Schönheitsoperationen

Straffer, jünger, fremder

Was sagen eigentlich Männer zum Thema Beauty-OPs? Autor Jochen Siemens trauert den typischen Zeichen der Zeit hinterher.

Veröffentlicht am 16.04.2018


Ich könnte mich jetzt ein wenig lustig machen über das, was ich alle paar Tage vor der Tür sehe. Ich wohne gegenüber einer kleinen und feinen kosmetischen Tagesklinik. Altbau, sehr dezent, und doch sieht man sie zum Taxi oder zum Mann, der im Porsche wartet, heraushuschen. Bandagierte Nasen, sehr große Sonnenbrillen, Hände vor dem Mund und so. Und wenn die Hand mal rutscht, sieht man aufgepumpte Lippen oder glänzend stramme Wangen und lange Pflaster hinter den Ohren. Alles noch frisch, muss sich ja noch zurück- und zurechtschwellen. 

Ich will mich aber nicht lustig machen, weil ich nicht weiß, warum sich diese Frauen einem so blutigen kosmetischen Tuning unterwerfen. War das Leben vorher so traurig, dass sie glauben, mit einem „neuen“ Gesicht glücklicher zu werden? Sind es ihre Männer, die verlangen, gefälligst wieder vorzeigbar zu sein? Keine Ahnung, ich kenne die Frauen nicht. Ich bin auch nicht immer glücklich, wenn ich in den Spiegel schaue, aber auch nicht unglücklich. Ist eben so.

Ich kenne aber andere Frauen, Freundinnen, Bekannte, Ü40 oder Ü50, die neuerdings ebenfalls anders aussehen. Nicht so radikal verändert wie jene aus der Klinik gegenüber, keine Schlauchlippen oder Ballonbusen, sondern, sagen wir, dezenter. Ein bisschen Botox, minimale Straffung im Gesicht, nach zwei Kindern wieder einen Bauch wie ein frisches Bettlaken. Ein paar von ihnen kenne ich auch schon lange, man könnte sagen, unsere Gesichter haben gemeinsam die Jahre erlebt und natürlich auch verlebt.

Und so kannte ich die kleine Narbe auf der Stirn, die feinen Falten an den Augen, wenn sie lachten, die nicht mehr ganz pfirsichstraffen Wangen oder die Haut am Hals, die vom Alter erzählt. Habe ich schließlich auch. Und sich gegenseitig anzusehen war immer die Verabredung: Wir werden zusammen älter. Dass man im Kopf auch etwas weiser und gelassener wird, ist der Gewinn. Die Optik, na ja, der Verlust. Obwohl, es fällt ja nichts ab wie bei einem morschen Baum.

Was mich aber irritiert, wenn ich diese Frauen heute sehe und das Gesicht auf einmal straffer ist, die Narbe gewandert und der Hals glatt, sind die Fremdheit und das Verschwinden des mir vertrauten Blickes, weil die Augen schmaler geworden sind. Es ist die Aufkündigung der Verabredung, dass die Zeit an uns allen Spuren hinterlässt. Vertrautheit zu Freunden oder Menschen, die man lange kennt, entsteht aus einer Komposition – Augen, Gesicht, Stimme, Bewegung, Geruch und so weiter.

Wenn jetzt aber dieselbe Stimme aus einem anderen Gesicht kommt, wirkt das fremd. Mir ist ziemlich egal, ob sie besser aussehen, für mich sahen sie aus, wie sie waren, und nun brauche ich Zeit, sie wieder kennenzulernen. Deshalb schauen Männer gestraffte Frauen auch immer lange heimlich an. Um irgendwas wiederzufinden, was ihnen vertraut ist.

Ich kenne auch Frauen, die es anders machen. Die sich mit 41 oder 47 mögen und versuchen, die Zeit anzuhalten. Geht auch und irritiert mich nicht, weil ich es oft nicht einmal sehe. Die anderen Frauen, über die ich hier spreche, versuchen aber, die Zeit zurückzudrehen. Aus 51 wieder 41 oder so zu machen, das gemeinsam Erlebte also radikal wegzubügeln. Wenn man ihnen dann gegenübersitzt, ist das wie eine Trennung.