UN-Botschafterin Nadia Murad

Nadia gegen den IS

Nadia Murad wurde als Jesidin vom IS verschleppt und als Sex-Sklavin ­gehalten. Inzwischen reist sie als UN-Botschafterin durch die Welt. Woher nimmt sie die Kraft?

Veröffentlicht am 19.01.2018
Nadia Murad.

Nadia Murad war drei Monate lang in der Gewalt des IS. Die 24-Jährige gab nicht klein bei – sondern wuchs über sich hinaus. 


Manchmal ist Nadia Murad so wütend, dass ihr alles egal ist – sogar das eigene Leben. Als der Islamische Staat ihr Dorf Kocho im Nordirak überfällt, ist so ein Moment. Nach wochenlanger Belagerung werden die Dorfbewohner aus ihren Häusern gejagt, ein alter Mann bricht am Straßenrand zusammen. Seine Frau fleht ihn an weiterzugehen. Da sieht Nadia rot, rennt zu einem der vermummten Terroristen und spuckt ihn an. Er brüllt los. Nadias Bruder reißt sie im letzten Moment zurück: „Was machst du da? Die bringen uns um!“

Das Mädchen, das überlebte 

Schon als Kind spürte Nadia diese impulsive Wut angesichts von Ungerechtigkeiten, heute scheint sie eine Quelle der ungeheuren Kraft zu sein, die diese 24-Jährige antreibt. Wenn Nadia Murad ihre Geschichte erzählt, sitzt sie kerzengerade. Sie spricht ruhig und gerät nie ins Stocken. Ihre dunklen Augen scannen nach jedem Satz den Zuhörer. Von diesem Überfall auf ihr Dorf hat sie schon oft erzählt. Das ist ihre Lebensaufgabe geworden, seit sie am 15.  August 2014 trotz ihres riskanten Wutausbruchs überlebt hat. Sechs ihrer acht Brüder, ihre Mutter und die meisten anderen Dorfbewohner werden ermordet, Nadia muss mit ihren Schwestern, Cousinen und Freundinnen in einen abgedunkelten alten Reisebus nach Mossul steigen. Sie wird eine Sex-Sklavin des IS. In dem jesidischen Dorf Kocho bleibt kein Mensch lebend zurück. 

Zwei Jahre später wird Nadia Murad die erste UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. Neben ihr sitzt Amal Clooney. Die gebürtige Libanesin gehört zu den bekanntesten Menschenrechtsanwälten der Welt. Nicht nur weil sie die Frau von George Clooney ist. Sondern vor allem weil sie wie Nadia keine Angst hat, sich mit den Mächtigen anzulegen. Zusammen wollen die beiden Frauen den IS für den Völkermord an den Jesiden zur Verantwortung ziehen. Amal Clooney, die glamouröse und weltgewandte Juristin, und Nadia Murad, die unscheinbar, fast scheu wie ein junges Mädchen wirkt.

Doch Nadias Erlebnisse verleihen ihr eine ungeheure Präsenz. Sie hat den Weg vom entlegenen irakischen Dorf auf die große Bühne der Weltpolitik geschafft. Hinter ihrer zurückhaltenden Art verbergen sich ein enormes Selbstbewusstsein und eine beeindruckende Disziplin. Ihre Reden hält sie auf Kurdisch, obwohl ihr Englisch täglich besser wird. Sie wisse, sagt sie, dass sie die einzige Hoffnung der versklavten Frauen im Irak sei. Sie will, dass ihre Botschaft um die Welt geht. Gerade ist ihre Autobiografie erschienen mit dem Titel: „Ich bin eure Stimme“ (Knaur). 

