Neue Männer

Generation Macron

Hieß es nicht, die Zukunft sei weiblich? Ja, aber es gibt auch einen neuen Typ Mann, der uns dabei Gesellschaft leistet. Wir stellen neun Männer der neuen Generation vor.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Emmanuel Macron

Französischer Präsident, 40

Er könnte alles machen: Werbung für Zahnpasta. Mit Chansons Frauen in Ohnmacht singen (mehr Serge Gainsbourg, weniger Charles Aznavour). Oder diese schmal geschnittenen, verdammt gut sitzenden Anzüge designen, die er mit Vorliebe selbst trägt (aber eben H & M, nicht Brioni). Stattdessen prägt der französische Regierungschef mit ihnen die neue Slim Fit-Politgeneration, wie hierzulande FDP-Mann und Mister Universe des letzten Bundestagswahlkampfes Christian Lindner. Die Bewegung En Marche! gründete der ehrgeizige Ex-Banker, der als Kreuzung aus Ryan Gosling und John F. Kennedy daherkommt, in bester Start-up-Manier einfach selbst und verheißt genauso bestimmt wie nonchalant: So sieht die Zukunft aus, Leute. D’accord! Twitter-Motto: „Schwebe wie ein Schmetterling und stich wie eine Biene.“

Emmanuel Macron.


Gianluigi Buffon

Fußballtorwart, 39

Stünde da jetzt einfach nur ein bärtiger, verschwitzter Hüne, 191 Zentimeter geballtes Temperament, der so inbrünstig die Nationalhymne singt, dass Dieter Bohlen in Gedanken schon mal eine Ballade ankomponiert, wäre es nicht der Rede wert. Aber dass der sperrige Welttorhüter Gianluigi „Gigi“ Buffon nach der verpassten WM-Qualifikation seiner Squadra Azzurra mit rot verquollenen Augen „Mi dispiace“ („Es tut mir leid“) ins Reportermikro weint, dann seinen Rücktritt aus der italienischen Nationalmannschaft erklärt, um dann zu sagen: „Ist nur eine Auszeit, ich spiele noch mit 60.“ Das hat Format. Typisch: unterschreibt das Fantrikot eines Flitzers mitten im Fünfmeterraum, mitten im Spiel.

Gianluigi Buffon.


David de Rothschild

Umweltaktivist, 39

Männer, die Sätze sagen wie: „Kein Traum ist zu groß“ und: „Es gibt keine falschen Ideen, wenn man die Erde retten will“, haben entweder zu viele self-empowerment-Seminare besucht oder zu oft „Independence Day“ gesehen oder heißen: David de Rothschild. Dabei könnte der jüngste Sprössling der schwerreichen Bankiersdynastie, der als „zweitschönster Mann Großbritanniens“ (warum eigentlich nicht als schönster?!) gehandelt wird, sich zurücklehnen und sieben Tage die Woche nur Sohn sein. Stattdessen durchstreift er als smarter Öko-Abenteurer und lost explorer (so der Name seiner Online-Plattform) Wüsten und Urwälder, bereist Nord- und Südpol, segelt über den Pazifik, um via Twitter und YouTube von seinen Expeditionen zu berichten. Ach ja, er soll immer noch Single sein. Obwohl man es als Schwiegertochter von Mutter Natur bei ihm schwer haben dürfte. Seine Essentials: Taschentuch, bequeme Schuhe, offener Geist.

David de Rothschild.


Lars Eidinger

Schauspieler, 42

Ob Lars Eidinger der beste Schauspieler der Welt ist? Er selbst sagt Ja. Meint er natürlich ein bisschen im Spaß. Meint er aber auch ein bisschen ernst. „Unsicherheiten überspielen“, nennt er das, „self-fulfilling prophecy.“ Tatsächlich wird sein ekstatischer Richard III. von Moskau bis New York gefeiert, Fans pilgern zur Berliner Schaubühne, um ihn als Hamlet durchdrehen zu sehen. Eidinger, der mit Vorliebe die Haarspangen seiner zehnjährigen Tochter trägt, „Bibi Blocksberg“ als künstlerisches Erweckungserlebnis angibt und sonst gern düsteren Instrumental-Hip-Hop spielt. Könnte man exzentrisch nennen. Oder aber sagen: Wenn er aus sich rausgeht, kommt er bei sich an. Außerdem sehenswert: seine verkappt-geniale Instagram-Story-Kunst.

Lars Eidinger.


