Erfahrungsbericht

Kind adoptieren: Und dann kam Tom!

Wie wird man Mutter, ohne jemals schwanger gewesen zu sein? Indem man sich für ein Pflegekind entscheidet. Ein Erfahrungsbericht, wie es ist, einen 2-Jährigen zu adoptieren.

Veröffentlicht am 03.02.2018
Kleinkind kommt mit Koffer an

Adoption: Wenn das Kind nicht aus dem Bauch kommt ...


Ich bin seit 8 Jahren Mutter eines jetzt 10-jährigen Jungen. Er war nie in mei­nem Bauch, es gab keine 9 Monate Zeit zum Vorbereiten. Sondern irgendwann eines Abends beim Kochen die Frage von meinem Freund: "Wie wäre es, wenn wir diesen Jungen bei uns aufnehmen?" Diesen Jungen. Er war damals 2 Jahre alt und in einer sogenannten Bereitschafts-Pflegefamilie. Das Jugendamt war auf der Suche nach einer dauerhaften Bleibe für ihn.

Davon hatte mein Lebens­gefährte zufällig gehört. Er und ich steckten mit Anfang 30 mitten in der klassischen Paar-Debatte: Kinder – ja oder nein? Jetzt? Später? Wer wird seine Arbeitszeit reduzieren? Wie teilen wir alles auf? Das war im März 2005. Im Oktober 2005 marschierte ein kleiner blonder Junge durch unsere Wohnungstür ...

Erste Hürden überwinden

Das halbe Jahr zuvor war geprägt von nächtelangen Gesprächen. Zu zweit, mit Freundinnen, Freunden, Verwandten. Wir waren seit 10 Jahren zusammen. Wir fühlten uns bereit, ein Kind groß­zuziehen. Aber waren wir auch bereit dafür, vom Jugendamt durchleuchtet zu werden? Bereit für ein möglicherweise traumatisiertes Kind? Eine höchst­ wahrscheinlich nicht ganz einfache Her­kunftsfamilie? Die ihr Kind vielleicht zurückhaben wollte?

Unsere gesamte Beziehung wurde in­frage gestellt und wäre 2x fast zer­brochen. Während die meisten im Freun­deskreis Feuer und Flamme waren ("Wer, wenn nicht ihr!"), kam von meiner Mut­ter der Kommentar: "Glaub' nicht, dass ich die Oma spiele. Das ist ja nicht mein Fleisch und Blut."

Schlussendlich bewarben wir uns um eine Dauerpflege für den Jungen beim zuständigen Jugendamt. Wir ließen Füh­rungszeugnisse und Finanzen prüfen, unsere Wohnung checken und besuchten Seminare mit anderen Bewerbern. Nach dem "Okay" des Jugendamts begann das sogenannte Anbahnen. An einem Frei­tagnachmittag fuhren wir zu Toms Kurz­zeit-Pflegefamilie, in der er seit 9 Monaten lebte.

Das erste Zusammentreffen

Was ist das für ein Gefühl, auf einen neugierigen, fröhlichen Jungen zu treffen, der viel jünger wirkt als 2 und ein ak­tives Vokabular von vielleicht 30 Wörtern hat? Die Kinder in unserem Freundes­kreis sprachen mit 2 Jahren wie Ma­rietta Slomka. Und was für ein Gefühl, eine Familie mit 2 leiblichen Kindern kennenzulernen, die alle Tränen in den Augen hatten, weil Tom bald weg musste?

Wir haben auf dem Heimweg nicht gesprochen. Zu Hause haben wir uns angesehen und genickt. Und dann ging alles rasend schnell. Wir haben Tom noch 3x besucht und währenddessen sein Zimmer eingerichtet, mit unseren Chefs geredet und versucht, uns so gut wie möglich vorzubereiten. Er verbrachte einen Test-Tag bei uns. Und dann haben wir ihn abgeholt. Ich werde das Bild nie vergessen: Tom saß in seinem neuen Kinderstuhl, trank Apfelschorle, futterte in einem Höllen-Tempo sein Mittagessen, grinste uns an. Er hatte scheinbar keine Angst. Ich umso mehr.

Ob das Mutter-Kostüm passt?

Es ist schwer zu beschreiben, wie es ist, von jetzt auf gleich diese Verantwortung zu tragen. Nachts aufzustehen, wenn das Kind weint. Seine Windeln zu wechseln. Immer verfügbar zu sein. Die urplötzli­che Fremdbestimmung war für mich schwer zu ertragen. Während mein Freund in seiner Vater-Rolle aufging, hatte ich zu kämpfen. Morgens zog ich mir gedanklich ein Mutter-Kostüm an, abends wieder aus. Erst wenn Tom schlief, konn­te ich mich entspannen. Das ist übrigens heute noch so.

