Selbstbestimmt leben

Meine neue Freiheit

Selten schien die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben so groß. Mehr Freiraum, mehr Zeit, mehr Leichtigkeit. Nur: Wie kriegt man das hin?

Veröffentlicht am 29.04.2018
Eine Frau springt in die Luft.


Zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass „Die Truman Show" ins Kino kam. An Aktualität hat der Film nichts eingebüßt. Denn sein großes Thema – das Recht auf und die Sehnsucht nach einem selbsbestimmten Leben – beschäftigt mehr Menschen heute als damals. Seine Persönlichkeit, seine Talente und Potenziale zu entfalten, frei von äußeren Zwängen zu leben, diesen Wunsch ver­band man lange vor allem mit Ausstei­gern und Hippies. Inzwischen begegnet er einem überall, auf der großen Welt­bühne, wo Briten und Katalanen poli­tische Autonomie fordern, genau wie im Kleinen. Dreijährige stimmen bei Kin­derkonferenzen in der Kita darüber ab, ob sie lieber etwas über das Weltall oder den Dschungel lernen wollen. Die meis­ten 20­ bis 35-­jährigen Deutschen sehen in der Selbstbestimmung ihr höchstes Lebensziel.

Und dann sind da all die Paare, die sich trennen, weil sich der eine durch den anderen eingeschränkt fühlt. Erwachsene mit Kinderwunsch, die sich fragen, wie das gehen soll – sich selbst gerecht zu werden und gleichzeitig Ver­antwortung für ein anderes Leben zu tragen. Angestellte, die auf die sichere Festanstellung verzichten, um „was Eigenes“ zu machen. Zum Beispiel Carina Herrmann. Von 2004 bis 2011 arbeitete die gelernte Kinderkrankenschwester auf Krebsstationen in Aachen und Frankfurt, eine psychisch anstrengende Aufgabe, die sie gerne machte, nicht nur weil sie sinnvoll war. „Das Fachgebiet hat sich ständig weiterentwickelt, man konnte viel lernen“, erinnert sich die 37-Jährige. Aber irgendwann wich die Begeisterung dem Gefühl von Belastung: all die Überstunden und dazu die Sorge um ihre jungen, schwerkranken Patienten.

Carina Herrmann brauchte Abstand. Sie kündigte ihre Stelle, verkaufte ihre Möbel, flog nach Australien, schrieb dort einen Blog. „Alle in meinem Umfeld haben mich angeguckt, als wäre ich verrückt, aber ich habe mich mit jedem Schritt ein Stück freier gefühlt.“ Als sie nach 14 Monaten zurückkehrte, versuchte sie es noch mal mit einer Festanstellung, im Qualitätsmanagement einer Kinderklinik in Regensburg, „tolle Mitarbeiter, großer Verantwortungsbereich, aber da hatte mich das Reisen schon zu sehr gepackt und das Gefühl, komplett selbstbestimmt leben zu können“. Seither verbringt sie den Großteil des Jahres auf Reisen, oft alleine, gerade war sie länger in Thailand. Ihr Geld verdient Carina Herrmann mit der Online-Beratung von Frauen, die sich wie sie selbstständig machen wollen, „aber ohne meinem Lebensstil zu folgen“. Der sei extrem, das sei ihr durchaus bewusst. Trotzdem oder gerade deshalb bewundern und beneiden sie viele. Das wäre früher anders gewesen.

Bis in die 1960er-Jahre zählte vor allem die Gemeinschaft, schließlich bot sie Schutz vor Krieg, Hunger und Armut. Sich mit sich selbst zu beschäftigen war verpönt, bis friedlichere Zeiten kamen und mit ihnen Wohlstand und die Frage, warum eigentlich andere über das eigene Leben bestimmen sollten. Plötzlich war nicht mehr Selbstkontrolle gefragt, sondern Selbstverwirklichung. Wie es gelingt, haben die amerikanischen Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman erforscht und dabei vier Merkmale für ein selbstbestimmtes, authentisches Leben ausgemacht: 1. Die eigenen Wünsche und Bedürfnisse gut kennen; 2. Sich auch mit persönlichen Schwächen, Sorgen und Ängsten auseinandersetzen; 3. So handeln, dass sich Werte und Wünsche im Handeln spiegeln, auch wenn man dafür von außen Widerstand und Kritik erntet; 4. Anderen gegenüber zu seinen Bedürfnissen und Haltungen stehen, ohne unfreundlich zu werden. 

