Das Ende einer Ehe

Zum Glück getrennt (Folge 3)

Autorin Karina Lübke schreibt über das Aus ihrer Ehe. Dies ist der dritte und letzte Teil

Veröffentlicht am 22.02.2018
Verwelkende Rose


Es ist das erste Mal, dass ich so etwas mache. Freitagabend: Um mich herum dröhnt Musik und gigantische Bildschirme flackern wie bei einem Migräneprovokationstest. Die Typen sehen mir erwartungsvoll entgegen, die meisten von ihnen sind sehr jung. Ich entscheide mich für einen attraktiven älteren Mann, der sich im Hintergrund hält. "Würden Sie mir bitte helfen? Ich muss einen Fernseher kaufen, der alles kann, was Fernseher heute so können müssen, und der auch ausgeschaltet gut aussieht. Nein, ich habe von Technik keine Ahnung, aber wenn Sie versuchen sollten, mich zu verarschen, werde ich es merken und dann weiß ich, wo ich Sie finde."

Vier Wochen ist es nun her, dass mein Sohn verzweifelt auf dem Sofa im Wohnzimmer saß und immer wieder rief: "Ich kann es einfach nicht glauben! Gestern war er doch noch hier!" "Ach, Schatz", versuchte ich ihn zu trösten, "du kannst doch deinen Vater jederzeit anrufen oder treffen, der ist doch nicht aus der Welt." "Das meine ich doch gar nicht!", rief das Kind, "ich meine den Fernseher!" Richtig, denn der war ja zusammen mit dem ZEM (Zukünftiger Ex-Mann) ausgezogen. Und nach zwei Wochen Wutanfällen der Kinder bei "Mensch ärgere dich nicht" und Wutanfällen von mir bei "Memory" wollte ich nicht weiter testen, womit sich im dunklen Winter zwei Teenager ohne Fernseher artgerecht beschäftigen. Außerdem hatte ich selbst noch ungesehene DVDs – und Kurzurlaub in "Downton Abbey" so nötig, dass eigentlich die Krankenkasse die Kosten dafür übernehmen müsste.

Statt Ehering trage ich jetzt Augenringe

Als ich den Elektronikmarkt wieder verlasse, habe ich einen internetfähigen 55-Zoll-LED-Fernseher gekauft und dabei erfahren, dass der Fachverkäufer geschieden ist, mit seinem 17-jährigen Sohn zusammenlebt und auch oft joggen geht, was man gern mal zusammen machen könnte. Vielleicht in Kombination mit einem technischen Problem? Diese Art von Verabredung wäre auch was Neues. Mein Trennungsjahr ist sowieso die Zeit der ersten Male: Ich stehe in hohen Schuhen auf einer hohen Leiter und schraube eine Küchenfronttür wieder fest. Ich transportiere mehr Getränkekisten, volle Einkaufstüten und Blumensträuße auf meinem Fahrrad als der Chinesische Staatscircus, denn ZEM gehört auch das Auto. Ich konferiere wie eine echte Erwachsene mit meinem Anwalt. Ich finde eine eigene Steuerberaterin und beginne tatsächlich Quittungen zu sammeln. Ich hebe die elektrische Heckenschere zumindest probeweise über den Kopf, ehe ich selbst einen Gärtner anrufe und die Rechnung selbst bezahle. Ich schwanke dabei zwischen "Hammer! Ich kann einfach alles!" und "Hilfe! Ich kann nicht mehr!". Bei Letzterem rufe ich eine Freundin an.

