Ungewöhnliche Berufe

Ich hab den Job, den keiner will

Wie motiviert sich eine Frau im Call­center oder hinter der Fleischer­theke? Sie werden sich wundern...

Veröffentlicht am 11.05.2018

Fleischermeisterin

Ulrike Piwonka, 28, Berlin 

Wie es losging: Erst mal unfreiwillig. Ich wollte zur Polizei, war aber mit 1,58 Meter zu klein dafür. Meine Mutter arbeitete selbst als Fleischereifachverkäuferin und hat mir die Ausbildungsstelle bei ihrem Lehrmeister besorgt. Ich merkte: Das liegt mir. Was mich motiviert: Am Ende des Tages sehe ich, was ich alles geschafft habe. Außerdem gehe ich nie hungrig nach Hause. 

Die Leute sagen... dass das ein Knochenjob ist – und sie haben recht. Man braucht Power, die habe ich, und die geht mir auch nicht so schnell aus. Trotzdem muss man kein Bär sein. Die schwersten Probleme löse ich mit Köpfchen.

Das Beste am Job: Stammkunden, die sich freuen, wenn man sie gut berät. Und: dass ich aus einem Rohstoff ein hochwertiges Produkt herstelle, das erstklassig schmeckt. 

Problem mit Veganern? Meinen Beruf gibt es seit Jahrhunderten – er wird auch diesen Trend überdauern.

Nettes Erlebnis: Neulich erklärte ich meinen Azubis, wie man ein halbes Schwein abträgt. Die Jungs guckten fassungslos, als ich die 50 Kilo auf einer Schulter davontrug. Technik ist alles. 

Fleischermeisterin Ulrike Piwonka.


Bestatterin

Lea Gscheidel, 36, Berlin

Wie die Leute reagieren, wenn ich vom Job erzähle: Sie wechseln meistens das Thema. Als würde man schneller sterben, wenn man über den Tod spricht. Alles Aberglaube.

Wie ich dazu kam: Mein Vater ist Bestatter, und ich dachte lange, dass ich nicht reif genug für diesen Beruf sei. Meine Art zu arbeiten ist einfach eine andere, und am Ende denken die Leute: „Wenn dit Mädel dit kann, kann ick dit och.“

Was mich motiviert: Ein Mensch stirbt nur ein einziges Mal. Und ich habe die Chance, den Angehörigen zu helfen, sich zu verabschieden. Das ist was Besonderes.

Mein häufigster Satz: „Das müssen Sie nicht jetzt entscheiden.“ 

Lieber was anderes machen? Nein. Ich muss mich nicht entscheiden, ob ich Manager, Handwerker, Künstler oder Therapeut sein will. Ich bin alles auf einmal.

Bestattungsunternehmerin Lea Gscheidel.


Podologin

Janine Walz, 28, München

Warum der Job Spaß macht: Füße sind die wichtigsten Körperteile, die wir haben. Sie tragen uns durchs Leben. Und wenn das mit meiner Hilfe schmerzfrei geht, bin ich happy.

Was mich motiviert: Die Dankbarkeit meiner Patienten. Nach der Arbeit sehe ich sofort einen Effekt. Probleme zu verstehen und zu beheben fühlt sich gut an.

Typisches Vorurteil: Wenn mich jemand fragt, ob ich einen Fußfetisch habe ... Nein! Zahnärzte haben ja auch keinen Zahn­fetisch, oder?

Häufigste Frage: „Haben Sie noch einen freien Termin?“

Lustigste Anekdote: Ich bat einen Patienten, seine Füße frei zu machen. Als ich mit dem Fußbad zurückkam, saß er nur noch in Unterho­se da. So habe ich gelernt, dass der bayerische Fuß bis zum Oberschenkel geht. 

Podologin Janine Walz.


Fahrscheinprüferin 

Brigitte Schuster*, 55, München

Wie es losging: Ich arbeitete früher als Friseurin, mein Mann ist seit 30 Jahren Fahrscheinprüfer, und jeden Abend hat er mir von seinen lustigen Erlebnissen erzählt. Das hat mich neugierig gemacht. Vor acht Jahren habe ich dann die Umschulung begon­nen. Zusammen auf Kontrolle gehen wir aber nie.

Was andere von mir lernen können: Wie man brenzlige Situationen deeskaliert.

Beste Anekdote: Ein Fahrgast, der erst beim Aussteigen stempeln wollte, weil man nie wisse, ob man ankommt. Das ist wie ins Kino gehen und nur dann zu zahlen, wenn einem der Film gefällt.

Am häufigsten höre ich: „Den Fahrschein? Kann ich gerade nicht finden...“

Faire Bezahlung? Sagen wir so: Reich wird man nicht. Ich werde nach Tarif bezahlt, und das ist in Ordnung. Aber man darf nicht vergessen: Mein Job ist krisensicher.

Lieber was anderes machen? Urlaub. 

*Muss berufsbedingt anonym bleiben.

Fahrscheinprüferin Brigitte Schuster.


Callcenter-Agentin

Peggy Kosel, 31, Dresden

Was die Leute über meinen Job denken: Dass ihn jeder machen kann. Viele glauben, dass es nur um ein bisschen Telefonieren geht. Ich arbeite aber an der sogenannten Orderline fürs Teleshopping und im Kundenservice, sprich: Ich nehme Bestellungen entgegen und löse Probleme. Ich mache also in erster Linie Kunden glücklich.

Was mich motiviert: Die Wert­schätzung der Chefs. Erstaunlich, was so ein kleines „Danke“ oder „Gut gemacht“ alles bewirken kann.

Häufigster Satz: „Ich gebe Ihnen mal meine Kundennummer.“

Faire Bezahlung? Wer wünscht sich denn nicht mehr Geld? Aber ich finde es fair, dass ich zu meinem Lohn eine ganze Reihe toller Benefits obendrauf bekomme, beispielsweise ein Frühstück jeden Morgen, kostenlos.

Was mich bei Laune hält: Versprecher und Verhörer am Telefon. Ich sprach mal mit Herrn Groß und fragte nach der korrekten Schreibweise: „Groß wie groß?“ Er: „1,78 Meter.“ 

Callcenter-Agentin Peggy Kosel.