Frieden mit dem eigenen Körper schließen

Nicht makellos, aber schön!

myself-Autorin Susanne Kaloff hat mit ihrem Körper ein Friedensabkommen. Hier schreibt sie ihm sogar einen Liebesbrief!

Veröffentlicht am 04.03.2018
Frau küsst Spiegelbild


Meine Oma sagte manchmal mit Wehmut in der Stimme, dass sie gern noch mal jung wäre, aber mit dem Wissen von heute. Ich habe das als Kind nie verstanden. Vielleicht meinte sie, dass sie erst rückblickend sah, wie gut ihr Körper zu ihr war. Wenn ich mir heute Fotos von früher anschaue, wundere ich mich immer: Warum um Himmels willen hatte ich in diesem Moment so mit meinem Aussehen gehadert? Warum bin ich so blind und manchmal ignorant Dir gegenüber gewesen?

Makel entdeckte ich früh

Meine Liebe zu Dir war lange eine amour fou, intensiv und irgendwie aussichtslos. Es gab kein Entkommen aus Deiner Haut, und das auszuhalten erschien mir die größte Herausforderung meines Lebens. Ich komme aus einer Familie, in der Männer die "Brigitte-Diät" machten und in der die Frauen schwankten zwischen Eitelkeit und Selbstverachtung, in der verglichen und Menschen nach ihrem Aussehen beurteilt wurden. Kein guter Nährboden, um Frieden zu schließen mit seinen vermeintlichen Fehlern. Makel entdeckte ich früh, oder wie ist es zu erklären, dass ich bereits als Kind ganze Nachmittage auf der Heizung meiner Oma saß und meine Haut in einem Vergrößerungsspiegel scannte? Was ich suchte, war Perfektion, was ich fand, war Unvollkommenheit, die wie eine Bestätigung rief: Siehste, du bist nicht in Ordnung.

Mein innerer Guru

Ich kam auf die Welt so unschuldig wie ein weißer Wattebausch, wo und wann genau fing das Hadern mit Dir an? Sicher nicht erst an dem Tag, als so ein Knallkopp in einer Diskothek zu mir sagte: "Da steht meine Traumfrau vor mir und nun trennen mich fünf Kilo von ihr!" Er meinte mich, nicht sich. Er meinte Dich, meinen  Körper , der ihm, für was auch immer, zu viel war. Ich war fünfzehn, zart, innen und außen, und wog bis dahin kein Gramm zu viel. Nach diesem Abend schon. Wem ich es verdanke, dass ich daraufhin keine Essstörung bekam, weiß ich nicht. Vielleicht meinem inneren Guru, der schon immer gut auf mich aufgepasst hat. Der mich daran erinnert hat, wo meine Anmut wirklich wohnt.

Gemaltes Herz an Paketschnur


Äußere Attraktivität ist nur eine Facette

Von da an dauerte es noch ein paar Jahrzehnte, bis ich verstand, dass man eine innere und eine äußere Schönheit braucht, etwas, das man tief in sich kultiviert und gepflegt hat - für den Tag, wenn die eine mal nicht mehr da ist. Wenn die Hülle Risse bekommt. Spätestens dann ist eine andere Qualität entscheidend, sonst verzweifelt man beim Blick in den Spiegel. Äußerliche Attraktivität ist ja nur eine Facette vom Menschsein, und trotzdem habe ich geweint, als ich kürzlich meine Hände betrachtete. Sie sahen aus wie die einer alten Frau. Sollten sie anders sein, wie die eines Teenagers vielleicht? Wäre das nicht falsch? Das ist so schräg wie eine spiegelglatte Stirn jenseits der vierzig. Keine Frau hat sie in diesem Alter auf natürlichem Weg, nein, auch nicht durch jahrelanges Yoga oder tägliche Meditation. Ich habe Dich ja auch wirklich nicht verschont, weder mit meiner blühenden Fantasie noch mit meinem Kummer noch mit meiner Freude, mich Hals über Kopf ins Leben zu werfen. Das alles hat Spuren hinterlassen. Innen und außen, fühl- und sichtbar. Ist das nicht vielleicht mal langsam in Ordnung?

