Zeitmanagement

Ich mach das … morgen

Ich schiebe auf, also bin ich. Prokrastinieren kennt jeder – auch myself-Autorin Marija Latkovic. Wie kriegt man Dinge endlich geregelt?

Veröffentlicht am 20.02.2018
Frau im Chaos.

Aus den Augen … aber nicht aus dem Sinn. Wer ständig Dinge aufschiebt, hat oft ein schlechtes Gewissen.


Diesen Text wollte ich schon vor einer Weile schreiben, zum ersten Mal vor ein paar Jahren, als ich merkte: Bei mir läuft was schief. Aber dann war ich irgendwie verhindert. Wie so oft. Das geht schon länger. Im Studium lernte ich in den Nächten vor Klausuren und Referaten. Meine Diplomarbeit gab ich nach zweimaliger Verlängerung ab. Manche meiner Artikel kommen bis heute zu spät. Immerhin überweise ich Rechnungen inzwischen pünktlich. Ich hätte demnach auch einsteigen können mit „Hallo, mein Name ist Marija, und ich bin anonyme Prokrastiniererin“, aber das klingt, als wäre ich das Problem und nicht diese verrückte Welt.

Ich will es gar nicht runterspielen, mein Abwarten, Aufschieben und Hinauszögern, zumal es mir schon genug Ärger eingebracht hat. Es liegt weder an einer Krankheit noch daran, dass ich eine notorische Querulantin bin. Trotzdem manövriere ich mich öfter in die Ecke. Wie damals in der dritten Klasse. Wir sollten allein Mathe-Textaufgaben lösen, aber ich kam nicht weiter, also kritzelte ich auf einem Blatt Papier rum, kassierte eine Ermahnung und ein paar Minuten später noch eine. Danach stand ich links hinter dem Pult, mit dem Gesicht zur Wand und der Lehrerin im Rücken – eine Situation, die sich in meinem Leben gefühlt viele Male wiederholt hat. Jahre später begriff ich, was schiefgelaufen war und eigentlich bis heute schiefläuft: Irgendjemand erzählt mir, ich solle mein Bestes geben und möglichst selbstständig und eigenverantwortlich zum Ergebnis kommen, aber dann bitte auch nur innerhalb eines vorgegebenen Rasters.

Die Welt steckt voller solcher Raster, Fristen, Abgaben – gleichzeitig sind da all die Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen, privat und beruflich. Mit der nötigen Disziplin bringt man beides in Einklang. Heißt es. Man synchronisiert sein Leben mit dem Rest der Welt und richtet sich danach, bringt das Kind pünktlich in den Kindergarten, kommt nicht zu spät ins Büro, erscheint rechtzeitig zum Pilates-Kurs. Ich sehe ein, dass es in bestimmten Fällen nicht anders geht. Deshalb käme ich nie auf die Idee, um 11 Uhr im Büro einzulaufen, wenn um 9.30 Uhr eine Konferenz ansteht. Aber muss ich deshalb auch gleich meine Texte eher früh als spät abgeben? Und warum soll ich mich nicht von lästigen Pflichten wie der Steuererklärung ablenken?

Schreibtisch-Chaos.

Berg, lass nach! Frommer Wunsch – denn Unerledigtes wird schnell zur Riesenhürde.


Häufig höre ich: „Weil man sich besser fühlt, wenn man eine Aufgabe erledigt hat“ oder „Weil man dann mehr Zeit hat für andere Dinge“. Früher glaubte ich das noch und las Ratgeber, die „Schluss mit der Aufschieberitis“ hießen, schrieb To-do-Listen, priorisierte Aufgaben und übte mich in Zeitmanagement. Aber irgendwann erkannte ich: Mein Leben ist schon so voll, dass ich nicht noch mehr Kapazitäten für irgendetwas schaffen will. Außerdem fühle ich mich mit Prokrastinieren besser als ohne. Auf die Bauchschmerzen, wenn ich wieder mal spät dran bin, könnte ich jederzeit verzichten, klar – auf das Zaudern, Stocken, Nachdenken und Neu-Ansetzen dagegen nicht. Es hilft mir, die Dinge in meinem Kopf zu sortieren, auch wenn es erst mal Unruhe mit sich bringt.

„Innehalten ist etwas, das wir in unserer gegenwärtigen Welt brauchen wür­den, immer mehr brauchen würden“, sagt der Philosoph und Kulturwissenschaftler Rolf Elberfeld. Falls das stimmt, wäre Prokrastinieren eine kluge Form von All­tagsflucht. Aber das rede ich mir als 
Profi-Aufschieberin bestimmt nur ein. Denn Flucht ist ja nie die Lösung. An­griff in diesem Fall aber genauso wenig: Präkrastination, also der dringende Wunsch oder Zwang, Dinge früher zu erledigen als nötig, gilt inzwischen näm­lich auch schon als Problem. Als ich davon las, stellte ich mir eine Welt vor, in der alle immer alles zum richtigen Zeitpunkt tun, nicht zu früh und nicht zu spät. Anderen würde diese Vorstellung womöglich gefallen, ich fand sie eher unangenehm und tat, was ich in solchen Momenten immer tue: Ich schob den Gedanken schnell beiseite.

Selbsthilfe

In den USA gibt es die „Procrastinators Anonymous“. Die Amerikaner haben bekanntlich für alle(s) eine Lösung – auch für krankhafte Aufschieber. Nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker (AA) treffen sich im ganzen Land Selbsthilfegruppen der Procrastinators Anonymous (PA), dazu kommen Bücher und Online-Plattformen wie die von Recoveries Anonymous (r-a.org). Die Idee: Mithilfe von Gott (ohne Spiritualität geht’s offenbar nicht) und einem Zwölf-Schritte-Programm soll man wieder anpacken lernen und sein Leben in den Griff kriegen. Mit anderen in der Gruppe offen drüber reden ist der erste Schritt. Und der zweite? Just do it!