Schwanger werden

Wie weit geht man für ein Kind?

Die Möglichkeiten, zu einem Kind zu kommen, sind heute so vielfältig wie nie zuvor

Veröffentlicht am 03.02.2018
leere Schaukel auf einem Spielplatz


Der Wunsch nach einem Kind oder mehreren ist für viele Frauen - irgendwann - der stärkste Antrieb in ihrem Leben. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, sind sie bereit, bis an Grenzen zu gehen - und zuweilen darüber hinaus. Körperliche. Medizinische. Moralische. Rechtliche. Das ist die Geschichte eines Dilemmas: Wie viel Mutterliebe steckt in der Reproduktionsindustrie? Ziemlich provokante Frage. Man könnte es nüchterner angehen: Sollte man, darf man alle technisch machbaren Möglichkeiten in Anspruch nehmen, um den Wunsch nach einem Baby zu verwirklichen? Sorgt der Umstand, dass heutzutage theoretisch alles geht, vielleicht sogar dafür, dass der Druck auf die Frauen steigt und das eigene Leben als strategisches Projekt verstanden wird, in dem Scheitern keine Option mehr ist?

Das Thema birgt gesellschaftlichen Zündstoff, das war neulich nach dem "Tatort" auch bei Günther Jauch zu beobachten. An diesem Abend ging es um Social Freezing. Um die Möglichkeit von Frauen also, sich in jungen Jahren ihre eigenen Eizellen im flüssigen Stickstoffbad bei minus 196 Grad einfrieren zu lassen, um später zu einem frei gewählten Zeitpunkt Mutter werden zu können. Zugespitzt und emotionalisiert wurde diese Debatte durch Unternehmen wie Apple und Facebook, die ihren Mitarbeiterinnen die Kosten für diese Art der Familienplanung erstatten wollen. Für die Zeit-Journalistin Elisabeth Niejahr kein Problem: Damit werde von jungen Frauen nichts weiter als ihr Recht auf Selbstbestimmung in einer gesellschaftspolitischen Gemengelage in Anspruch genommen, die ihnen eben noch nicht die Möglichkeit einräume, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Der TV-Wissenschaftler Ranga Yogeshwar hielt dagegen - und Social Freezing für medizinisch fragwürdig, zudem für kommerziell gesteuert. Und moralisch auch noch ein bisschen für den Untergang des Abendlandes.

So ist es immer, wenn darüber gestritten wird, wann und auf welche Weise idealerweise Kinder auf die Welt kommen: Es wird emotional, unsachlich und sehr schnell auch undurchsichtig. Dabei ist es im Prinzip doch so einfach: Frauen haben grundsätzlich ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, ob und wann sie Mutter werden wollen. Die Frage ist: Wie weit dürfen sie, sollten sie für ihren Kinderwunsch gehen? Wo ist die Grenze? Oder: Gibt es eine solche Grenze überhaupt? Sina M. reiste zu Klinikaufenthalten nach Belgien und bis in die USA, um schwanger zu werden, nachdem ihr das in Deutschland nicht gelungen war. Sie zahlte für die künstlichen Befruchtungen rund 5.000 Euro. Nach drei Versuchen wollte sie aufgeben. "Jeder einzelne war ein Horrorszenario", sagt sie. "Die Hormonspritzen haben mich auf eine emotionale und psychische Achterbahn geschickt. Irgendwann fühlte ich mich wie ein geflickter Brutkasten, hundeelend und immer voller Angst, es könnte wieder nicht geklappt haben." Heute ist Sina M. Mutter von "zwei tollen Kindern" und froh, damals all ihre körperlichen und mentalen Krisen tapfer überwunden zu haben. Diskussionen über die ethische Dimension ihrer Entscheidung wischt sie vom Tisch: "Für mich gibt es moralisch gesehen keinen Unterschied zwischen natürlich und künstlich gezeugten Kindern." Die Schweizer Schriftstellerin Zoë Jenny sieht das ähnlich. Sie hatte sich mit 36 Jahren schon beinahe damit abgefunden, keine Kinder bekommen zu können. Doch dann suchte sie eine Fertilitätsklinik in London auf, einen Ort der allerletzten Hoffnung. Sie blieb drei Monate, auch für sie eine schreckliche Zeit: Infusionen, Tests, verzweifelte Mitpatientinnen. Aber die große Sehnsucht nach einem Baby ließ sie durchhalten, Zoë Jenny beschreibt dieses Gefühl als "aus einer existenziellen Tiefe" stammend. Ohne Kind wäre ihr das Leben sinnlos erschienen. Ihre Tochter wurde schließlich "in der Laborschale gezeugt", für die Mutter völlig okay: "Es ist absurd, Menschen zu verurteilen, die keine Kosten und Mühen scheuen, Kinder zu bekommen, auf welchem Weg auch immer. Dann müsste man auch gegen Herztransplantationen sein." Andreas Bernard, der Autor des Buches "Kindermachen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie", würde sicher niemanden verdammen. Seine nüchterne Analyse der Repro-Szene ist frei von moralischen Wertungen, nicht aber von kritischen Untertönen. Sein Verdacht: Seitdem die Reproduktionsmedizin unfruchtbaren Paaren verspricht, Nachwuchs sei fast immer und zu beinahe jedem Zeitpunkt im Leben möglich, entstehe unter den Frauen eine unerbittliche Atmosphäre der Konkurrenz und des Wettbewerbs.

