SPD-Chefin Andrea Nahles

Das Nahles-Prinzip

Andrea Nahles hat es geschafft. Sie ist Parteivorsitzende der SPD. Die Politikerin polarisiert – aber lernen kann man von ihr trotzdem eine Menge.

Veröffentlicht am 26.04.2018
Andrea Nahles.

Die frischgebackene SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles.


Gute Basis

From hero to zero: Ein Grund für den dramatischen Absturz von Martin Schulz letztes Jahr war, dass er unter­schätzt hat, wie wichtig eine verläss­liche Basis ist. Seine Freunde saßen in Brüssel – und nicht im Bundestag. Die kluge Macht­-Statikerin Andrea Nahles dagegen weiß: Wer nach oben will, braucht Vertraute, ein Team, das einen stützt. Und Ausdauer. Andrea Nahles begann schon bei den Jusos, ihr Netzwerk zu knüpfen, und gründete in ihrem Heimatort Weiler in Rheinland­ Pfalz den ersten SPD­-Ortsverein. Im Wahlkampf besuchte die 47­-Jährige so viele Wahlkreise wie kaum ein anderer Sozialdemokrat. Und während Kollege Olaf Scholz vor dem Mitgliederent­scheid zur GroKo sein Gesicht in jede sich bietende Kamera hielt, war Nahles im Nahkampfmodus; sie tourte durch Kneipen, hörte zu. Begriffe wie Loyali­tät mögen zuweilen ein bisschen ange­staubt klingen. Wie wär’s stattdessen mit: Three is a party?

Das Pippi-Motto

Da steht also eine gestandene Bundes­tagsabgeordnete und krächzt mehr, als dass sie singt, das Pippi Langstrumpf­-Lied „Ich mach mir die Welt, widde­ widde wie sie mir gefällt“ ins Parla­mentsmikrofon. Peinlich? Ach was, in diesen Kategorien denkt eine Nahles nicht. Sie kokettiert mit ihrem auf­brausenden Gemüt, es fallen schon mal Begriffe wie „Bätschi“, „Kacke“ und „Fresse“, Vokabular, das der Duden vornehm unter „derb“ führt. Sie selbst sagt dazu: „Ich komme aus der Vulkan­eifel und kenne mich mit Explosionen aus.“ Nahles mag nicht immer den richtigen Ton treffen. Und „sicher gibt es Momente, da muss man nicht auch noch singen. Mir ist es lieber, jeman­den zu haben, dem es kurz mal egal ist, ob er peinlich ist, der aber wenigstens was will“, bringt es Late­-Night­-Talker Klaas Heufer-­Umlauf auf den Punkt.

Sorry? Not sorry

Glaubt man Job­-Coaches, dann muss man vielen Frauen immer noch den Reflex abtrainieren, sich ständig zu entschuldigen. Im Zoo der Alphatiere ein Zeichen von Schwäche. Nahles ent­schuldigt sich nicht. Weder für ihren „Hinterhof­Jargon“ (Michael Grosse­ Brömer, CDU), noch lamentiert sie he­rum, wenn man ihr – sie würde sagen – an den Karren fahren will. Beispiel: Der Ex­-Kanzlerkandidat Peer Stein­brück beschwerte sich 2013, sein Wahl­kampf sei schlecht vorbereitet gewesen von seiner Generalsekretärin. Und Nahles? Entmachtete Steinbrücks Ver­traute. Never complain, never explain. Ausnahme von der Regel: Man hat wirklich einen Fehler gemacht, den man politisch nicht überlebt. Als Nahles als Arbeitsministerin plante, Alleinerziehenden teilweise den Hartz IV­-Satz zu kürzen, ruderte sie nach heftigem Protest zurück.

Timing, Leute, Timing!

Nach unten treten, nach oben buckeln? Damit macht man vielleicht als Würst­chen Karriere. Wer wirklich voran­kommen will, muss sich ernsthafte Gegner suchen. Ein paar denkwürdige Kapitel der „Genossin mit dem töd­lichen Biss“ (Bild-Zeitung, wer sonst?): Als Juso-­Chefin putschte Andrea Nah­les Parteichef Rudolf Scharping weg. Gegen Kanzler Gerhard Schröder führ­te sie den Agenda 2010­-Protest. Und als SPD­-Chef Franz Müntefering 2005 jemanden aus seiner Entourage als Generalsekretär installieren wollte, startete sie die Gegenoffensive – mit Erfolg. Nahles hätte nun eines der wichtigsten Parteiämter besetzen kön­nen. Sie lehnte aber ab, auch weil sie in den eigenen Reihen als „Königs­mörderin“ galt. Kommt Zeit, kommt Macht. Andrea Nahles bewies Geduld, und das war klug. Ihr Part sollte noch kommen. Bätschi!

Von Männern lernen

Auch wenn Jack Ma, Chef des chine­sischen Amazon-Pendants Alibaba, das Jahrhundert der Frauen ausgerufen haben soll: Im Politbetrieb wird immer noch sehr viel mehr Testosteron als Östrogen versprüht. Was nicht heißt, dass man sich von Männern nicht in­spirieren lässt. Von Oskar Lafontaine schaute sich Andrea Nahles ab, was man für den Aufstieg braucht: Ehr­geiz, Chuzpe, Kantigkeit. Bei Peter Struck, dem späteren Verteidigungs­minister, wie man sich mit Disziplin und Pragmatismus oben hält. Und wenn Andrea Nahles vermeintlich im Plauderton fallen lässt, sie rase mit dem Lamborghini gern über den Nürburgring: männliche Rhetorik. Oder wenn sie kritisiert, man habe es verpasst, das S zu polieren, „den Mercedesstern der SPD“, und sich stattdessen lieber um Wirtschaft und Finanzen gekümmert. Angekommen, meine Herrn? Gut. Weiter geht’s.

Privat ist privat

Was kaum jemand weiß: Andrea Nahles ist nach mehreren Hüft­-OPs zu 50 Prozent schwerbehindert. Ursache sind eine Weitsprung­-Verlet­zung mit 16 und ein Autounfall mit 18. Behandelt sie ebenso diskret wie das Scheitern ihrer Ehe 2016, nach fünf Jahren. Politiker führen per se ein öffentliches Leben. Die Privat­sphäre zu schützen und nicht in Homestorys auszubreiten ist: klug. Ein paar Dinge weiß man trotzdem. Zum Beispiel, dass sie in der Abi­zeitung auf die Frage, was sie einmal werden wolle, „Hausfrau oder Bun­deskanzlerin“ antwortete. Dass sie Letzterem heute so nah ist, liegt auch an ihrer Zielstrebigkeit.

Prioritäten setzen, das bedeutet manchmal aber auch, auf andere Projekte zu ver­zichten: So schränkte die einstige Messdienerin erst ihre regelmäßigen Klosterbesuche ein, gab dann ihre Doktorarbeit auf, und ja, sie steckt auch als Mutter zurück: Ihre sieben­jährige Tochter lebt auf dem Bauern­hof der Urgroßeltern in Weiler. Nahles kommt nur am Wochenende, unter der Woche kümmert sich ihre Mutter um Ella Maria. Manchmal erfordern berufliche Erfolge private Opfer – ob sie es wert sind, muss jede am Ende mit sich selbst verhandeln.