Teamwork in Führungspositionen

Dreier? Spitze!

Jeder hat andere Stärken - auch Chefs. Wer den Chefsessel also teilt, kann profitieren. Diese Dreiergespanne zeigen, wie Teamwork an der Spitze großer Unternehmen funktioniert.

Veröffentlicht am 19.12.2017
Das Dreiergespann von Lotto24.

Drei Richtige: Petra von Strombeck, Kai Hannemann (l.) und Magnus von Zitzewitz von Lotto24. 


Beim Lotto-Unternehmen

Petra von Strombeck ist seit dem Start 2012 Vorstandsvorsitzende der Lotto24 AG, die via Website und App staatliche Lotto-Lose verkauft. Die 48-Jährige ist eine der wenigen Frauen in Deutschland an der Spitze eines börsennotierten Unternehmens. Mit im Vorstand: Magnus von Zitzewitz, 49, verantwortlich für Recht, Regulation und Finanzen. Und seit gut einem Jahr: IT-Stratege Kai Hannemann, 52. 

Wie sich die drei abstimmen 
Kai Hannemann: Wir teilen uns ein Büro, das war unser ausdrücklicher Wunsch. In unserer schnelllebigen Branche reicht es nicht, mit einer Entscheidung bis zu einem wöchentlichen Meeting zu warten. 

Petra von Strombeck: Außerdem bekommt so jeder von uns mit, welche Fragen und Anliegen die Mitarbeiter haben. Wer Ruhe bei einer Aufgabe oder einem Telefonat braucht, zieht sich in einen Extra-Raum zurück.

Wer welche Rolle hat 
Petra von Strombeck: Als Chefin bin ich sicher nicht unanstrengend. Ich entscheide auch gern, und zwar schnell. Kai ist ähnlich. Und manchmal preschen wir beide mit einer Idee vor, die uns begeistert. 

Magnus von Zitzewitz: Ich bin dann oft der Spielverderber, der die beiden am Rockzipfel festhält, bevor sie mit einer Entscheidung aus der Tür raus sind.

Kai Hannemann: Mich begeistert Petras Schnelligkeit, ihre Auffassungsgabe und die Lust, Dinge voranzubringen. Magnus bewahrt uns vor dem Risiko, unüberlegt zu handeln. Er ist derjenige, der immer wieder hinterfragt: Haben wir wirklich an alles gedacht?

Wie sie Konfliktpotenzial entschärfen 
Magnus von Zitzewitz: Wir haben alle einen starken Gestaltungswillen, und wir kämpfen oft leidenschaftlich für unsere Meinung. Was uns in solchen Diskus­sionen hilft, ist der Respekt vor der Kompetenz des anderen und das gegenseitige Vertrauen. 

Kai Hannemann: Wir feuern keine Spitzen ab, wir intrigieren nicht, es geht immer um die Sache. Damit das so bleibt, absolvieren wir auch als Vorstandsteam regelmäßig Coachings zum Kommunikationsverhalten. 

Warum ihnen Lotto Spaß macht 
Petra von Strombeck: Wir sind von Beruf Glücksbringer, Lotto-Gewinner rufe ich persönlich an. Die höchste Summe, die ich bislang verkünden konnte, belief sich auf knapp zehn Millionen Euro. 

Magnus von Zitzewitz: Außerdem ist Lotto ein nahezu ideales Online-Geschäftsmodell: etwas, das die Menschen zum Träumen bringt. Ohne Warenversand und Retoure.

Wer letztendlich das Sagen hat
Magnus von Zitzewitz: Eine 2:1-Entscheidung gibt es bei uns nicht. Wir entscheiden gemeinsam. Auch wenn es womöglich falsch war, gibt es danach keine Vorhaltungen. 

Kai Hannemann: Ich wurde ein Mal überstimmt. Petra und Magnus halten bei der Weihnachtsfeier traditionell keine Rede – sondern treten auf der Bühne mit einem Song auf. Ich hasse es zu singen und kann es auch nicht. Aber ich mache trotzdem mit, der Unterhaltungswert ist einfach unschlagbar.

In einer Digital-Agentur 

Das Team der Berliner Digital-Agentur TLGG.

Mann, Mann, Frau: Fränzi Kühne, Boontham Temaismithi (l.) und Christoph Bornschein leiten die Digital-Agentur TLGG in Berlin.


Ihr Name ist skurril: TLGG bedeutet „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“. 2008 gründete Fränzi Kühne, 34, mit Christoph Bornschein, 34, und Boontham Temaismithi, 46, die Berliner Digital-Agentur. Inzwischen haben sie über 170 Mitarbeiter, mehrere Preise gewonnen und Kunden wie die Telekom. Bereits vor vier Jahren haben sie die Zehn-Millionen-Marke beim Umsatz geknackt. 

Wie ihre Agentur entstanden ist 
Christoph Bornschein: Vor zehn Jahren haben wir in einem Gaming-Unternehmen super zusammengearbeitet, aber wir passten nicht in die Firma. Wir fragten uns: Warum gründen wir nicht ein eigenes Business?

Fränzi Kühne: Der Name zeigt schon, wie wir an die Sache herangegangen sind. „Torben“ und „Lucie“ stand auf Eierbechern in meiner WG-Küche. 

Boontham Temaismithi: Das Risiko war überschaubar, wir brauchten ja nur unsere Computer. Natürlich nehmen wir unseren Job sehr ernst, aber die Leichtigkeit und die Dynamik der Anfangszeit sind noch da.

Wer welchen Part übernimmt 
Boontham Temaismithi: Uns ist klar, wer welche Schwächen und Stärken hat – um dieses Wissen herum haben wir die Agentur auch aufgebaut.

