Trennung

Zum Glück getrennt (Folge 2)

Nach 15 Jahren Ehe kam das Ende. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Autorin Karina Lübke schreibt über das Ende ihrer Ehe. Die Fortsetzung ihrer Geschichte, zwei Monate später

Veröffentlicht am 21.02.2018
Verwelkende Rose


"Sie sollten über eine HPV- Impfung nachdenken. Die kostet zwar 500 Euro, wäre aber zu empfehlen.“ Meinen Gynäkologen kenne ich seit fast 25 Jahren. Natürlich habe ich ihm auch von der Trennung erzählt. Er hat meinen Lebensweg samt Schwangerschaften begleitet und mich immer richtig beraten und behandelt. Wieso sollte ich mich auf einmal gegen Humane Papillomviren impfen lassen? "Hä? Ich meine, wie bitte?", frage ich alarmiert. Er lächelt milde, beugt sich vor und sagt väterlich: "Nun, erfahrungsgemäß werden Sie als attraktive und relativ frisch getrennte Frau Sex mit diversen Partnern haben, und vielleicht sogar ungeschützten. Das ist in dieser Lebensphase total normal." Oh! Mein! Gott! Ich will doch in meinem Alter kein Aufklärungsgespräch mehr führen müssen! Wird der nette Arzt gleich eine Banane und Kondome aus der Schublade holen, um mir wie einem Teenager Safer Sex zu demonstrieren? So fühlen sich also meine Kinder, wenn man mit ihnen mal total locker und beiläufig über die Risiken von Geschlechtsverkehr redet. Ich schwöre mir, sie nie, nie mehr damit zu belästigen. "Äh. Ich ... werde darüber nachdenken. Ich muss weg ... Termine!"

Ich bin tatsächlich verabredet; mit einer weiteren Freundin, die sehen will, ob es mir immer noch so gut geht, dass eine Trennung langsam nachahmenswert wird. Und trotz der präventiven gynäkologischen Sicherheitshinweise werde ich bestimmt nicht auf dem Weg zum Café in meine übliche Drogeriefiliale gehen, wo das gesamte Viertel einkauft und zusehen könnte, wie ich leicht altersweitsichtig versuche, das Kleingedruckte auf den Rückseiten von Kondompackungen zu studieren. Es stimmt allerdings, dass ich nach meiner Ehe Männer anders wahrnehme; sie überhaupt wahrnehme, positiv. Sie tauchen plötzlich wieder auf meinem Radarschirm auf, wie Babyausstattungsläden, die einem erst auffallen, wenn man schwanger ist. Neulich etwa stieg ich mit meinen Kindern aus der U-Bahn, als uns ein attraktiver Typ entgegenkam, ein Skateboard unter dem Arm. Wir sahen uns interessiert an. "Hallo!", rief mein Sohn neben mir. "Hey, hallo!", antwortete der Skater. "Woher kennst du den denn?", fragte ich, als wir die Treppe hoch waren. "Das ist mein Musiklehrer!" – "Was, das ist ein Lehrer?", rief ich, "kann ich den bitte im nächsten Elterngespräch haben?" – "Der fährt nicht nur Skateboard, der spielt auch in einer Band!", setzte mein Sohn hoffnungsvoll nach. Und dachte laut weiter: "Wenn du den als Freund hättest, würde ich bestimmt lauter Einsen kriegen." – "Du hast echt keine Ahnung", widersprach seine große Schwester, "dann muss er dich erst recht streng benoten, damit keiner sagen kann, er würde dich wegen deiner Mutter bevorzugen!" – "Der ist sowieso zu jung für mich", beendete ich die Diskussion. Und dachte: Oder?

"Ich, ein Coach für Trennungs-Willige?"

Ich wehe ins Café hinein, meine Freundin sitzt schon erwartungsvoll da. Sie scannt mich von den Haaren bis zu den Schuhen. Ihr "Du siehst ja immer noch großartig aus!" klingt fast enttäuscht, als wir uns umarmen. Ich könnte momentan mein Geld als Coach für trennungswillige Langzeit-Eheleute verdienen. Männer fragen, wie stark die Beziehung zu den Kindern durch ihren Auszug leiden würde. Antwort: Ihr habt genau die gleiche Beziehung wie vorher, nur dass man für deren Erhalt aktiver werden muss.

