Selbstversuch: Euvedische Bauchdiagnose

Die Seele ertasten

Was verrät der Bauch über Körper und Geist? Fast alles, sagt eine Massage-Spezialistin. Unsere Autorin hat es ausprobiert. Und: Was man über Ayurveda wissen sollte.

Veröffentlicht am 21.12.2017

Per Druck sollen Blockaden spürbar sein.


Woher weiß sie das nur?

Sie wolle nichts von mir wissen, sagt sie. Nicht, wie alt ich bin und wie ich lebe. Vor allem nicht, ob mir etwas fehle. Sie werde es sowieso gleich herausfinden, wenn sie ihre Hände auf meinen Bauch gelegt habe. Sandra Sharma wirkt nicht wie eine einfühlsame Heiltherapeutin – eher wie eine fröhliche Bekannte, mit der man sich gern mal zum Lunch verabredet. Sie trägt Seidenbluse und Schmuck, ihre dunkelblonden Haare sind sorgfältig geföhnt. Ich bin skeptisch, ob sie wirklich erkennen kann, wie ich gesundheitlich gerade so dastehe.

„Euvedische Bauchdiagnose“ nennt die 49-Jährige ihr Verfahren. Bei ihren Kunden genießt sie den Ruf, überraschende und tief gehende Momente der Selbsterkenntnis auszulösen. Menschen mit viel Verantwortung und wenig Zeit vertrauen sich ihr an. Vorstände, Unternehmer und Kreative lassen sich auf Sylt und in München von ihr behandeln. Andere Klienten fliegen sie extra ein, auf die Privatinsel in Italien oder nach Bahrain.

Was ist so besonders an ihr? Sandra Sharma sagt, mit ihrer Bauchbehandlung könne sie Schwachstellen im Körper identifizieren, bevor sie zum Problem werden. Gleichzeitig will sie an die „Schufa meines Lebens“ heran, so nennt sie alte Verletzungen, Krankheiten und Traumata, die der Körper speichert. „Sie werden hier leichter rausgehen“, sagt sie, „und das Gefühl haben, als seien sie im Urlaub gewesen.“ Ich staune und denke kurz darüber nach, ob sie spüren wird, dass ich Schlafstörungen habe. Mit nacktem Oberkörper liege ich vor ihr, während sie ertastet, welches Dosha bei mir am stärksten ausgeprägt ist. Die Doshas Vata, Pitta und Kapha sind laut Ayurveda, der jahrhundertealten indischen Heilkunst, Urkräfte. Mit eingeölten Händen fährt Sandra Sharma über meinen Bauch.

Später erzählt sie mir, dass sie vor 30 Jahren Ayurveda für sich entdeckt hat. Der Liebe wegen sei sie mit 19 nach Indien gegangen, habe Sanskrit und vedische Schriften studiert – und in der Familie ihres späteren Mannes die Lehre erlernt und einige Jahre in Neu-Delhi angewendet. 2002 wurde Ayurveda von der Weltgesundheitsorganisation als traditionelle Heilmethode anerkannt, aber nicht ohne den Hinweis, dass Studien zur Wirksamkeit fehlten. In Deutschland bieten heute diverse Institute und auch vier Kliniken Ayurveda-Therapien an, darunter das Immanuel Krankenhaus Berlin. Es kooperiert mit der Charité und ist eine renommierte Adresse (siehe unten).

Als Sandra Sharma mit Anfang 30 zurück nach Deutschland kam, fand sie, dass die ursprüngliche ayurvedische Heilkunst in Deutschland nicht funktioniere: Keiner habe Zeit für wochenlange Entgiftungs- und Regenerationsprozesse. Also habe sie ihr eigenes System entwickelt und „euvedisch“ genannt, weil es an europäische Verhältnisse angepasst sei, eine Mischung aus Körper- und Entspannungstherapie.

Ihre Augen sind jetzt geschlossen, die Finger ihrer linken Hand graben sich in meinen Unterbauch. Es schmerzt, davor hat sie mich gewarnt. Mit der rechten Hand drückt sie auf meinen Oberbauch und zählt bis 23, sie nimmt die „Pulsung“, wie sie sagt, die ihr Aufschluss geben soll über meine Verfassung. Sie löst den Griff, streicht über meinen Bauch, wiederholt ihn und spricht von einer „Blockade“. Sie nehme kleinere Wehwehchen wahr, auch psychische Verletzungen, ihre Angaben sind verblüffend konkret. Ich kann mir nicht erklären, woher sie das weiß. Dann will sie mit mir über ein bestimmtes Gefühl reden, das ihr auffällt. Wir sprechen über mögliche Ursachen, ich kann mich nicht verstellen – und muss weinen. In diesem Moment fühle ich mich aufgehoben und ausgeliefert zugleich.