"Wenn eine Frau Mitte, Ende dreißig feststellt, dass sie trotz monate- oder gar jahrelanger Versuche nicht schwanger wird, findet sie eine Reproduktionsindustrie vor, die das Versprechen der Selbstoptimierung auch auf den fortpflanzungsfähigen Körper anwendet", schreibt Bernard. Ist das so? Hat der technische Machbarkeitsjubel unserer Zeit einen so essenziellen Vorgang wie die Fortpflanzung zu einer schnöden Lifestyle-Frage verkommen lassen? Überlisten Paare die Natur, weil sie mit ihrem Baby ihre moderne Existenz komplettieren wollen? Es gibt nicht wenige, die an dieser Stelle zustimmend nicken würden. Doch wie sähe die Alternative aus für Frauen mit einem dringenden Kinderwunsch, der sich nicht auf natürlichem Weg realisieren lässt? Sich abfinden, versuchen, dieses "Gefühl aus existenzieller Tiefe" zu ignorieren, und mit einem (subjektiv als unvollendet empfundenen) Leben fortfahren, obwohl es da draußen eine Menge - wenn auch zum Teil umstrittene - Lösungen für das Problem zu geben scheint? Wer außer den betroffenen Frauen und ihren Partnern, den Spermaspendern, Leihmüttern, Pflegevätern oder Co-Parents sollte darüber richten und eine Entscheidung treffen? Wer wollte eine Frau verurteilen, die in Deutschland alle legalen Möglichkeiten ausgeschöpft hat, schwanger zu werden, und die nun ihre ganzen Hoffnungen darauf setzt, im Ausland Hilfe zu finden, auch wenn die juristisch umstritten ist? Zumal die Maßstäbe für eine vermeintlich moralisch korrekte (und juristisch reglementierte) Lebensführung ja von Land zu Land variieren: Während in Deutschland die Eizellenspende verboten ist, weil Mutterschaft als unteilbar betrachtet wird und die Kommerzialisierung von menschlichem Gewebe nicht zulässig ist, dürfen sich unfruchtbare Paare in Amerika sogar eine Art Big Mother aus den Karteien von Eizellenspenderinnen einerseits und belastbaren Leihmüttern andererseits zusammenstellen: The Kid Team!

"Wer unbedingt Kinder will, fährt ins Ausland"

Auch bei uns würden viele Frauen eine solche Möglichkeit goutieren. Die Zahlen schwanken, aber rund jede dritte Frau in Deutschland wird auch nach mehrfacher künstlicher Befruchtung nicht schwanger. Wer sich nicht mit einem kinderlosen Leben abfinden will, sucht sein (illegales) Glück dann eben im Ausland. Diese Art des heimlichen Schwangerschaftstourismus blüht tatsächlich: Ungefähr 1.000 Frauen fahren jedes Jahr nach Polen, Mallorca oder Tschechien, wo die Eizellenspende erlaubt ist. In Tschechien kostet sie 6.000 Euro und ist ein letzter Ausweg, auch für Frauen, die nach einer Krebserkrankung keine eigenen Eizellen mehr produzieren. Für Menschen mit mehr Geld eignet sich hingegen die Ukraine: Dort können Paare willige Leihmütter mieten - für 40.000 Euro. Hört sich ein wenig dubios an, zugegeben. Wird da auf dem Rücken von Menschen ohne ökonomische Perspektive knallhart das eigene Lebensglück verwirklicht? Möglicherweise. Und ja, auch das relativ neue Phänomen Co-Parenting klingt zunächst einmal grenzwertig. So nennt sich ein Arrangement, bei dem sich zwei oder auch mehrere Partner zusammenschließen, um gemeinsam Eltern zu werden - ohne emotionale Bindung, nur weil’s gerade in die Lebensplanung passt. So entstehen "Design-Familien", die mit einer traditionellen Kernfamilie wenig gemeinsam haben. Wie das technisch funktioniert? Mal so, mal so: Manchmal werden Kinder auf natürlichem Weg gezeugt, in anderen Fällen über eine künstliche Befruchtung. Die "Eltern" finden auf Kontaktbörsen wie Modamily zusammen, um später ein gemeinsames Kind, nicht aber Wohnung und Bett zu teilen. Modamily-Gründer Ivan Fatovic verdient eine Menge Geld mit seinem Geschäftsmodell, für das er eine wachsende Nachfrage verzeichnen kann. Die Nutzer seiner Seite sind meist zwischen 35 und 45 Jahren alt und zu zwei Dritteln Frauen, nur 20 bis 25 Prozent davon sind homosexuell.