Für Franziska Seyboldt war all das lange undenkbar. In ihrer Kindheit entwickelte die Journalistin eine Angststörung, lebte mehr als 20 Jahre mit Panikattacken und ständiger Anspannung: beim Arzt, in der U-Bahn, im Büro, im Auto, im Flugzeug. „Meine Form von Selbstbestimmung sah so aus: tot stellen oder flüchten. Im Kino und Theater habe ich mich immer an den Rand gesetzt, damit ich bei einer Attacke sofort wegkonnte. Wenn ich mit Freunden in der U-Bahn unterwegs war und die Panik kam, habe ich mir nichts anmerken lassen. Hauptsache, niemand merkte was. „Ich habe immer eine Maske getragen.“

Durch eine Therapie lernte sie, die Maske abzulegen. Sie begann, auf sich zu achten, darauf, was sie will, wie es ihr geht, auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Die Angst sei noch da, „aber heute führen wir eine friedliche Koexistenz“, schreibt die 33-Jährige in „Rattatatam, mein Herz“ (Kiwi). Das Buch ist der Erfahrungsbericht einer Angstpatientin, einerseits. Andererseits muss man als Leser nie eine Panikattacke durchgemacht haben, um sich wiederzuerkennen: etwa in dem Bedürfnis, möglichst selbst entscheiden zu wollen, wie sich das Leben entwickelt. Dabei habe sie die Kontrolle überhaupt erst durch ihr extremes Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen, verloren, sagt Franziska Seyboldt.

Spätestens da ahnt man, dass die Sache mit der Selbstbestimmung auch ein Risiko birgt – wenn man sie als Selbstmanagement betreibt. Wenn man glaubt, sein Schicksal komplett selbst in der Hand zu haben und deshalb an seinem Leben immerzu arbeiten zu müssen. Dann werde Glück eine „Frage der Entscheidung und Entschlossenheit“, sagt der Historiker Michael Girkinger, der seit Jahren den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsbildung, Glück und Selbstoptimierung untersucht. „‚Sei du selbst‘ ist ja leicht dahergesagt, doch zu finden, wo man hingehört und wo nicht, was zu einem passt und was weniger, ist eine Lebensaufgabe, die sich nicht im Handumdrehen lösen lässt.“ Auch wenn der Zeitgeist einem etwas anderes suggeriert: Chancen aktiv suchen, jede Möglichkeit nutzen, sich nicht mit Kompromissen abfinden, das Beste aus dem Leben herausholen.

Das Streben nach dem selbstbestimmten Leben als Idealzustand hat natürlich Folgen: Individualisierung, Selbstoptimierung, Leistungsdruck. „Neben der Freiheit, nach seiner Façon selig zu werden, tritt das Unbehagen, es zu müssen“, fasst es Michael Girkinger zusammen – was steigende Scheidungsraten und sinkende Geburtenzahlen erklärt, genau wie den Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung oder dass Freunde zum Familienersatz werden. Menschen, die dadurch nicht unbedingt glücklicher werden, kennt man genug. Solche, die es auch zugeben, eher nicht. Tun sie es doch, bekommen sie nicht selten zu hören: „Aber du hast es doch so gewollt.“

Vielleicht wäre es besser, im Umgang mit dem Selbst abzurüsten, fordert die israelische Soziologin Eva Illouz. Denn ständig auf ein Leben zu hoffen, in dem man seine Wünsche, Talente und Potenziale voll entfalten kann, führe auf Dauer dazu, dass sich das normale Leben dumpf anfühlt. Dabei kann auch ein auf den ersten Blick fremdbestimmtes Leben ein selbstbestimmtes und erfüllendes sein. Ein Leben wie das von Maria-Christina Piwowarski. Die 35-Jährige hat zwei Söhne, sieben und 14 Jahre alt. Sechs Tage in der Woche arbeitet sie in der Berliner Buchhandlung Ocelot, fest angestellt. Wenn sie nachmittags um halb vier nach Hause geht, um Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, bleibt sie für ihr Team im Laden erreichbar. Für Abendveranstaltungen kommt sie immer rein. Auch sonst füllt die Arbeit ihre Freizeit aus: Verlagsvorschauen durcharbeiten, möglichst viel lesen, im Netz Bücher recherchieren, die in das sorgsam ausgewählte Ocelot-Sortiment passen.

