Wohnreportage

Aus zwei mach eins

Umziehen, weil man mehr Platz braucht? Nö. Lieber warten, bis die Nachbarn ausziehen, dann Wände einreißen und Quadratmeter und Stil verdoppeln.

Veröffentlicht am 29.03.2018

Namensgeber: Wegen des Sofas nennt Johanna das Wohnzimmer ihren grünen Salon. Vintage-Möbel ersteigert sie erfolgreich auf Auktionen. 


Für ein Paar war die 60 Quadratmeter große Altbauwohnung ideal: große Fenster, über drei Meter hohe Decken, kleiner Balkon Richtung Süden – und das mitten in Stockholm. Doch dann wurden Bankerin Johanna und ihr Mann Alex, ein Bauunternehmer, Eltern von Gustav und Ebba, heute 3 und 1. Umziehen? Kam nicht infrage! Dafür liebten sie ihr ruhiges Viertel mit den Jugendstilhäusern, dem Blick auf die Straße und in die Bäume zu sehr. 

Best of Scandinavia im Stockholmer Esszimmer: „Tulip"-Stühle des Finnen Eero Saarinen, Esstisch vom dänischen Designer Piet Hein. 


Zufall oder Glück, die Nachbarn nebenan zogen jedenfalls genau zum richtigen Zeitpunkt aus – und Johanna und Alex fackelten nicht lang und kauften deren Wohnung mit exakt dem gleichen Grundriss einfach dazu. Nachdem zwei Wände durchgebrochen wurden, bekamen die Räume teilweise neue Funktionen. Denn während eine Familie zwei Bäder noch gut gebrauchen kann und auch zu einem  Balkon-Duo niemand Nein sagt, sind in einem modernen Haushalt Küchen im Doppel ziemlich sinnlos.

Wo sich Herd und Spüle der Nachbarn befanden, steht heute das Ehebett, und der Korridor davor ist zum begehbaren Kleiderschrank geworden. Nachdem der Baustaub vom originalen Dielenboden gewischt war und die Wände ihren einheitlichen weißen Anstrich bekommen hatten, richtete Johanna die sechs Räume im cleanen skandinavischen Stil ein. „Ich habe für jedes Zimmer eine dominierende Farbe gewählt. Das Wohnzimmer ist unser grüner Salon, dunkelblaue Möbel und Accessoires lassen die Lounge, in der wir fernsehen, gemütlich wirken, und im Schlafzimmer geben himmelblaue Elemente den Ton an.“ 

Von oben nach unten: 1: Was bitte ist „cleantik"? Ein Mix aus geradlinig und antik – siehe Bild. 2: Himmlisch! Das Schlafzimmer mit beruhigendem Farbkonzept. 3: Klein, aber fein für ein Frühstück mit Kanelbullar: einer der beiden Balkone. 


Design-Klassiker wie Eero Saarinens „Tulip“-Stühle, die sich um den Piet Hein-Esstisch versammeln, oder Le Corbusiers „LC1“-Sessel für Cassina im grünen Salon werden ergänzt durch Biedermeier-Möbel, Selbstentworfenes und Erbstücke. Die großformatigen Gemälde, die in den hohen Räumen optimal zur Geltung kommen, befinden sich schon seit Jahrzehnten in Familienbesitz. 

Wer in Schwedens Hauptstadt lebt, kommt natürlich um Ikea nicht herum, und als finanzbewusste Bankkauffrau hat Johanna die Einbauküche dort gekauft. Dass man den Schränken ihre Herkunft allerdings nicht mehr ansieht, liegt daran, dass Johanna Fronten und Griffe ausgetauscht und edle Materialien wie Corian und Marmor zugefügt hat. 

Living.

Von oben nach unten: 1: Minimal Tango: Johanna und Tochter Ebba in der Küche. 2: Blau machen Johanna und Alex in der Lounge auf dem Sofa der schwedischen Marke Posh Living. 3: Der Weisheit letzter Schluss? Eine Kombi aus Messing vor Weiß. 


Ihre Lust am Einrichten ist nach wie vor ungebremst. Zwei Jahre nach der großen Renovierung würde sie am liebsten die dritte Wohnung auf der Etage kaufen. Ob ein Zuwachs an Quadratmetern auch mit weiteren Geschwistern für Ebba und Gustav einhergeht? Johanna schweigt und dekoriert.  

Ein Kunstwerk von Elisabeth Lecourt oder der Blick aus dem Fenster? Nichts kann den Hausherrn von seinen Bauprojekten ablenken.