Torschlusspanik

Was, wenn keiner mehr kommt?

Sologamie heißt der Trend, bei dem immer mehr Frauen sich selbst heiraten. Ob man damit die Angst, allein zu bleiben, besiegt? Über Torschlusspanik – und wie man ihr trotzt.

Veröffentlicht am 17.01.2018
Singlefrau.

Für Frauen gibt es nur einen richtigen Weg: vorwärts. Zur Not auch allein.


Neulich hatte ich eine üble Torschlusspanikattacke. Meine Kehle schnürte sich zu, und ich sah mich in ferner Zukunft alt, allein und verlassen auf dem Sterbebett. Keine Lebensliebe, kein Kind weinte um mich. Und das alles nur, weil mich ein Mann geghostet hatte. Nach etwas Geplänkel war er einfach abgetaucht – und mit ihm mein Selbstbewusstsein. Dabei war ich bis zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, gegen kleinbürgerliche Gefühle immun zu sein. Denn ich hatte ja nie versucht, Männer in einen Paddock zu treiben und dann schnell das Gatter zuzuwerfen. Ich hatte nie ein Tor!

Meine Langzeitbeziehungen, Affären und amours fous sind mir in meinem ­Leben immer einfach zugelaufen – und irgendwann wieder entlaufen. Für alles andere hatte ich gar keine Zeit. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, an meinem Selbstbild der erfolgreichen, unabhängigen Frau zu feilen und dafür jede Menge Rüstzeug anzuhäufen: tolle Jobs, inte­ressante Freunde, schöne Reisen.

Für mich galt: Männer sind toll, aber, um es mal im Autoausstattungsjargon zu sagen: optional. Wir Singlefrauen von heute sind ja keine grauen Mäuse mehr, die nachts ins Kissen weinen und sich ihrer Einsamkeit schämen, im Gegenteil. Wir amüsieren uns und machen gut gelaunt, was wir wollen, weil wir es können: fahren alleine nach Indien, geben zu viel Geld für viel zu teure Schuhe aus, stürzen mit unseren besten Freundinnen ab, kommen erst im Morgengrauen nach Hause und fallen dann zufrieden in unser stets duftendes Bett.

Und da können wir auch gleich einschlafen, weil keiner schnarcht! Wir können sogar mit Joint und Erdnussflips in der Wanne liegen und müssen keine strafenden Blicke fürchten. Wir können essen, schauen, machen, was wir wollen, wann wir wollen. Und das Beste: Wir verfügen so über ausreichende Kapazitäten, um unsere eigenen Ideen zu verfolgen. Wir müssen uns während irgendwelcher Grippewellen nicht um sterbende Männer kümmern. Bei alldem schauen uns verheiratete Freundinnen mit den schreienden Kindern wohlwollend neidisch zu, wenn der Duft unserer Freiheit an ihnen vo­rüberzieht.

Die Liste der Vorteile des modernen Singledaseins ist lang. Warum also überkam mich trotzdem das Gefühl, alles, wirklich alles falsch gemacht zu haben? Gut, ich war vorher noch nie 38, was ja ziemlich nah an der 40 ist. Die Querfalten meines skeptischen Blicks bleiben auf meiner Stirn auf einmal stehen. Ich gebe zu: Ich denke über Botox nach. Plötzlich sagt niemand mehr zum Thema Mann und Kinder: „Du hast ja noch Zeit.“

Da ist dann eher so eine konsternierte Stille. Stattdessen redet meine Gynäkologin auf mich ein, ich solle doch endlich meine Eier einfrieren lassen, weil jetzt wirklich allerletzte Rille sei. Die Sache mit dem Kinderwunsch lässt sich nicht wegreden. Ich glaube nicht, dass der Wunsch nach Fortpflanzung genetisch verankert ist. Aber die Erwartung, diesen Wunsch haben zu müssen, ist in der Gesellschaft verankert.

Der englische Begriff für Torschlusspanik ist übrigens fear of being left on the shelf, die Angst also, im Regal stehen zu bleiben. Als ob eine moderne Frau ihr ganzes Leben damit zubringen würde, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, um potenzielle Interessenten anzulocken. Ich glaube, behaupten zu können, mich nie als gefälliges Produkt auf dem Heiratsmarkt angeboten zu haben. In meinen Zwanzigern durchlebte ich eine lus­tige Punkrock-Phase, lebte in fremden Städten, von Paris bis Florenz, mit jeder Menge schräger Affären, Partys und der Gewissheit, dass das Leben ein Meer der unendlichen Möglichkeiten ist.

Meine einzig wichtige Beziehung hatte ich mit Anfang 30. Sie dauerte fünf Jahre, und je weiter sie fortschritt, desto unmöglicher erschien mir das perfect picture von Heirat und Familiengründung, auch wegen der Realität und des zermürbenden Alltags, mit dem man in einer langen Partnerschaft zwangsläufig konfrontiert wird. Der Moment, in dem ich ging, ist bei vielen anderen Frauen häufig der, in dem sie sagen: Augen zu und durch, was Besseres kommt nicht. Das sind professionelle Torschließerinnen. Ich bin aber Amateurin. Denn ich dachte bisher immer, dass es besser werden kann, wenn ich unglücklich war. Oder auch nur gelangweilt.

Zurzeit gibt es einen neuen Trend: sich selbst heiraten. Frauen schwören sich im weißen Kleid ewige Treue. Das ist natürlich prinzipiell richtig: Glücklich wird man nur mit sich. Andererseits hieße das im Umkehrschluss, dass man das Tor zumacht und dann für immer Ruhe im Karton ist. Aber ist die persönliche Lebenssituation nicht eigentlich: nie fertig? Ständig in Bewegung, ein Wirrwarr an Kreuzungen und Abzweigungen, nicht einfach nur eine lineare Chronik von abzuhakenden Ereignissen bis zum Tod? Wo bitte steht denn geschrieben, dass ein Mann nicht wieder übers Gatter springt? Oder dass man es öffnet, um ihn selbst hinauszutreiben? Das muss man sich sagen, wenn die Panik kommt. 

Gerade habe ich eine Freundin in Griechenland besucht, die einen tollen Mann und tolle Kinder hat. Und innerhalb von zwei Minuten befreite sie mich vom Ticken meiner biologischen Uhr, indem sie auf ihre nölende Tochter schaute und sagte: „Überleg es dir gut, Julia. Dein Leben wird nicht mehr das Gleiche sein.“

In diesem Moment liebte ich mein Leben, wie es ist. Was nicht heißt, dass es so bleiben muss. Ich lernte auf der Insel übrigens auch einen Mann kennen. Ich habe nicht die Absicht, ein Tor zu schließen. Er ist nichts weiter als ein Connaisseur, der ein Nischenprodukt zu schätzen weiß. Und wenn er will, kann er erst mal bleiben.