Selbstoptimierung

„Ich war süchtig nach Schönheits-OPs"

Hier was auffüllen, dort was absaugen. Eine Frau über ihre zwanghafte Selbstoptimierung und das gute Gefühl, endlich Frieden mit dem eigenen Körper zu schließen.

Veröffentlicht am 20.02.2018
Schönheits-OP.


Wenn ich heute vor dem Spiegel stehe und Grimassen ziehe, erkenne ich, dass die Spuren in meinem Gesicht in Ordnung sind. Ich habe geraucht, gelacht, geküsst und geredet, und das Spiegelbild, in das ich blicke, ist ein sympathisches. Es ist meins. Natürlich betrachte ich die feinen Fältchen um meinen Mund genauso kritisch wie immer. Aber der Impuls, sie zu bekämpfen, ist schwächer geworden. Ich beobachte die schlaffe Haut an meinen Oberarmen und kann mich trotzdem für eine ärmellose Bluse entscheiden, ohne an eine mögliche Operation zu denken. Das war lange nicht so.

Ich war 16, als ich angefangen habe, gegen mich zu kämpfen. Mal war ich dick, dann wieder dünn. Ich war ein Revoluzzer, jedenfalls hat das mein Vater behauptet. Seiner Meinung nach hatte ich eine falsche Vorstellung vom Leben. Und während ich zehn Kilo mehr, dann wieder zehn Kilo weniger wog, blieb meine jüngere Schwester schlank und – nach den Worten meines Vaters – schlau. Sie passte viel besser in dieses Elternhaus, in dem ich mich nie wohlgefühlt habe. Das soll nichts erklären, ich habe kein frühkindliches Trauma, das als Grund für meine Sucht nach Schönheitsoperationen herhalten könnte. Nur gab es eben auch niemanden, der mich so mochte, wie ich war.

Du hast eine Birnenform, hat meine Mutter mir erklärt, sie meinte meine Brüste. Sie hingen von Anfang an, ich habe sie gehasst als junge Frau. Nach der Geburt meiner Tochter konnte ich sie nicht einmal mehr anschauen. Ich war 34 und zu jung für Körperteile, die aussahen wie die einer 85-Jährigen. Außerdem hatte ich eine Vorstellung davon, wie schöne Brüste aussehen: Seit ich 19 bin, kümmere ich mich um das Äußere anderer, das ist mein Beruf. Und meine Kundinnen sind Frauen, die sich intensiv um ihr Aussehen kümmern. Eine von ihnen, die einen sehr großen Busen hatte, kam eines Tages mit kleineren, perfekten Brüsten in mein Kosmetikstudio. Da wusste ich, auch ich werde mich operieren lassen. Ich habe sofort in der Klinik angerufen und gesagt: Ich möchte die gleichen Brüste wie Frau B.

„Schönheit hieß für mich, gewappnet zu sein für die Welt da draußen"

Ich hatte keine Angst vor der Operation, auch nicht vor denen, die folgten. Hätte ich eine Scheu vor Schmerzen, würde ich Risiken meiden, so wäre ich vielleicht nie süchtig geworden nach Schönheitskorrekturen. Aber nichts hat mich gebremst. Wieso sollte ich einem Körper respektvoll begegnen, den ich nicht mochte? Entsprechend locker habe ich die erste Bruststraffung weggesteckt. Das Ergebnis war eine Sensation, ich selbstbewusster, als hätte ich mich aufgerichtet. 5000 Mark hat der Eingriff gekostet. Ich hätte alles für diese Brüste getan, Brüste, die mein Mann nicht mehr berühren durfte, so kostbar waren sie mir. Unsere Ehe war nicht glücklich, und nach der Operation hatte ich den Mut, ihn zu verlassen. Erst jetzt fühlte ich mich schön genug für eine neue Beziehung, denn schön sein hat für mich bedeutet: gewappnet sein für die Welt da draußen. Dünn und gut aussehend würde ich leichter eine Scheidung durchstehen, Kundinnen beeindrucken, einen neuen Partner finden.

Schönheits-OP.

Der Schönheitsfehler von Beauty-Korrekturen? Da geht immer noch was.


