Eine schmale Frau, zart, verletzlich und zu schwach, um sich zur Wehr zu setzen. „Das Wichtigste ist Unabhängigkeit“, predigte diese nicht emanzipierte und nicht unabhängige Mutter ihrer Tochter. Die Tochter verinnerlichte das. „Ich brauche keinen“, glaubt sie. „Ich kann alles allein.“

Und nun sieht sie ihre Mutter in sich. Wenn sie in den Spiegel schaut. Aber eben auch, wenn sie auf ihr Leben zurückblickt. Natürlich hat sie nicht das Leben ihrer Mutter nachgelebt. Aber ihr Einfluss ist so stark, dass die Tochter die alten Muster wiederholt, ohne sich dagegen wehren zu können. „Kinder haben von der Gefühlswelt der Mutter eine innere Kopie, und das beeinflusst ihr Leben“, sagt Claudia Haarmann. Aber sie sagt auch: „Wenn man sich den Beziehungsmustern nicht stellt, schleppt man sie ein Leben lang mit sich herum.“

„Ich möchte nie so sein wie du“ wäre dann ein verhängnisvoller Satz. Weil er eine Tochter daran hindert, sich von den alten Mustern zu befreien. Erst wenn ich akzeptiere, dass meine Mutter mich wie niemand sonst geprägt hat, kann ich mich von ihr lösen und eigene Wege gehen. In Frieden. „Es raubt Kraft, wenn man mit seiner Mutter im Zwiespalt liegt“, sagt Claudia Haarmann. Und es gibt Kraft, sich mit ihr zu versöhnen. Sich für sie zu interessieren. Sie verstehen zu lernen: Welche Wünsche hatte sie, welche Ängste? Welche Enttäuschungen hat sie ertragen? Und was für eine Frau ist sie überhaupt? 

Nicole Zepter hat auf das Leben ihrer Mutter geschaut. Sehr genau sogar. Sie erzählt es in ihrem Buch. Und sie schreibt: „Ich genieße das Zusammensein mit meiner Mutter. Sie ist mir näher als jemals zuvor, vor allem auch deshalb, weil ich sie das erste Mal als Frau und nicht mehr als Mutter sehe.“ Am Ende stellt sie fest, dass sie ihrer Mutter sehr ähnlich ist – und dabei ganz anders.