Leben & Schicksale

Meike Schlecker: Die Gefangene

Ihr Vater treibt seinen Drogerie-Konzern in die Pleite – jetzt soll Meike Schlecker ins Gefängnis. Wer ist diese Frau, die so vieles über sich ergehen lassen muss?

Veröffentlicht am 15.03.2018
Porträt von Meike Schlecker.

Meike Schlecker wurde am 27. November 2017 zu zwei Jahren und acht Monaten ohne Bewährung verurteilt. 


Zwei Jahre und acht Monate ohne Bewährung. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern: Die Verkündung dieses Urteils am 27. November 2017 ist der Tiefpunkt im Leben von Meike Schlecker. Danach muss sie in einem Saal des Landgerichts Suttgart noch der 3-stündigen Begründung des Richters folgen. Eine Tortur. Blass sitzt sie da, in sich zusammengesunken, schüttelt immer wieder den Kopf. Die fragenden, fassungslosen Blicke in Richtung ihres Anwalts bleiben unerwidert. Sie sucht Halt und findet ihn nicht. Auch nicht bei ihrem Vater.

Auf dem Weg aus dem Saal muss Meike Schlecker an den Presse-Fotografen vorbei. Minutenlang bleibt sie mit dem Rücken zu den Kameras stehen, wischt sich die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht. Als ihr Vater auf dem Weg zum Ausgang an ihr vorbeikommt, blickt er ihr in die Augen, stockt und geht weiter. Kein Wort, keine Geste, keine Umarmung. Nichts.

Das Leben der Meike

Was Meike Schlecker mit 44 erlebt hat, reicht für mehrere Drehbücher. Die behütete Kindheit als Tochter des Drogerie-Moguls Anton Schlecker. Mit 14 wird sie zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Lars von Kriminellen entführt. Danach schottet sich die ohnehin zurückgezogen lebende Familie noch stärker in ihrer Villa in Ehingen bei Ulm ab. Später heiratet Meike den Londoner Investment-Banker Timothy Cook. Sie wird Mutter von zwei Töchtern, doch die Ehe scheitert. 2012 dann die Insolvenz des Familien-Konzerns. 

Wie es auch kommen mag, eines steht fest: Meike Schlecker ist eine Gefangene. Gefangen in einem Leben, das man trotz Millionen-Vermögen nicht mit ihr tauschen möchte. Gefangen in einer Familie, in der Geschäfte wichtiger waren als Gefühle. Die Mutter gilt als herrschsüchtig, der Vater als größenwahnsinnig und beratungsresistent. Er trieb seinen Konzern in die Pleite und nahm in Kauf, dass seine Kinder dafür ins Gefängnis gehen. Anton Schleckers eigene Haftstrafe wurde auf Bewährung ausgesetzt.

Familie Schlecker.

Drogerie-Mogul Anton Schlecker (vorne r.) mit Tochter Meike (links) und Sohn Lars (2. v. l.)  am Tag des Prozesses. 


Lügen haben kurze Beine ...

Meike und Lars bekamen die härteren Strafen, weil sie sich nicht nur des Bankrotts und der Insolvenzverschleppung schuldig machten, sondern auch der Untreue: Drei Tage vor dem Insolvenzantrag hatten sie via Blitzüberweisung 7 Millionen Euro von einer Tochterfirma des Schlecker-Konzerns auf ihre Privatkonten transferiert. Meike Schlecker hatte also mindestens 3,5 Millionen Euro auf der Bank, als sie am 30. Januar 2012 bei einer Presse-Konferenz sagte: „Es ist nichts mehr da.“

Sie hat Wirtschaft studiert, ihr muss bewusst gewesen sein, welches Risiko sie mit der Überweisung einging. Warum stellte sie sich vor den Vater, als alles längst verloren war? In den Jahren zuvor hatte der immer das letzte Wort gehabt. Jetzt, nach dem Zusammenbruch, duckte er sich weg und schickte sein jüngstes Kind vor. Sie ließ es zu. Dabei könnte Meike Schlecker ihr Schicksal ohne Zweifel selbst in die Hand nehmen. 1987, als sie und ihr Bruder in der Gewalt von drei Entführern waren, gelang ihnen die Flucht aus der Waldhütte, in der sie gefangen gehalten wurden. Damals konnte sie sich aus eigener Kraft befreien. Aber die ungeschriebenen Gesetze dieser Familie sind offenbar stärker als alles andere. Meike Schlecker wirkt wie eine, die alles richtig machen wollte. Und was richtig war, das bestimmten die Eltern.

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker und seine Ehefrau Christa waren gefürchtete Chefs. Jede Woche besuchten sie unangemeldet eine ihrer 14.000 Filialen und stauchten Mitarbeiterinnen zusammen. „Mitarbeiter sind wie Möbel. Wenn sie einem lästig werden, wirft man sie raus“, soll Christa einmal gesagt haben. Schwierig, sich diese Frau als mitfühlende Mutter vorzustellen. Während der Krise des Konzerns muss es in der Familie gekracht haben. „Meine Kinder wollten, dass ich mich zurückhielt. Man wollte neue Wege gehen ohne die Alten“, bestätigte Anton Schlecker im Prozess. Der 73-Jährige sprach von „Uneinigkeit“ und „widerstreitenden Motiven“.

Auf dem Papier waren Meike und ihr Bruder Lars Gesellschafter diverser Tochterfirmen. Aber, so zahlreiche Zeugen, das letzte Wort hatte immer der Alte. Als sich die Pleite abzeichnete, versuchten die Jungen, die Firma zu retten. Sie überredeten den Vater, Unternehmensberater ins Haus zu holen. Deren Sanierungskonzept wurde zunächst umgesetzt. Doch dann funkte Anton Schlecker dazwischen, zerstörte sein Lebenswerk und die Zukunft seiner erwachsenen Kinder.

Eine Momentaufnahme

Anton Schlecker selbst wohnt nach seinem Quasi-Freispruch in der Familien-Villa, die er vor der Insolvenz rechtzeitig auf seine Ehefrau überschrieben hatte. Fährt immer noch den Porsche, der angeblich seiner Tochter gehört. Betreut weiter die Firma CML Schlecker, die die Immobilien der Familie verwaltet. Die Firma läuft über seine Frau. Das Kürzel steht für „Christa, Meike, Lars“. Im Jahresabschluss 2015 tauchten „Grundstücke und Bauten“ im Wert von 4,5 Millionen Euro auf.

Meike Schlecker lebte zuletzt in London. Auch in Ehingen hat sie ein Haus, größer als die benachbarte Villa der Eltern. Sollte sie ins Gefängnis müssen, was Prozessbeobachter für wahrscheinlich halten, darf sie auf eine vorzeitige Entlassung nach eineinhalb Jahren hoffen. Man wünscht ihr, dass ihr danach auch die Befreiung vom Elternhaus gelingt. 

Der Fall Schlecker

1975: Im schwäbischen Kirchheim/Teck eröffnet Anton Schlecker seinen ersten Drogeriemarkt.

2008: Der Konzern hat europaweit mehr als 14.000 Filialen und 50.000 Mitarbeiter. Umsatz: über 7 Milliarden Euro.

23. Januar 2012: Anton Schlecker stellt Antrag auf Insolvenz.

27. November 2017: Anton, Meike und Lars Schlecker werden vom Landgericht Stuttgart zu Haftstrafen verurteilt – der Vater nur auf Bewährung, ein Quasi-Freispruch.