Es ist ein Leben voller Routine und Verantwortung für andere und mit wenig Zeit für sich. Und doch sagt Maria-Christina Piwowarski: „Ich könnte mich nicht selbstbestimmter fühlen. Ich identifiziere mich mit dem, was ich mache, bin gut darin, meine Arbeit wird anerkannt. Ich verdiene damit genug Geld. Und ich kann meine Kinder viel sehen.“ Natürlich könnte sie versuchen, mehr herauszuholen, zum Beispiel mit einem eigenen Buchladen. Aber ihr gefalle es so, wie es jetzt ist. „Autonom sein heißt, selbstständig die eigenen Gründe gegeneinander abzuwägen und für das Resultat dieser Abwägungen selbst einzustehen“, schreibt die Philosophin Beate Rössler in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Autonomie: Ein Versuch über das gelungene Leben“ (Suhrkamp).

Was sie damit meint: Irgendwelche Zwänge gibt es immer, Kompromisse, die man schließen muss, Hindernisse, die den Weg zur Selbstbestimmung im klassischen Sinn versperren. Man kann versuchen, sie zu überwinden, wahrscheinlich schafft man es sogar, wenn man es wirklich darauf anlegt. Aber es ist genauso okay, davorzustehen, sich auszumalen, wie es auf der anderen Seite aussehen könnte, und bewusst wieder umzukehren, um dort zu bleiben, wo man ist. Das ist am Ende kein vollkommen freies Leben, aber auch eine Form von Selbstbestimmung, und zwar gar keine schlechte. 

Das Neue wagen

Als Carina Herrmann durch die Arbeit auf der Kinderkrebsstation der Burnout droht, kündigt sie als Krankenschwester, geht nach Australien und schreibt von dort einen Blog für allein reisende Frauen. Heute arbeitet die 37-Jährige meist unterwegs aus dem Ausland und berät Frauen zum Thema berufliche Selbstständigkeit (um180grad.de).

Die größte Hürde:

„Meine Eltern hatten beide ein unglaubliches Sicherheitsbedürfnis. Das Festhalten an einer Festanstellung war mir quasi in die Wiege gelegt. Wenn man seinen Weg gehen will, muss man die Stimmen ausblenden, die einem einreden: Das ist zu riskant. Man muss einfach machen. Das ist keine Frage von Mut, sondern eine Entscheidung. Der Mut kommt nicht von allein. Wenn man auf ihn wartet, bringt man nichts zustande.“ 

Carina Hermann.

Carina Hermann.


Die Angst besiegen

Mit 12 wird Franziska Seyboldt beim Arzt ohnmächtig. Ab da ist die Angst ihr ständiger Begleiter. Lange versucht die heute 33-Jährige, sie wegzudrücken, bis sie eine Therapie macht. 2016 schreibt sie in der Tageszeitung „Taz“ über ihre Angststörung – den Auslöser für ihr Buch „Rattatatam, mein Herz“, das im Januar 2018 erschienen ist.

Die beste Hilfe:

„Für mich war wichtig zu erkennen, dass ich nicht in einer imaginären Zukunft lebe, sondern im Jetzt. Man muss sich selbst und das Leben ehrlich anschauen, was manchmal schmerzlich ist. Nachdenken allein reicht aber nicht. Man muss auch aktiv daran arbeiten, damit sich etwas ändert, damit man sich freier fühlt.“

Franziska Seybolt.

Franziska Seybolt.


 

Sich mit den Dingen arrangieren

2015 übernimmt Maria-Christina Piwowarski, 35, die Leitung der Berliner Buchhandlung Ocelot. Bestseller findet man hier kaum, dafür Überraschendes und echte Geheimtipps.

Die wichtigste Erkenntnis:

„Ich will nicht ausschließen, dass ich mich irgendwann selbstständig mache. Gerade bin ich froh, mich als Angestellte nicht um Dinge wie Buchhaltung kümmern zu müssen. Dadurch habe ich den Kopf frei für alles, was mir wichtig ist: meine Kinder, mein Team, die Bücher. Ein vorgegebener Rahmen muss nichts Schlechtes sein. Man muss ihn eben so justieren, dass man sich damit gut fühlt.“ 

Maria-Christina Piwowarski.

Maria-Christina Piwowarski.