Trennung

Zum Glück getrennt

20 Jahre lang waren sie ein schönes Paar – bis der Alltag kam und die Ungerechtigkeiten. Autorin Karina Lübke über das Ende ihrer Ehe. Folge 1.

Veröffentlicht am 02.03.2018
Verwelkende Rose


"Hey! Du siehst toll aus!" "Danke." "Irgendwie … anders. So strahlend! Hast du was machen lassen?" So begann eine Zeit lang ein typisches Gespräch, wenn ich zufällig gute Bekannte auf der Straße traf. Weibliche Bekannte, natürlich. "Ja, meinen Anwalt!", gab ich ab der dritten Begegnung dieser Art zur Antwort. "Ich habe mich von meinem Mann getrennt."

Für fast alle kam diese Nachricht völlig überraschend. Nach außen waren wir 20 Jahre lang ein schönes Paar, eine Bilderbuchfamilie, und lange Zeit haben wir uns auch so gefühlt. Dann kamen der Alltag, die Ungerechtigkeiten, die Abhängigkeiten, der Zorn, die unerwartet unerträglichen Charakterzüge, die Schuldzuweisungen. Komischerweise war eine Sache besonders destruktiv: dass wir nicht den gleichen Humor hatten, um zusammen darüber zu lachen.

In den letzten Jahren war es für mich normal geworden, morgens beim Aufwachen diese Müdigkeit zu fühlen, egal, wie lange ich geschlafen hatte. Mein erster Gedanke war: Wie lange muss ich denn noch? Irgendwann wurde daraus: Wie lange will ich das noch? All diese psychosomatischen Herzbeschwerden, die Migräne, die Lustlosigkeit. Nachts gegen drei Uhr kuschelten sich Fragen dazu wie: Wer bin ich geworden, was macht Leben für mich aus? Wie lange bleibt mir dafür noch? Wer über 40 ist, ist alt genug, um nicht nur zu ahnen, sondern mitzuerleben, dass es trotz Statistik kein Geburtsrecht auf 80 Jahre Glück und Gesundheit gibt. Freunde sterben, die jünger sind als man selbst und die nie geraucht haben. Es gibt Krankheiten, Unfälle und jede Menge himmelschreiender Ungerechtigkeiten. Man spürt, wie die Zeit immer schneller vergeht, Träume und Chancen mit sich reißt, Funken löscht, Sex neutralisiert, Persönlichkeiten abschleift und erodiert, während das ewige Mädchen in uns brav auf Anerkennung ihrer Höchstleistung für andere wartet, auf eine karmische Belohnung – oder einfach nur darauf, dass der Mann einmal das dreckige Geschirr abwäscht, statt es zu stapeln. "Habt ihr denn eine Paartherapie versucht?!"

"Ich habe nebenbei acht Kilo verloren"

Natürlich hatten wir verantwortungsbewusst eine Paartherapie gemacht, ironischerweise bei einer lebensklugen hauptberuflichen Sterbebegleiterin. Das brachte mir die letzte Klarheit, dass diese Verbindung tot und Einsamkeit unsere letzte Gemeinsamkeit war. Dass wir uns auseinandergesprengt hatten und ein ganz neues Miteinander bräuchten, um als Paar zu überleben. Und dass man bei meinem Mann dieses Programm genauso wenig würde installieren können wie auf dem ersten Apple Macintosh die neueste "Mountain Lion"-Software. Ich wollte nicht, dass wir eins dieser alten, verbitterten Ehepaare werden, die den ganzen Tag aufeinander herumhacken, um überhaupt noch was zu fühlen; die sich vorwerfen, was und wen sie füreinander alles aufgegeben, nicht gelebt, nicht geliebt haben. Ich möchte dankbar bleiben für die guten Zeiten und Dinge, die wir erschaffen und geteilt haben. "Aber der Blues, der kommt ganz bestimmt noch!" Viele sagen das wie eine Beschwörung. "Irgendwann wirst du es bereuen und denken, dass du so einen nie wieder findest!" "Na, das will ich doch auch hoffen, sonst wäre ja alles umsonst gewesen", antworte ich dann. Sie hassen mich. Sie beneiden mich. Sie fürchten, ich könnte es auf ihre Männer abgesehen haben. Sind die verrückt?

Ich habe das Gefühl, die letzten Jahre auf Stand-by verdämmert zu haben, begraben unter Tonnen schlechter Gefühle. Nun ist eine unglaubliche Energie frei geworden, die mich dazu bringt, vor lauter Lebensfreude um die Alster zu joggen, zu tanzen, Yoga zu machen und meinen Körper mit all seiner Kraft und Schönheit zu spüren. Aus "Es ist kompliziert" wurde wieder eine Liebesbeziehung zwischen uns. Ich habe nebenbei acht Kilo verloren, weil ich keinen Bedarf mehr nach Kompensation diffuser Traurigkeit durch zwei Gläser Rotwein habe oder nach einem Serotonin-Quickie durch Süßigkeiten. Es ist, als ob ein Staudamm gesprengt worden sei, hohe Mauern aus meterdickem Stahlbeton, und die wilde Lebensenergie dahinter mich flutet und mitreißt.