Verwelkte Rosen


Hier ein überlebenswichtiger Ratschlag: Niemand sollte sich scheiden lassen, der nicht auf ein emotionales Sicherheitsnetzwerk aus echten Freunden vertrauen kann. Ich bin euch unendlich dankbar für Trost, Tee, den handgewebten Schal, Spaziergänge, böse Witze, Essen, Ermutigung, Klatsch, Kontakte, Komplimente, Telefonate, nächtliche Chats, Musik, Loyalität und so viel Liebe. Diese Freunde sind umso wichtiger, weil es plötzlich erstaunlich viele Menschen gibt, die ich zwar kaum kenne, die aber gemeinsamen Bekannten erzählen, sie wären mit mir befreundet und ich wäre ja "schon immer ein Freigeist und eine Exzentrikerin gewesen". Sogar die Anforderungen an Exzentriker scheinen mit dem allgemeinen Werteverfall zu schwinden. Wohne ich etwa auf Bäumen, mit nichts bekleidet als lebenden Eichhörnchen? Nein, an den meisten Tagen wird mein Freigeist an den Lederleinen meiner Pflichten durch die Stunden gezerrt. Ruhige Minuten? Limited Edition. Faule Wochenenden? Leider nicht verfügbar. Statt Ehering trage ich oft Augenringe. Das hier ist kein Sprint, sondern ein Marathon und man sollte jede Hilfe, jeden guten Rat annehmen. Stolz ist dabei – auch dies zum ersten Mal – nur das Zweitbeste. Ich nehme sogar das Joggingverbot ernst, seit ich bei zwei Grad meiner tiefen Müdigkeit davonlaufen wollte und im Park zum ersten Mal in meinem Leben umgekippt bin. Die Ursache dafür war nicht mangelnde Fitness, sondern ein verdrängtes Grippevirus, wie mir der Arzt nach dem EKG streng vorhielt. "Sie Irre!", setzte er freundlich hinzu (er kennt mich seit über 20 Jahren und behandelt mich entsprechend effektiv). "Sie brauchen Ruhe! Jetzt schreibe ich Sie eine Woche krank, Sie legen sich schön ins Bett und schlafen sich aus." Da habe ich sehr gelacht und auch ein bisschen geweint. "Krankschreiben?! Bin ich fest angestellt, oder was? Ich habe Abgabetermine! Ich habe zwei Kinder!" Als ich nach Hause schlich, um mich wenigstens für diesen Tag ins Bett zu legen, war mir bewusst, dass ich trotzdem zu den Privilegierten unter den alleinerziehenden Müttern gehöre. Ich habe immerhin genug Arbeit, die ich meistens liebe.

Noch etwas. Es gibt Dinge, die wünscht man sich von Herzen, aber sie sind zu schön, um wahr zu sein – Einhörner, Traumprinzen und freundschaftliche Trennungen. Das Problem ist: Wenn man so harmonisch miteinander gelebt hätte, dass man sich nun harmonisch trennen könnte, dann würde man sich gar nicht erst trennen. Wer wie ich naiv gehofft hatte, ab sofort wenig mit dem anderen zu tun zu haben, muss feststellen, dass man sich zuerst stärker und grundlegender denn je miteinander auseinandersetzen muss. Wer Kinder hat, bleibt durch diese ewig in Verbindung, die es nun neu zu definieren gilt. Geschiedene Freundinnen trösten, das würde leichter, sobald die Scheidung samt allen Vereinbarungen durch sei. Eine andere Hoffnung machte mir ausgerechnet mein Friseur: "Schau mal, du kriegst ganz viele neue Haare!", jauchzte er. "Was hast du bloß dafür gemacht?!" Und plötzlich sah ich es auch, hair, the next generation, wie eine Gloriole zwischen den anderen abstehend. "Wie alt sind die ungefähr?", fragte ich ergriffen. "Der Länge nach ein gutes halbes Jahr", erwiderte der Fachmann. Ja, das passt, dachte ich. Die Dauerausschüttung von Adrenalin und Cortisol, körpereigenem Agent Orange, ist weggefallen und neues Leben wächst.

Ach, und der neue Fernseher ist übrigens perfekt und viel besser als der alte. Dessen Verschwinden erwies sich also als "Glück im Unglück", wie mein Sohn es zufrieden auf den Punkt brachte.

Ja. Glück im Unglück. So ist momentan mein Leben. 

Autorin: Karina Lübke

Lesen Sie hier den ersten Teil "Zum Glück getrennt (Teil 1)"

Hier geht es zu Teil 2 von "Zum Glück getrennt"