Nach eineinhalb Stunden richte ich mich unsicher auf. Sandra Sharma wirkt zufrieden. Manchmal brauche sie zwei Behandlungen, bis ihre Patienten sich öffneten. Bei den Folgeterminen, meistens sind es zwei oder drei, behandle sie auch mal über den Kopf oder Fuß. Der erste Termin koste 280 Euro, weitere bis zu 320 Euro. Der Erfolg hänge aber in erster Linie davon ab, dass man den Ernährungsplan einhalte, den sie entworfen hat. Weil eine gestörte Verdauung die meisten Zivilisationskrankheiten verursache. Das passt zum Zeitgeist, der Ernährung ins Zentrum des persönlichen Wohlbefindens stellt. Sandra Sharma bittet ihre Klienten, für sechs Wochen zu verzichten: etwa auf Alkohol, Rohkost, Weizenmehl und Milch. Die Liste ihrer Vorgaben ist lang.

Sandra Sharma sagt, sie folge bei der von ihr konzipierten Methode einem „inneren GPS“, das ihr helfe, Familienkonstellationen oder Gefühle wahrzunehmen. Wissenschaftlich belegen lässt sich das natürlich nicht, mit dem klassischen Ayurveda hat das auch nichts zu tun – aber ihre Trefferquote erscheint zumindest in meinem Fall verblüffend hoch.

Vielleicht liegt es daran, dass sie sich viel Zeit für mich und meinen Körper nimmt. Dass sie Fragen stellt und von sich aus Themen anspricht, die kein Arzt je von mir wissen wollte. Man weiß, dass es heute eine große Sehnsucht nach spiritueller Autorität jenseits klassischer Behandlungsmethoden gibt. Was Sandra Sharma anbietet, würde man eher als sophisticated wellness bezeichnen. Womöglich wirkt da auch ein Placeboeffekt; grundsätzlich nicht schlecht, auch die Schulmedizin weiß ja mittlerweile, dass so Heilungsressourcen freigesetzt werden können. Außerdem sagt Sandra Sharma, wenn sie an Grenzen stoße, schicke sie die Leute zu Ärzten.

Zum Abschied meint sie noch, ich werde sicher gut schlafen. Für die nächsten drei Nächte soll sie recht behalten.

Sandra Sharma, 49, wuchs im Allgäu auf. Mit 19 ging sie für ein Jahrzehnt nach Indien.


Klassisches Ayurveda: Gut zu wissen

Wie läuft die Ausbildung?

In den Ursprungsländern Indien und Sri Lanka ist ein vier- bis sechsjähriges universitäres Ayurveda-Medizin-Studium üblich. Auch möglich: die systematische Weitergabe des Wissens innerhalb einer ayurvedischen Familientradition.

Welche Rolle spielt der Bauch?

Dr. Christian Kessler, 39, vom Immanuel Krankenhaus in Berlin ist Experte für Traditionelle Indische Medizin. Der Internist und Indologe sagt: „Eine Bauchdiagnose als alleinige Grundlage für therapeutische Arbeit gibt es im klassischen Ayurveda nicht.“ Das diagnostische Vorgehen ist der westlichen Methode nicht unähnlich: Der Arzt untersucht denganzen Körper, spricht ausführlich mit dem Patienten – und ermittelt dann eine passende Behandlung.

Kann man Blockaden mit den Händen spüren?

Massagen sind oft Teil der ayurvedischen Therapie. Christian Kessler sagt, es gebe durchaus Ärzte und Therapeuten, die mit ihren Händen Verspannungen und muskuläre Blockaden lokalisieren können. Nur mit einer Tastuntersuchung des Bauches ließen sich aber keinesfalls sämtliche Diagnosen des Bauchraums stellen.

Wie wichtig ist die Ernährung?

Sehr wichtig. Der Ayurveda-Arzt erfragt Gewohnheiten und Vorlieben – und erstellt einen individuellen Ernährungsplan. Erhält man stattdessen generelle Empfehlungen, sollte die Kost leicht verdaulich und pflanzenbasiert sein.

Ihre Angaben sind verblüffend. Woher weiß sie das nur?