Es kommen plötzlich jede Menge Aufträge, neue Berufschancen und, ja, auch Männer auf mich zu. Erstaunlicherweise ist es für viele ein Pluspunkt, dass ich zwar noch jung genug bin, um Kinder kriegen zu können, aber alt genug, um außer meinen Teenagern keine mehr zu wollen. Im Gegensatz zu ihren Affären mit Mittdreißigerinnen hören sie bei mir keine biologische Uhr ticken. "Hast du überhaupt keine Angst?" "Äh nein, wovor?" "Vor dem Alleinsein?" Das verblüffte mich. Nein, habe ich nicht. Zusammen einsam, das ist das Schlimmste. Ich bin gern allein mit meinen Gedanken und kenne genug Menschen, die ich treffen kann. Mir ist auch klar, dass meine beiden Kinder in ein paar Jahren aus dem Haus gehen werden. Aber habe ich Angst, dann allein zu sein? Momentan nicht. "Notfalls kaufe ich mir einen Hund!", antworte ich fröhlich. Ich habe sowieso kaum noch Ängste, obwohl ich immer einen unglücklichen Hang zu Phobien hatte. Flugangst? Keine Zeit mehr. Zukunftsangst? Habe ich oft gehabt, denn wer klug und politisch informiert ist, schlimmstenfalls auch noch Fantasie hat, bleibt davon nicht verschont. Aber Sicherheit ist relativ. Man kann nicht alles kontrollieren; eigentlich nur sehr wenig – in Relation zu der gewaltigen Anstrengung, sein Schicksal in Schach zu halten. Es wird schon gehen, gut gehen, besser gehen, weitergehen. Ich habe meinen Beruf, großartige Freunde, habe diese Kinder, die ich mehr liebe als alles. Ich habe so viele Fähigkeiten und Talente und Ideen und Interessen. Ich lebe in einer meiner Lieblingsstädte. Ich bin gesund. Es wird schon.

Verwelkte Rosen


Die von mir verehrte und letztes Jahr gestorbene Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Ephron ("Harry und Sally") schrieb mal: "Sei die Heldin in deinem Lebensfilm, nicht das Opfer!" Und genau das habe ich jetzt vor. Mit meinem untypischen Optimismus bin ich momentan schwer zu ertragen: "Du strahlst wie ein Atomkraftwerk! Das macht mir echt schlechte Laune." Und in den Augen meiner Freundinnen sieht man die Sehnsucht nach dem wilden Mädchen, das sie mal waren, nach Freiheit. Die Frauen unserer Generation, Mitte bis Ende der 60er geboren, wuchsen auf als emanzipierte Hedonistinnen, Punkerinnen, Karrieremacherinnen, Traumfängerinnen, Glückssucherinnen. Ich bin die Frau, die ihnen vorführt, wie es aussehen könnte, wenn sie sich wieder trauen würden. Wie Ratten, die erst mal eine einzelne zum Fressen vorschicken und schauen, ob diese das überlebt.

"Tauge ich als Vorbild oder als Warnung?"

Tauge ich als Vorbild oder als Warnung? Ich stehe unter strenger Beobachtung. Und das zeigt mir, wie viele hier so leben wie ich zuvor – alternde Komfortzonenkinder, äußerlich in Bestform, latent unglücklich, aber sich das als gesellschaftlichen Normalfall schönredend, sich selber damit sedierend, dass es schließlich allen so geht. Dass man keinen Sex mehr mit dem Gatten will, obwohl der im Laufe der Jahre technisch perfektioniert wurde. Lustlosigkeit als kleinster gemeinsamer Nenner, kompensiert durch schöne Wochenendhäuser, Hotels, Reisen, Kleidung und die Erfolge der Kinder. All diese Fragen nach Sinn und Erfüllung und echtem Austausch, all die Sehnsüchte nach Gefühlen und Erlebnissen, die man mit Cashmere und Galgenhumor bemäntelt; der innere Aufruhr, den man äußerlich mit Botox glättet. Einige haben mich schon nach der Telefonnummer meines Anwalts gefragt.

Als ich meinen Kindern gesagt hatte, dass ihr Vater und ich uns trennen würden, waren sie nicht glücklich, aber auch nicht allzu unglücklich oder überrascht. Natürlich hatten sie die Streitereien mitbekommen, natürlich waren sie erleichtert, dass ihre Mutter nicht mehr im Schlafzimmer heulte. Ihr Vater war ihr ganzes Leben immer sehr viel beruflich unterwegs gewesen, auf Reisen, auf Veranstaltungen. "Leute", hatte ich zu ihnen gesagt, "falls ihr Sorgen oder Fragen habt – fragt mich einfach immer. Ich weiß nicht, ob ich auf alles eine Antwort habe, aber ich werde es versuchen!" Sie nickten. "Dürfen wir es unseren Freunden sagen?" "Wenn ihr wollt, klar." Dann, als ich mit meinem Sohn mal allein im Auto fuhr, sagte er plötzlich: "Wirst du noch mal einen neuen Freund haben, irgendwann?" Ich antwortete: "Schatz, der einzige Kerl in meinem Leben bist momentan du und das reicht mir völlig – aber für die weitere Zukunft würde ich es zumindest nicht ausschließen. Wieso? Wäre das für dich ein Problem?" Und er antwortete völlig ernsthaft: "Nein. Ich will doch nur, dass du glücklich bist!" Ich brach in Tränen aus. Ja, das wollte ich auch: glücklich sein und die glücklich machen, die ich liebe. Love, life, to be continued.

Lesen Sie hier die Fortsetzung: "Zum Glück getrennt" Teil 2 

Lesen Sie hier den dritten und letzten Teil von "Zum Glück getrennt" Teil 3