Kevin Systrom

Instagram-Erfinder, 34

Ein Frauenfuß und ein Golden Retriever neben einem Tacostand. Das ist das allererste Bild, das je auf Instagram geteilt wurde. Kevin Systrom bedeutet es deshalb so viel, weil der Fuß seiner Frau Nicole gehört, ebenso wie Hündin Dolly. Der Instagram-Gründer ist der elegante Außenseiter in der Sweatshirt-Welt der Internet-Elite, der italienischen Espresso trinkt, mit dem Tesla ins Silicon Valley rollt und den tie tuesday eingeführt hat – dienstags mit Krawatte, bitte. Mit nur 34 Jahren ist es ihm gelungen, dass sein „Instant-Telegramm“-Dienst sichtbar macht, was auf der Welt geschieht. Eine Art Schwarm-Journalismus in Bildern hat er geschaffen, der die Menschheitsgeschichte dokumentiert. Keine Ahnung, ob es noch sehr viel größer geht. Sicher ist: Nerd und Hipster, das schließt sich nicht mehr aus. Lieblingsfilter: X-Pro II.

Kevin Systrom.


Andreas Mühe

Fotograf, 38

Es ist ein bisschen schwierig, den Begriff des Erhabenen mit jemandem zusammenzubringen, der ständig „och“ statt „auch“ sagt und „Schongs“ statt „Chance“. Aber das ist ja das Gute an den Bildern von Andreas Mühe: Sie funktionieren ohne Ton. Es sind bis ins kleinste Detail inszenierte Szenen eines eigensinnigen Perfektionisten, der wochenlang auf den einen Schuss hinarbeitet. Und das mit einer analogen Großformatkamera, bei der das Motiv erst nach dem Entwickeln sichtbar wird. Digital, das sind die anderen. Ein Experiment könnte man meinen, aber weit gefehlt. Schließlich hat der Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe sein Bild lange vorher im Kopf, wie ein Maler. Und mit dieser Vision fängt er die Menschen ein, die Kanzlerin ebenso wie Rammstein, nackt in der Natur (Rammstein, nicht die Kanzlerin). Erhaben. Lieblingsspiel: Ich sehe was, was du nicht siehst.

Andreas Mühe.


Harry of Wales

Prinz, 33

Wie man in feinstem British English um a cup of tea bittet, lernte die Autorin dieser Texte auf dem Mädchengymnasium. Stets mit dem mahnenden Hinweis des Lehrers, im Buckingham Palace bitte schön bella figura zu machen, wenn man irgendwann kurz vor der Verlobung mit Prinz Harry stünde, damals noch im gleichen Teenageralter. Jetzt ist die Enttäuschung natürlich groß, das ganze th-Geübe: umsonst. Well then. Dass der Royal, der eigentlich Henry heißt, Platz sechs in der Thronfolge und im Herzen ein liebenswerter Rebell (früher mit provokanter Hakenkreuzbinde, heute mit schelmischem Dreitagebart-Grinsen), im Frühjahr eine Afroamerikanerin heiraten wird, drei Jahre älter, geschieden, Schauspielerin, Feministin – das geht mehr als in Ordnung. Um nicht zu sagen: how delightful! Die Bunte würde schreiben: „Lady Di wäre so stolz.“

Prinz Harry.


John Green

Schriftsteller, 40

„Erwachsene arrangieren sich irgendwann mit den Unzulänglichkeiten des Lebens. Sie regen sich nicht mehr so auf.“ John Green tut es. Der Autor, der 53-mal verlassen wurde und Priester werden wollte, bevor er seine Frau heiratete, empfindet die Welt immer noch als brüchig. Und vermutlich ist es das, was seine Jugendbücher so erfolgreich macht. Unbeholfen wirkt er, unter Zwangsstörungen leidet er, so gar nicht sophisticated und schon gar nicht cool. Stattdessen spricht er die großen Fragen des Lebens ohne Zynismus an, unverblümt, ehrlich, verständlich – seit 2007 auch auf seinem millionenfach geklickten YouTube-Kanal –, und sichert sich das, was Hollywood gern hätte: die Aufmerksamkeit der Generation Internet. Der eigene Ruhm ist ihm dabei immer noch suspekt. Und genau das macht ihn so sympathisch. Kürzel: DFTBA. (Don’t forget to be awesome.)

John Green.


Ashton Kutcher

Schauspieler, 39

Es wundert einen nicht wirklich: Ashton Kutcher ist passionierter Jäger. So richtig mit Holzfällerhemd, Tarn-Cap und Gewehr in der Armbeuge. Klingt nach Redneck, stimmt auch irgendwie, schließlich stammt der Schauspieler aus einfachsten Verhältnissen, Cedar Rapids, einer Mais-Hochburg irgendwo in Iowa (wo einst Johnny Depp als Gilbert Grape verloren ging). Dort weinen Männer nicht, und John Wayne ist Gott. Doch auch ein Redneck wird mal erwachsen, heiratet Mila Kunis, macht den Sprung vom Leinwandtrottel („Ey Mann, wo is’ mein Auto“) zum seriösen Unternehmer und wird Vollblutvater. Wie lange das gedauert hat? Zwei Sekunden: „Wyatt" kam gerade aus mir heraus, da war er schon zwei Sekunden später der perfekte Vater“, sagt Kunis. Treffer. Titel fürs Biopic: „Ey Mann, wo is’ mein Kind?“

Ashton Kutcher.