Frieden schließen

"Wollen wir beide Frieden schließen?", fragte ich Dich eines Morgens im Mai. Es war vor beinahe neunzehn Jahren, eine Woche, nachdem Du mein Kind geboren hattest. Ziemlicher Ritt, ziemlich viel Blut verloren, aber wir haben das gemeistert, wir zwei Hübschen. Und da saß ich also ein paar Tage danach in der Badewanne zu Hause, mein Baby schlief, und ich sah Dich durch das lauwarme Wasser hindurch an, bis mir die Tränen kamen. Nicht weil Du die Form etwas verloren hattest, nicht wegen des Bauches, der immer noch dick war, nicht wegen der lilafarbenen Adern, die sich wie eine Landkarte des Lebens durch meine Beine schlängelten. Das war mir egal. Ich weinte, weil es mir so leid tat. Was habe ich Dir nur alles angetan? Sex mit den falschen Männern, verqualmte Nächte, Lieblosigkeit und schmerzhafte Selbstgespräche. Und Du? Hast immer weitergemacht, tapfer, unerschrocken, treu wie ein Geliebter, der ewig auf mich wartet. 

Sätze wie "Wir werden alle nicht jünger" - Schwachsinn!

Das Warten hat sich gelohnt. Altern ist nichts für Feiglinge, heißt es ja. Ich glaube allerdings nicht, dass Mut dabei hilft, sich selbst zu lieben. Mut hat etwas Aggressives, und diese scheinbar couragierte Haltung kommt mir oft vor wie Zynismus. Dann fallen gern Sätze wie "Haha, wir werden alle nicht jünger" oder "Wir sind Opfer der Schwerkraft", und es werden Witze gerissen über schwabbelige Oberarme, hässliche Vokabeln wie "Winkfleisch" mit einem Grinsen repetiert. Alles im Raum brüllt Traurigkeit, Wehmut über das, was vergeht, und alle lachen wir eine Spur zu laut. Auch ich habe manchmal Sehnsucht nach früher, nach vollen Wangen, nach Fülle an den richtigen Stellen, nach einem Morgen, an dem ich unzerknittert aufwache. Aber gleichzeitig habe ich etwas entwickelt, ein Antidot gegen Panikbei Deinem Anblick: Einfach nur hingucken, liebevoll annehmen, was ist. Gut zu Dir sein, süß über Dich sprechen, bloß keine Vorwürfe machen, ruhig atmen und softness beneath it all fühlen. Unter der Oberfläche liegt so viel Schönheit, die völlig unbeeindruckt von Krähenfüßen und Nasolabialfalten existiert. Die nie vergeht.

Ich hörte auf, mich exzessiv in die Sonne zu legen

Nach der Yogastunde, wenn wir uns vor uns selbst verneigen, sagt meine Lehrerin immer: "Und vielleicht mit etwas Dankbarkeit, dass ihr diese Übungen überhaupt machen könnt!" Dass unsere Körper es zulassen, das Bein hinter das Ohr zu bekommen, oder, nun ja, es wenigstens versuchen. Das ist wie ein Weckruf, erinnert mich daran, wie sehr ich Dich liebe - und wie sehr diese Liebe immer noch an Bedingungen geknüpft ist. Wir wünschen uns alle bedingungslose Liebe, von jedem anderen. Wäre es nicht klug, wenn ich damit bei Dir beginne? Genau das tat ich irgendwann. Und als ich bereits ein gutes Stück auf dem Weg der radikalen Selbstliebe gegangen war, hörte ich plötzlich auf, mir kochendheißes Wachs über meinen Schritt gießen zu lassen, weil ich eine erwachsene Frau bin und zwischen meinen Schenkeln nicht wie eine Minderjährige aussehen muss.

Ich fing an, gut für Dich zu sorgen

Ich hörte auf, meine Haut auf Schwachstellen zu untersuchen oder mich exzessiv in die Sonne zu legen, weil ich akzeptiert hatte, dass ich in Wahrheit nie tiefbraun gedacht war. Und ich fing an, gut für Dich zu sorgen. Nein, dafür reichen keine basischen Bäder und grünen Smoothies, dafür braucht es vor allem ein Licht, das man in sich anzündet. Das alles überstrahlt, was an der Oberfläche ist. Etwas, das größer ist als man selbst. Und nein, keine Sorge, das Licht erlischt nicht, wenn man seine Beine täglich rasiert oder eine Maske auflegt, die so viel kostet wie eine Weltreise.

Nicht makellos, aber schön

Auf Deinem linken Handgelenk steht seit einem Jahr ein Wort, das ich mir tätowieren ließ: perfect. Es heißt nicht, dass ich makellos bin. Es heißt, dass ich ein vollkommenes menschliches Wesen in der Welt bin, in der alles, was ist und geschieht, okay ist. Es ist wie ein Mantra, das mich zurückholt, wenn ich mich in Äußerlichkeiten verlaufe, das mich erinnert, dass ich Dich und mich nicht reparieren muss. Meine Hochachtung, ich bin auf Deiner Seite! 

Autorin: Susanne Kaloff