Fränzi Kühne: Christoph ist das Gesicht von TLGG. Er jettet durch die Welt, geht zu Konferenzen, hält Vorträge, entwickelt Ideen, gewinnt neue Kunden. Ich bin froh, dass er das macht, ich steh überhaupt nicht gern im Mittelpunkt. 

Christoph Bornschein: Ich bin ungeduldig, auch beim Führen, und nicht so gut organisiert wie die anderen beiden. Sie managen den Agentur-Alltag, Fränzi ist unter anderem für die Finanzen verantwortlich, Boontham kümmert sich um die Kunden. 

Wie sie arbeiten 
Christoph Bornschein: Ich komme auf 280 Flüge im Jahr, bin oft in unserem New Yorker Büro. Wir kommunizieren meist über digitale Kanäle, müssen aber auch nicht alles absprechen, jeder entscheidet in seinem Bereich. 

Boontham Temaismithi: Einmal im Quartal setzen wir uns acht Stunden lang zusammen und diskutieren Themen und Veränderungen. Dabei moderiert ein Coach. Das hilft, damit wir fokussiert und sachlich bleiben.

Mit welchen Klischees sie zu tun haben 
Fränzi Kühne: Bei der Freenet AG wurde ich die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands, man fragt mich oft, ob mir die Frauenquote geholfen hat. Ich bin für diese Quote, auch im mittleren Management. In der Agentur galt ich eher als Hardlinerin, mit der man lieber keine Gehaltsverhandlungen haben wollte.

Christoph Bornschein: Fränzi ist nicht da, wo sie ist, weil sich eine Frau da gut macht. Wir ticken einfach unterschiedlich, und das ist gut. 

Boontham Temaismithi: Wir haben nie strategisch geguckt, wie viele Männer und Frauen in der Agentur sind. Diversität ist wichtig, aber die Balance hat sich ergeben.

Wann Job und privat getrennt werden
Christoph Bornschein: Fränzi und ich haben neun Jahre in einer WG gewohnt. Das änderte sich erst, als sie eine Familie gegründet hat. Ihre Tochter ist sozusagen eingezogen, ich bin ausgezogen. 

Fränzi Kühne: Wir sind noch immer befreundet, aber prinzipiell reden wir privat nie übers Unternehmen.

Beim Online-Shop

Das Team von Flaconi.

Ein Unternehmen, drei Chefs: ­Kathrin Nusser, Thomas Faschian (l.) und Steffen Christ von Flaconi.


Kathrin Nusser, 36, gehört seit April zur Geschäftsführung von Flaconi, einem Online-Shop für Düfte und Kosmetik. Zuvor haben ihre Kollegen Thomas Faschian, 46, und Steffen Christ, 39, das Unter­nehmen zu zweit geleitet. Flaconi wurde 2010 in Berlin gegründet und gehört heute zum Konzern ProSieben­Sat. 1.

Warum das Team eine Frau brauchte 
Kathrin Nusser: Ich bin wohl diejenige, die privat am meisten Beautyprodukte besitzt, bringe also die user experience mit. Thomas ist seit 20 Jahren im Kosmetikbusiness tätig und unser Branchen-Experte. 

Thomas Faschian: Ich habe immer mit Frauen gearbeitet. Diversität ist ein Muss, man braucht eine Mischung aus Männern und Frauen, alt und jung. 

Wie die Bereiche abgesteckt sind
Steffen Christ: Kathrin verantwortet die Finanzen. Thomas ist der Industrie-Kenner, der das traditionelle Geschäft mit dem E-Commerce verbinden kann. Ich bin für die technische Entwicklung und die Logistik zuständig. 

Thomas Faschian: Viele Themen greifen ineinander über, deshalb teilen wir uns auch ein Büro. Bei meinen vorherigen Stationen hatte ich immer ein Einzel­büro, das ist natürlich ruhiger. 

Was gute Kommunikation ausmacht
Steffen Christ: lch kommuniziere sehr sachlich, aber mit Vernunft kann man nicht jeden überzeugen. Eine gute Führungsmannschaft braucht verschiedene Kommunikationsstile. Kathrin hört andere Zwischentöne als wir Männer.

Kathrin Nusser: Um den Austausch untereinander noch zu verbessern, geben wir uns regelmäßig und offensiv Feedback, etwa zum Umgangston in einem Meeting. Wir sagen: „Da warst du sehr klar“, oder: „Da hättest du ruhig noch mehr führen können.“ 

Wer am Ende bestimmt
Steffen Christ: Es gibt keinen Chef bei uns, keiner entscheidet final, und keiner wird überstimmt. Die letzte Unstimmigkeit gab es, als Kathrin und ich für das Eingehen einer bestimmten Kooperation waren, Thomas war dagegen.

Kathrin Nusser: Thomas hat dazu die größte Expertise, also haben wir auf ihn gehört.

Wie man sich behauptet 
Thomas Faschian: Kathrin könnte sich überall behaupten, sie hat viel Energie und argumentiert gut. 

Kathrin Nusser: Ich habe nicht das Gefühl, mich hier behaupten zu müssen. Bei Fragen wie Frauenförderung und Elternzeit sind mir meine Kollegen sogar etwas voraus: Sie sind beide Väter und mit starken Frauen verheiratet. Ich bin single. 

Steffen Christ: In Meetings beißen sich Männer gern an denselben Sachen fest, Kathrin bringt noch mal andere Argumente. Das macht uns als Team stärker.

Wie viel Privates guttut 
Thomas Faschian: Durch das gemeinsame Büro kennen wir uns ganz gut, gehen mittags und abends regelmäßig zusammen essen. 

Kathrin Nusser: Nur bei der morgendlichen Herrenrunde bin ich raus. Aber bloß, weil ich keinen Kaffee mag.