War sie immer intensiv, wird es so bleiben. Bestand die Verbindung überwiegend über die Mutter, die sie herstellen oder moderieren musste, wird noch deutlicher, wie wenig man sich kennt oder sich zu sagen hat. Mütter fragen mich immer, ob die Kinder Schulprobleme bekämen. Nein, sie haben sich sogar weiter verbessert, sodass ich den Leistungsabfall-wegen-Trennung-der-Eltern-Joker noch nicht ziehen musste. Meine Freundin sagt neidisch: "Da habt ihr wohl Glück gehabt und genau den richtigen Zeitpunkt für eine Trennung erwischt!" Aber ich denke, den richtigen Zeitpunkt gibt es – wie bei allen lebensverändernden Entscheidungen – nie. Nur plötzliche Klarheit, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann. "Kommst du Samstag auch zu dieser Party?", fragt sie. "Bespreche ich mit den Kindern", sage ich. Zurück zu Hause, frage ich meine Tochter: "Dein Bruder ist ja auf dieser Freizeit, kannst du am Wochenende bei einer Freundin übernachten? Dann könnte ich auf eine Party gehen und am nächsten Tag ausschlafen." Sie lacht. "Was für eine Party soll das sein? Du schläfst doch abends um acht Uhr immer ein!"

Verdammt. Sie hat ja recht. Trotz aller Euphorie ist das Trennungsjahr auch anstrengend und ermüdend. Es gibt viele Tage, an denen mein Kopf vor Terminen, Verantwortlichkeiten und Gedanken platzt, während mein Körper herumrast und versucht, allem und jedem pünktlich gerecht zu werden. Manchmal fällt mir plötzlich ein Wort nicht ein oder ich stehe mit einem Apfel, einem Kamm und einer Hose in der Hand im Flur und überlege verwirrt, was mein Plan war. Ja, ich muss ruhiger und anwesender werden. Deshalb wollte ich neulich so unbedingt zur Yogastunde, dass ich mit den Tränen kämpfte, als zwei Minuten nach zehn bereits die Tür abgeschlossen war. Als ich mich bei einem Freund darüber beschwerte, wie streng der Yogalehrer geworden wäre, sagte der: "Aber fängt die Stunde nicht erst um halb elf an? Da war noch keiner da!" Statt wegzurennen, hätte ich einfach stehen bleiben und fünfzehn Minuten weinen müssen, dann wäre der Guru mit dem Schlüssel gekommen. Vielleicht sollte ich mir das als Grundsatz merken.

Aber jetzt ist ein perfekter Moment. Während ich in meinem Büro am Computer sitze und schreibe, singt meine Tochter in der Küche Hits aus dem Radio mit – froh, laut, schräg –, während sie die ersten Kekse dieses Jahres bäckt. Es duftet bis zu mir herein nach Zimt, Vanille und Orange. Im Wohnzimmer auf dem großen Samtsofa fläzt sich mein Sohn, frisch gebadet, eingewickelt in einen riesigen Bademantel, und tut so, als würde er aus dem Buch in seiner Hand französische Vokabeln lernen, während er heimlich "Die Simpsons" im Fernsehen guckt. Da ist es wieder, dieses alles erhellende Glücksgefühl. Ich schließe die Augen und lächle sinnlos in die Dunkelheit. Niemand wird heute Abend hereinkommen und herumbrüllen, weil im Bad noch nasse Handtücher oder Kleidungsstücke auf dem Boden liegen. Auf dem alten Holztisch spiegeln sich brennende Duftkerzen und Teelichter zwischen Blumen, Zweigen und Hagebutten aus dem Garten. Gleich werde ich aufstehen und die dicken Vorhänge zuziehen.

Draußen gießt und stürmt es, da toben das schlechte Wetter und die Welt, aber hier drinnen, an diesem Abend, ist alles, alles gut. Und ich denke: Danke! Allein dafür hat es sich gelohnt. 

Autorin: Karina Lübke

Lesen Sie hier den ersten Teil von "Zum Glück getrennt (Teil 1)"

Die Fortsetzung, einige Monate später: "Zum Glück getrennt (Teil 3)"