Ich weinte bittere Tränen, als wir "Papa" für eine Dienstreise zum Flughafen brachten (nach 3 Wochen hießen wir bereits "Mama" und "Papa"). Ich, allein mit dieser riesigen Verantwortung? Ich bat Freundinnen, mich zu besuchen. Erst nach 4 Monaten fühlte ich mich sicher mit meinem Kind. Noch sehr viel länger hat es gedauert, bis der Begriff "Mutter" etwas mit mir zu tun hatte. Wann bin ich eine? Welche Kriterien muss ich erfüllen, um eine zu sein? Muss ich überhaupt?

Mein Freund konnte kaum nachvollziehen, warum ich mich so schwertat. Es lief ja alles super. Nach gefühlten 3 Millionen vorgelesenen Kinderbüchern war Tom sprachlich gut aufgestellt. Er begann - trotz seiner Vor­geschichte -, sich ganz auf uns einzulas­sen. Er bekam einen Platz in einer tollen Kita. Er fand schnell Freunde, über die auch wir neue Freunde fanden. Tom hat­te, typisch für Pflegekinder, anfangs Schwierigkeiten zu unterscheiden, wo unsere kleine Familie beginnt und wo sie aufhört.

Beim Verwandtschaftstreffen, zu dem wir ihn mitnahmen, saß er auf jedem Schoß, fiel jedem um den Hals. Alle waren begeistert von dem charmanten, zutraulichen Jungen. Für Ernüchterung sorgte dann unsere Erklärung seiner Distanzlosigkeit: Ein Kind, das nicht immer genug zu essen und zu trinken gehabt hatte, muss sich mit allen Erwachsenen gut stellen, weil Erwachsene potenziell Nahrung und Schutz bereithalten. Bis zum heutigen Tag beruhigt es Tom, zu wissen, dass noch mindestens eine Portion Nudeln im Topf auf ihn wartet.

Das Leben mit Tom heute

Tom wird bald 11. Er besucht die 5. Klasse eines Gymnasi­ums. Wer es nicht weiß, würde nie vermuten, dass er nicht unser leibliches Kind ist. Darauf bin ich stolz. Warum eigentlich? Weil er nicht wie so viele Pflegekinder Schulprobleme hat? Weil ich mich unbemerkt unter die "normalen" Familien mischen kann? Oft sehne ich mich danach, wie alle anderen zu sein. Ohne Fremdbestimmung, ohne Bezahlung, mit nur einem Namen an der Tür. Ohne die vielen Fragen. Tom kann selbst entscheiden, wem er was über sich und uns erzählen will. Er kennt seine Geschichte, er trifft alle 6 Wochen seine leiblichen Eltern und ab und zu seinen großen Bruder. Er hat viele Freun­de und ist Stammspieler in einer Fuß­ballmannschaft.

Wir Tom unser Leben verändert hat

Ich habe viel gelernt in den letzten 8 Jahren. Ich habe gelernt, dass Toms leibliche Eltern keine herzlosen Monster sind, wie es in Fällen wie diesem oft heißt. Sie haben versucht, ihr Bestes zu geben, doch es hat einfach nicht gereicht. Und sie haben schlimme Fehler gemacht - wie sie heute selbst sagen. Ihr Schmerz, ihre Trauer machen mich demütig und dankbar für das, was ich als Kind erfahren durfte und heute weitergeben darf. Ich habe gelernt, dass in Jugendämtern nicht nur Schlafmützen sitzen, sondern viele engagierte, professionelle Menschen, die ihrer enormen Verantwortung bestmöglich gerecht werden wollen. Ich habe gelernt, dass ich nie die Vollblut-Mut­ter sein werde, die ich gehofft hatte, zu sein. Trotzdem kann ich mich sehr gut um mein Kind kümmern. Außerdem habe ich jede Geduld Paaren gegenüber verloren, die per Reproduktionsmedizin verzweifelt versuchen, schwanger zu wer­den. Warum muss Elternschaft die Wei­tergabe des eigenen genetischen Codes bedeuten? Die größere Sicherheit, dass "alles gut geht", halte ich für einen Trug­schluss. Keine Eltern, die ein Kind bekom­men, wissen wirklich, was sie erwartet.

Eine Entscheidung, die nie bereut wurde!

Tom bei uns aufzunehmen war die bis­her schwerste Entscheidung für mich. Und sie war goldrichtig. Sie stiftet Sinn, weil es mich glücklich macht, mein Kind glücklich zu sehen - und wir etwas dazu beigetragen haben. Sie strengt immer mal wieder tierisch an. Sie erlaubt uns, für ein Kind vieles besser zu machen. Und Türen zu öffnen, die sonst verschlossen geblieben wären. Dafür bleiben bei uns andere zu.