"Sind künstlich gezeugte Kinder traumatisiert? Nein, sagen Experten"

Ist dieser Anbahnungsbetrieb zur Fortpflanzung nun deshalb schon böse, weil irgendwer davon profitiert - oder wir mit solch unromantisch-pragmatischen Modellen einfach nicht aufgewachsen sind? Belastet es Kinder, die aus solchen Zweckgemeinschaften hervorgehen? Nein, sagt Sarah J. Schoppe-Sullivan von der Ohio State University. Für sie existiert kein wissenschaftlicher Beleg dafür, "dass eine romantische Beziehung für die Erziehung von Kindern notwendig ist". Und auch der Münchner Reproduktionsmediziner Jörg Puchta (siehe Interview) ist sicher, dass kein Kind unter seiner "künstlichen" Herkunft leiden muss. Im Gegenteil: "Ich würde fast sagen, es gibt keine Kinder, die mit mehr Liebe großgezogen werden als die, die dank künstlicher Befruchtung entstanden sind."

Fragen bleiben. Zwischen natürlicher Zeugung in der Kleinfamilie und dem Designmodell Co-Parenting inklusive künstlicher Befruchtung liegen technisch, körperlich und weltanschaulich Welten, unbestritten. Doch was heißt das schon? In einer idealen Welt müsste jede Frau selbst bestimmen können, wo für sie persönlich die Grenze ist und wie weit sie für einen Kinderwunsch gehen würde - und nicht ein fragiler moralischer Kodex der Gesellschaft oder die Justiz. So einfach ist das. Am Ende läuft es doch wie immer im Leben auf eine Weisheit von Franz Beckenbauer hinaus, der einen Fehltritt mit Folgen auf der Weihnachtsfeier vom FC Bayern einst frech wegcharmierte: "Der Herrgott freut sich über jedes Kind!"

Die Methoden:

In­-vitro-­Fertilisation (IVF):

Künstliche Befruchtung, bei der Eizellen mit Samenzellen außerhalb des Körpers befruchtet und wenige Tage später in die Gebärmutter eingepflanzt werden.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI):

Bei eingeschränkter Samenqualität werden die Spermien des Mannes unter einem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Egg Freezing oder Social Freezing:

Bei minus 196 Grad werden Eizellen in einem Stickstofftank konserviert. Sie können Jahre später befruchtet und eingepflanzt werden.

Leihmutterschaft:

Eine andere Frau wird für das Austragen eines Babys bezahlt. Dabei wird ihr die befruchtete Eizelle des Paares eingesetzt oder sie wird mit dem Sperma des Auftraggebers insemiert. In Deutschland verboten.

Embryonenspende:

In Deutschland möglich, aber rechtlich nicht unumstritten: Eizellen, die im Rahmen einer IVF befruchtet und eingefroren wurden und nicht mehr vom Ursprungspaar verwendet werden können, werden an andere Empfänger gespendet.

Stimmen:

„Ich wollte auf Nummer sicher gehen“

Nadine H., 33, entschied sich für Social Freezing

Ich habe mich vor zwei Jahren nach einer langen Beziehung von meinem Freund getrennt. Im Laufe der Zeit realisierte ich, dass es dauern kann, bis ich wieder einen Mann kennenlerne. Eine Freundin aus Eng­land brachte mich auf die Idee des Egg Freezing. Am Anfang machten wir Witze darüber, die Sache klang irgendwie ziemlich futu­ ristisch. Aber plötzlich wurde mir klar, dass das mit dem Mutterwerden auch schiefgehen kann. Ich habe Freundinnen, bei denen es nicht geklappt hat, weil sie - manchmal aus Karrieregründen - zu lange gewartet haben. Vor einem halben Jahr habe ich mir deshalb gesagt: Jetzt sicherst du dich ab. Der medizinische Eingriff war relativ unkom­ pliziert. Seitdem verspüre ich eine Art Unbeschwertheit, ein neues Selbstbewusst­ sein - auch als Frau. Bei Männern gilt es ja immer als cool, wenn sie mit Aktien spekulieren. Ich spekuliere auf ein Kind, das halte ich für wesentlich sinnvoller.

