Autor Wladimir Kaminer

Sieben Frauen, die mein Leben verändert haben

Autor Wladimir Kaminer, 50, über seine persönlichen Heldinnen und warum die Welt besser dran wäre, wenn Frauen das Ruder übernähmen.

Veröffentlicht am 04.05.2018
Wladimir Kaminer.

Wladimir Kaminer.


1. Meine Tochter

Dank ihr weiß ich, dass ich ungebildet und sexistisch bin. Sie ist 21 und studiert Europäische Ethnologie und Gendertheorien. Ihre Eltern hält sie für konservative, zurückgebliebene Menschen. Regelmäßig zwingt sie mich, meinen Blick auf die Welt zu hinterfragen. Sie ist eine begnadete Kritikerin, dafür liebe ich sie. 

2. Angela Merkel

Bundeskanzlerin

Als sie zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, sah ich ein Plakat von ihr, auf dem stand: „Kriminelle Ausländer raus.“ Irgendein Witzbold hatte ein Komma gemacht zwischen Kriminelle und Ausländer, und ich dachte: Merkel ist ultrarechts. Ich habe mich geirrt. Ihre Anwesenheit beruhigt mich. Wie meine Mutter schafft sie es, das Chaos zu ordnen, indem sie einfach nur da ist, Gespräche führt und uns suggeriert, die Welt sei in Ordnung. Wir wären besser dran, wenn Frauen die Politik übernähmen. 

Angela Merkel.


3. Walentina Tereschkowa

Kosmonautin

Sie war eine der prominenten Frauen, denen mein Vater Gedichte schrieb, und die erste, die im Weltall gevögelt hat. Sie sollte 1963 im Auftrag der Regierung prüfen, ob man in der Schwerelosigkeit schwanger werden kann. Nach dem Raumflug hat sie ihren Kollegen geheiratet und sich wieder scheiden lassen. Mir war ihre Geschichte eine Warnung: Probleme lassen sich nicht in der Ferne lösen. Was uns auf Erden nicht gelingt, gelingt uns auch nicht auf dem Mond. 

4. Amanda Lear

Sängerin und Moderatorin

Sie hat mich und das sowjetische Volk verführt. Ein knapp zwei Meter großes, geheimnisvolles Wesen mit erotischer Stimme, von dem wir alle nicht wussten: Ist es eine Frau oder ein Mann? Ende der 1970er ist sie ein paarmal in der Sendung „Sterne der ausländischen Kultur“ aufgetreten. Mein Nachbar hat sich jedes Mal die Haare gekämmt, bevor er sich vor den Fernseher gesetzt hat: Amanda hat meine Neugier auf den Westen geweckt.

Amanda Lear.


5. Meine Mutter

Sie hat mir beigebracht, entspannt zu bleiben und mich nicht in jeden Streit zu werfen, der sich anbietet. Als konfliktscheuer Mensch ist sie der Meinung, alles löse sich von alleine. Und wenn nicht: Pech gehabt. Eine gute Haltung, vor allem wenn man im Stau steht. Sie ist 87, belesen und klug, und deshalb indirekt dafür verantwortlich, dass ich mit einer ebenso belesenen, klugen Frau verheiratet bin. 

6. Ulrike Meinhof

Journalistin und Terroristin

Wie mutig die Meinhof war, wie bedingungslos sie gegen Alt- und Neofaschisten gekämpft hat. Sie hat ihr Land geliebt und gleichzeitig gehasst, eine Gefühlsmischung, die ich für typisch weiblich halte. Ich lehne Terrorismus entschieden ab, aber die Aufrichtigkeit und die Verzweiflung, die ich in Meinhofs Gesicht lese, berühren mich. 

Ulrike Meinhof.