Wenn aus Angst Gefühllosigkeit wird 

Drei Minuten gibt ihr die UN am 16. September 2016 für ihre Geschichte. Nicht genug Zeit, um zu berichten, was ihr widerfahren ist. Wie sie schon im Bus gefoltert wird. Wie sie auf dem Sklavenmarkt von Mossul an IS-Kämpfer verschachert wird. Für ihren ersten Besitzer muss sie sich schminken und ein kurzes Partykleid anziehen – in einem Bad voller Blutspritzer von anderen Mädchen vor ihr, die sich die Pulsadern aufgeschnitten haben, um dem Schicksal als Sklavin zu entgehen.

Nadias erster Fluchtversuch scheitert. Zur Strafe wird sie von fünf Männern missbraucht, bis sie bewusstlos wird. In den Wochen danach wird sie von einem Terroristen zum nächsten weitergereicht. Ihre Angst weicht Gefühl­losigkeit. Oft ist sie völlig entmutigt, wünscht sich den Tod. Und doch ist sie so stark und zäh, dass sie im entscheidenden Moment reagiert. Nach drei Monaten hält man sie für endgültig gebrochen, aber ihr gelingt die Flucht. Sie erreicht ein kurdisches Flüchtlingslager, trifft dort andere Überlebende ihrer Familie. Hier hört sie von einem Sonderprogramm des Landes Baden-Württemberg für traumatisierte Frauen. Im März 2015 reist sie nach Deutschland aus.

Für Nadia Murad könnte ein neues Leben beginnen. Doch eine Traumatherapie hinter verschlossener Tür lehnt sie ab. Der Welt die Geschichte ihres Volkes zu erzählen, das sei ihre Therapie und ihr Verarbeiten, sagt sie und prangert an und redet darüber, was andere Frauen in ihrer Situation nicht auszusprechen wagen. In der jesidischen Gesellschaft sind Ehrenmorde keine Seltenheit, vom Leid als Sex-Sklavin zu berichten zeugt von großer Courage. „Mich zu Offenheit durchzuringen war eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens und zugleich die wichtigste.“ 2016 wird sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Sie trifft Staatschefs, spricht vor Frauengruppen, mit Aktivisten und Journalisten, sogar in Ägypten und Kuwait.

„Ich wurde nicht geboren, um Reden zu halten.“ So beginnt sie jedes Mal. Und dann erzählt sie von ihrer Kindheit. Von dem zierlichen Mädchen, das die Feldarbeit liebt und so wütend werden kann. Die jüngste Tochter einer Mutter, die nach zehn Kindern eigentlich kein elftes will. Aber dann kommt Nadia und wird ihr Liebling. Sie träumt davon, Lehrerin zu werden und nebenbei einen Schönheitssalon zu eröffnen. Sie liebt ihr Dorf, die Felder und Schafe, die Feste und vor allem die Mutter, mit der sie bis zu deren Tod das Bett teilt. „Die glücklichsten Tage meines Lebens habe ich nicht mit Weltpolitikern verbracht“, sagt sie, „sondern auf dem Feld meiner Mutter.“

Jeden Tag schreibt Nadia Murad ihrer Schwester im irakischen Flüchtlingslager. Heimzukehren ist keine Option, sie bekommt regelmäßig Drohungen vom IS: „Wir kommen dich holen.“ Ihr eigener Neffe sagt am Telefon, er werde sie umbringen. Er wurde mit elf Jahren vom IS entführt und zum Kindersoldaten umerzogen. Woher nimmt diese Frau die Kraft weiterzumachen? Die komme von denen, die sie verloren habe, sagt sie. „Jedes Mal wenn ich meine Geschichte erzähle, habe ich das Gefühl, den Terro­risten ein Stückchen ihrer Macht zu entreißen. Wir trotzen ihnen, indem wir ihre Verbrechen nicht unbeantwortet lassen.“ 

Im Original heißt ihr Buch „The Last Girl“ – das letzte Mädchen. Weil sie das letzte Mädchen sein will, das eine Geschichte wie diese erzählen muss, hat sie den Vereinten Nationen gesagt. Nicht wütend, aber bestimmt.