"Spritzen, Ultraschall, Blutabnahmen – eine Tortur“ 

 Sina M., 45, ist mithilfe von Eizellenspenden zweifache Mutter geworden

Mir war lange nicht klar, dass ich auf natürlichem Weg nicht schwanger werden kann. Bis ich mit 35 dachte: Da stimmt doch was nicht!? Ich bin nervös geworden, weil ich unbedingt Kinder wollte. Aber bis zur Geburt meines ersten Kindes hat es dann fast noch drei Jahre gedauert. Eine schwere Zeit mit oft hilflos wirkenden Ärzten, Spritzen unter die Bauchdecke, ständig Ultraschall, Blutabnahmen, Frust. Dann der erste Abgang. Schließlich sind wir in eine Klinik nach Belgien gegangen. Dort bin ich mit IVF schwanger geworden. Alles in allem haben wir rund 5000 Euro bezahlt, aber das ist zweitranig. Meinen zweiten Sohn habe ich in Amerika bekommen, das war wesentlich unkomplizierter. Ich hätte nicht alles versucht, um ein Baby zu kriegen. Aber für mich gibt es moralisch gesehen keinen Unterschied zwischen natürlich und künstlich gezeugten Kindern.

Interview mit Experte Dr. Jörg Puchta

Der Münchner Kinderwunsch- Experte Dr. Jörg Puchta plädiert für Egg Freezing

Von vielen wird Egg Freezing ähnlich bejubelt wie einst die Antibabypille. Ist die neue Methode wirklich eine Revolution?

Unbedingt. Mit der Pille konnten Frauen bestimmen, wann sie nicht schwanger werden wollten. Mit der Methode der konservierten Eizellen können Frauen erstmals das Kinderkriegen nach hinten verschieben - also bestimmen, wann sie schwanger werden wollen. Für mich ist das ein Tool, um das Ticken der biologischen Uhr um zehn bis fünfzehn Jahre zu verzögern. Natürlich wäre es ideal, wenn eine Frau mit 25 ein Kind bekommt. Aber die gesellschaftlichen Umstände sprechen oft dagegen. Egg Freezing kann den worst case verhindern - mit Mitte 40 festzustellen, dass es keine Chance mehr auf Kinder gibt.

Frauen mit Kinderwunsch werden manchmal als "verwirrte Opfer" belächelt. Wie sehen Sie die weibliche Sehnsucht nach Nachwuchs?

Es ist völlig abstrus, Frauen zu unterstellen, der Kinderwunsch wäre eine Art modische Projektion. Der Fortpflanzungswille ist das, was uns antreibt, und diesen Drang haben hauptsächlich Frauen.

Es gibt den Vorwurf, dass Egg Freezing vor allem dazu dient, unser Leben perfekt zu designen.

Die Kulturgeschichte der Menschheit ist die der ewigen Perfektionierung. Der Auftrag der Medizin lautet, unser Wohlergehen zu optimieren und unser Leben zu erleichtern. Dazu zähle ich auch diese Methode.

Ursprünglich wurde sie für Krebspatientinnen entwickelt, die nicht mehr auf natürlichem Weg schwanger werden konnten.

Dieses Glück, doch noch ein Kind zu bekommen, ist für Außenstehende nicht zu ermessen. Ich habe noch keine Frau erlebt, die hier nicht vor Seligkeit weinend rausgegangen ist.

Inwiefern könnte das Thema Partnerschaften beeinflussen?

Schwer abzusehen. Natürlich setzen sich emanzipierte Frauen enorm unter Druck, einen idealen Partner zu finden, den es vielleicht gar nicht gibt. Manche entscheiden sich für Egg Freezing für den Fall, dass der Richtige noch auftaucht, und nicht, um mit dem aktuellen Partner Kinder zu bekommen. Aber ich sehe auch, dass die Männer zum Problem geworden sind: Sie wollen sich nicht festlegen und auf keinen Fall sofort Kinder. Viele sind da sehr unreif.

Autoren: Text: Harald Braun/ Protokolle und Interview: Katja Nele Bode