Doch das neue Körperglück hielt nicht lange, ich nahm wieder zu. Eine Freundin erzählte, es gebe eine Fernsehsendung, in der würde einem Fett abgesaugt, umsonst, ich müsste nur hinterher in einer Talkshow darüber sprechen. Ach ja? Gut, war mir egal, Hauptsache, jemand würde mir meinen Speck abnehmen. Es sollte nicht der beste Deal meines Lebens sein, aber mein Wunsch, wieder schlank zu sein, war stärker als meine Bedenken. Und so habe ich mir das Fett an den Oberschenkeln, an der Hüfte und über den Knien absaugen lassen und vor laufenden Kameras erzählt, wie ich mich fühlte: gut. In Wahrheit hatte der Arzt zu viel Unterhautfettgewebe abgesaugt, eineinhalb Jahre hatte ich Schmerzen, wenn ich auf der Seite lag.

Da habe ich mir vorgenommen: Das nächste Mal suchst du dir deinen Operateur selbst aus. Ich war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Wenn ich zunahm, sammelte sich der Speck ober- halb der Hüfte an. Als ich meinen zweiten Mann kennenlernte, hatte ich wieder mein altes Schwergewicht erreicht. Bis heute staune ich darüber, dass er mich trotzdem begehrt, meinen Körper bedingungslos gut findet – obwohl ich doch inzwischen weiß, dass ich eine schöne Frau bin. Seine Hingabe hat mich nicht davon abgehalten, mich erneut unters Messer zu legen. Nach der Geburt unseres Sohnes hingen meine Brüste wieder. Und ich? War Anfang 40 und wollte den Körper zurück, den ich zehn Jahre zuvor gehabt hatte.

Operiert hat mich derselbe Mann wie beim ersten Mal. Er hat meine Brust gestrafft, die Bauchhaut ein Stück hochgezogen und eine Falte entfernt, die sich über dem Schambereich gebildet hatte. Kosten: 4500 Euro. Ergebnis: nichts so wie erwartet. Also noch mal nachoperieren. Noch mehr Kosten und Narben, und zum ersten Mal dachte ich: Vielleicht muss ich diesen Körper akzeptieren. Ein Gedanke, den ich jedes Mal vergessen habe, wenn ich meinen Kundinnen gegenübersaß, mit aufgespritzten Lippen, glatter Stirn, Größe 34. Wie sie wollte ich unverändert schön bleiben. Wie sie habe ich geglaubt, dass es egal ist, ob ich viel oder wenig esse, kaum schlafe. Kann man ja alles korrigieren. Diese Eingriffe glätten nicht nur Aussehen, sondern auch Stimmungen, lautet das Versprechen. Eine gelungene OP fühlt sich so gut an wie eine erfolgreiche Psychotherapie, davon war ich überzeugt.

Eine neue Perspektive

Deshalb schien es mir auch normal, auf das Angebot eines befreundeten Schönheitschirurgen einzugehen, mir die Augenlider zu straffen. Zum Selbstkostenpreis. Wäre ich reich gewesen, so hätte ich mir die Oberarme, den Bauch, die Innenseite der Oberschenkel operieren lassen. Doch die Augenlidstraffung war meine letzte OP. Es ist, als hätte ich 49 werden müssen, um den Mut zu haben, mich selbst in Ruhe anzuschauen. Meinem Körper respektvoll zu begegnen. Dieser neue Blick auf mich löst ein Gefühl in mir aus, das ich mir bisher nur geliehen habe, nämlich Stolz. Auf meine Familie, Freunde, meinen großen Kundenkreis. Ich habe immer Menschen angezogen, aber nie begriffen, dass ich besonders gut mit ihnen umgehen kann. Dass das eine Stärke ist und kein Stärkeersatz nach dem Motto: Sie mag Größe 40 tragen, ist dafür aber echt nett.

Ich habe begonnen, Yoga zu machen und mich mit meiner Kindheit auseinanderzusetzen. Beides hat mir geholfen, neue Verhaltensmuster zu entwickeln, um diesem Sog zu widerstehen, mich äußerlich statt innerlich zu korrigieren. Dieser Prozess wird eine Weile dauern, aber ich werde jeden Tag sicherer, und ausgerechnet mein Körper macht mir den Ausstieg leicht: Was, sagen die Menschen, denen ich begegne, du bist 50? Du wirkst jünger. Danke, antworte ich und weiß, sie meinen nicht nur mein Gesicht, sondern mich, meine Art zu sein. Die, und das weiß ich heute, einnehmend, herzlich und damit schwer in Ordnung ist.