Mein Friseur und ich

Kleine Friseur-Typologie

Friseure in ihrem Salon | © iStock | AleksandarNakic
Friseur ist nicht gleich Friseur - es gibt klare Unterschiede!
Foto: iStock | AleksandarNakic

Waschen, schneiden, föhnen? Ach was, in vielen Salons kriegt man mehr. Manchmal sogar richtig gute Lebensberatung.

Der Besserwisser

Du bist kaum durch die Tür, da ringt er schon die Hände, sein Gesicht eine Grimasse des Grauens: „Wer hat dir denn die Haare geschnitten?!“ Du überlegst noch, wie ihm schonend beizubringen ist, dass du ihn dieses eine Mal mit „Cut ’n’ Go“ betrogen hast, die den gleichen Job für die Hälfte gemacht haben, da hängt dein Kopf schon im Waschbecken. „Kinder, kommt mal alle her, habt ihr so etwas schon gesehen?“ Sie eilen herbei, ringen nun ebenfalls die Hände, stoßen Entsetzensschreie aus und versichern dir im gleichen Atemzug, es gebe keinen Grund zur Sorge – wenn einer das wieder hinbekomme, dann er. Er wiederum seufzt und schnippelt, stöhnt und föhnt, und am Ende sieht es wirklich sehr hübsch aus. Nämlich genauso wie vorher.

Das Gossip Girl

„Ach schau mal, der William, Jesses, wie dem die Haare ausgehen, dabei ist der noch keine 40, und die Kate könnte auch mal wieder Ansätze färben – Kopf bisschen zurück, Schätzchen –, aber sonst sieht die ja tipptopp aus, sogar in der Schwangerschaft – nee, nicht ganz so weit –, wobei ich mich frage, wie die das aushält mit diesem Buckingdings Palast, also für mich – still halten! –, für mich jedenfalls wär das nix, denk bloß an die Diana, die hat das auch fertiggemacht – jetzt mal nach links drehen, Süße – ... wo war ich stehen geblieben?“ Mitten in ihrem Monolog hast du begonnen, dich zu fragen, ob das geht, gleichzeitig reden, in der Zeitschrift mitlesen und Haare schneiden, und als du dann in den Spiegel schaust, weißt du: Nee, geht nicht.

Die Gescheiterte

Dass sie damals das Philosophiestudium geschmissen hat, um mit dem Surflehrer durchzubrennen, wird sie sich niemals verzeihen – und dir, die du jetzt doof auf ihrem Stuhl sitzt, erst recht nicht; der Friseurberuf bedeutet für sie, dass sie krass unter Wert abschneidet. Bevor du ihren Salon betrittst, hast du das Feuilleton gelesen und dir Sartre, Kant und Kierkegaard in groben Zügen draufgeschafft, mit dem Resultat, dass sie die metaphysische Weltauffassung Martin Heideggers am Beispiel eines Lockenstabs erläutert. Während du verzweifelt nach Worten ringst, winkt sie schon ab: „Lass mal, da steigst du eh nicht durch.“ Ihre Frisuren sind grübelnd, hochkomplex, irgendwie metaphysisch.

Der Lebensberater

Ein Blick in dein Gesicht, und er ahnt etwas. Ein Griff in deine Locken, und er weiß alles: der Zoff mit dem Ex, der Stress im Büro, die total verhunzte Party gestern und dass du morgens 1,506 Kilo mehr auf der Waage hattest. Er unterdrückt eine Aufwallung blanken Entzückens und macht sich an die Arbeit. Beim Haarewaschen knetet er Trauer und Anteilnahme in dich hinein, frottiert dich mit warmen Worten trocken, schneidet Selbsthass und Weltekel großzügig weg, färbt die gräulichen Stellen golden, fügt ein paar Highlights hinzu und bläst dir zum Finale frischen Wind um die Ohren. Für 199 Euro sind die Haare nur so mittelgut, aber du verlässt seinen Salon als getröstete und, ja: irgendwie auch irre tolle Frau.

Der Künstler

Er arbeitet im abgefuckten Teil der Stadt, rechts ein Sexshop, links eine Galerie für dadaistische Gegenwartskunst, an seinem Studio bist du erst vorbeigelaufen, weil du es für einen BDSM-Club gehalten hast. Ob er den Bob ein wenig kürzen könne, wisperst du, worauf er dich intensiv anblickt und Rachmaninow auflegt; als er dir den Umhang um den Hals knotet, siehst du, dass seine Arme mit Szenen aus Hieronymus Boschs „Weltgerichtstriptychon“ tätowiert sind. Das ist der Moment, in dem du Angst bekommst. Unnötig, wie sich herausstellt: Fünf Stunden später bist du rothaarig, langmähnig und hast Locken – auf der linken Schädelseite, die rechte ist rasiert. Davon abgesehen kommt es deiner Wunschfrisur aber recht nahe.

Der Star-Stylist

Zwei Monate, um einen Termin in seinem Salon zu kriegen. Weitere drei Jahre, um einen Termin zu kriegen – bei ihm persönlich. Inzwischen hast du sicherheitshalber dein Auto verkauft und das Familiensilber schätzen lassen, aber jetzt bist du da, und noch bevor du ihn persönlich siehst, siehst du ihn in der Vogue an der Seite der Kanzlerin. Sein fünfter Assistent shampooniert, sein vierter Assistent färbt, der dritte schneidet, der zweite balanciert ein Glas Ruinart herein und kündigt ihn an, und dann kommt er persönlich, erzählt von Angela, strubbelt dir einmal sachte durch den neuen Kanzlerinnen-Pony und trinkt den Ruinart in einem Zug aus. Das war das Familiensilber wert – die Mädels werden gucken!

Text: Tanja Rest